Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Predigten und Andachten

 

Streit

Predigt am 18. Sonntag nach Trinitatis, 10. Oktober 2004

Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe

II. Reihe: Römer 14, 17-19

Streit liegt in der Luft, liebe Gemeinde, erbitterter Streit bis hin zu Austritten aus der Gemeinde und Ausschluss aus der Gemeinschaft.
Vielleicht fangen die ersten von Ihnen nun an, unruhig auf den Stühlen hin und her zu rutschen - Streit - wie unangenehm! Streit, dem geht man doch besser aus dem Weg. Konflikte - besser um jeden Preis vermeiden und erst recht in der Kirche, wo doch alle einmütig sein sollten.
Ich kann Sie zunächst einmal beruhigen: dieser Streit, um den es in unserem Predigttext geht, ist fast 2000 Jahre her.
Wir erfahren auch nur die paulinische Sicht der Dinge, denn uns ist dieser Streit eben zunächst einmal in den Briefen des Paulus an verschiedene Gemeinden der damaligen römisch-hellenistischen Welt überliefert. Der Gemeinde in Rom schreibt Paulus:

 

Das Reich Gottes besteht nicht aus Essen und Trinken, sondern aus Gerechtigkeit, Frieden und Freude im heiligen Geist. Denn alle, die darin dem Messias Jesus dienen, sind Gott angenehm und anerkannt bei den Menschen. Daher lasst uns nach dem streben, was dem Frieden und der gegenseitigen Unterstützung dient.

Wieso denn eigentlich Streit? Da steht doch etwas von Frieden, gegenseitiger Unterstützung, von Freude. Und das das Reich Gottes nichts mit den schnöden Bedürfnissen unseres Körpers zu tun hat, ist doch seit langer Zeit christliche Tradition.

Für viele Christinnen und Christen in der Zeit der ersten Gemeinden hatte das Reich Gottes, hatte Glauben und die Seligkeit sehr wohl etwas mit Essen und Trinken zu tun.
In der christlichen Gemeinde Roms gab es "Starke" und "Schwache". Zwischen ihnen entbrannte ein Konflikt. Darf ein Christ Fleisch verzehren, das vor seiner Schlachtung einem heidnischen Gott geopfert wurde? Die "Starken" meinten ja, denn es gebe keine heidnischen Götter. Die "Schwachen" meinten nein. Mit dem Verzehr des Fleisches dringe das Heidnische in das Leben des Christen. Dem aber müsse man von Anfang an entgegentreten, indem man dieses Fleisch nicht esse.
Heute gibt es keine christlichen Speisegesetze mehr, nur Bräuche wie das Fischgericht am Karfreitag. Deren Einhaltung oder Übertretung bleiben unbeachtet. Sie haben keinen Stellenwert mehr im christlichen Leben. Darum ist der Konflikt der römischen Gemeinde zunächst schwer verständlich. Er ist weit weg von unserer Realität.
Also könnten wir doch eigentlich sehr froh sein, diese Kinderkrankheiten des Christentum hinter uns gelassen zu haben und ich könnte darüber predigen, wie schön es ist, immer einträchtig und ohne Streit zu sein.
Ich bin überzeugt, das wäre dann weder Paulus, noch der Gemeinde in Rom noch dem Reich Gottes angemessen.
Paulus war sicherlich kein Friedensengel und vor allem kehrte er nichts unter den Teppich, beharrte auch auf unbequemen Standpunkten und unpopulären Gewissheiten.
Es wäre sicher auch fehl am Platz, weil hochmütig, die Römer zu belächeln ob ihrer Essens-Querelen, im Irrglauben, wir seien längst weiter und erwachsener.
Wir hätten genug Anlass zur Auseinandersetzung: die, denen die Tradition ein großes Glaubensgut ist, mit denen, denen nichts neu und modern genug sein kann. Die Frommen mit den Weltoffenen, die, die jeden Sonntag zum Gottesdienst kommen, mit denen, die nur ab und zu, vielleicht nur Weihnachten da sind und sich doch als Gemeinde sehen, die Alten mit den Jungen, die Männer mit den Frauen, die Leisen mit den Lauten, die, die den Gottesdienst immer wieder anders feiern möchten, mit denen, die sich nur zu Hause darin fühlen, wenn die alt vertrauten liturgischen Formen jeden Sonntag wieder vorkommen, die, die schon sicher sind, die neue Kirche wird nicht ihr Gotteshaus werden, mit denen, die auf die Einweihung sehnlichst warten. Wir in dieser Gemeinde hätten wahrlich genug Grund. Warum streiten wir nicht?
Vielleicht, weil uns die Themen oder die Menschen keinen Konflikt mehr wert sind?
Oder weil wir uns Auseinandersetzungen per se als unchristlich verbieten?
Oder weil Streit auch Kraft und Energie kostet?
Schade! Ich glaube, viele Themen einer Kirchengemeinde und alle ihre Menschen sind es wert, sich mit ihnen zu beschäftigen, gemeinsam große Schritte zu machen (denn auch das steckt in der Wortwurzel Streit), sich aus-einander-zusetzen.
Das Reich Gottes ist es allemal wert, sich mit anderen Menschen darum abzumühen.
Paulus lehnt Streit nicht von vornherein ab, lese ich in seinen Briefen. Aber er streitet um Themen, die eine Auseinandersetzung wert sind. Es geht ihm um Gerechtigkeit. Um Frieden. Und um Freude.
Und er hat Regeln für einen dienlichen Streit. Es geht nicht darum, den anderen zu verurteilen, möglichst klein zu machen, möglichst handlungsunfähig, oder ihn gar zu verachten.
„Lasst uns nach dem streben, was dem Frieden und der gegenseitigen Unterstützung dient.“ so schreibt er der Gemeinde in Rom. Hätte er in deutscher Sprache geschrieben, so hätte Paulus das vielleicht auch so ausgedrückt: Lasst uns nicht gegeneinander streiten, sondern miteinander.
Um Gerechtigkeit - kommen alle Menschen in dieser Gemeinde, in unserer Stadt, in unserem Land wie in anderen Länder, zu ihrem Recht?
Frieden - wo dient das Schweigen dem friedlichen Leben und wo müssen wir streiten, um des lieben Friedens Willen?
Freude - was ist mit der Freude am Leben, an Gottes guter Schöpfung, seiner Liebe zu uns, wann haben Sie diese Freude zum letzten Mal gespürt, gelebt?
Ich will Ihnen diese Fragen nicht beantworten, aber es lohnt sich, darüber miteinander zu reden, auch zu streiten, um des Reiches Gottes Willen, den Menschen zu dienen und zur Ehre Gottes. Amen

Und der Geist Gottes, der größer ist als unsere Vorstellungskraft, sei uns Stärke und Hilfe zu allem Guten und bewahre uns in Gottes Liebe. Amen.