II. Reihe: Römer 14, 17-19
Streit liegt in der Luft, liebe Gemeinde, erbitterter Streit bis hin zu
Austritten aus der Gemeinde und Ausschluss aus der Gemeinschaft.
Vielleicht fangen die ersten von Ihnen nun an, unruhig auf den Stühlen hin und
her zu rutschen - Streit - wie unangenehm! Streit, dem geht man doch besser
aus dem Weg. Konflikte - besser um jeden Preis vermeiden und erst recht in der
Kirche, wo doch alle einmütig sein sollten.
Ich kann Sie zunächst einmal beruhigen: dieser Streit, um den es in unserem
Predigttext geht, ist fast 2000 Jahre her.
Wir erfahren auch nur die paulinische Sicht der Dinge, denn uns ist dieser
Streit eben zunächst einmal in den Briefen des Paulus an verschiedene
Gemeinden der damaligen römisch-hellenistischen Welt überliefert. Der Gemeinde
in Rom schreibt Paulus:
Das Reich Gottes besteht nicht aus Essen und Trinken, sondern aus Gerechtigkeit, Frieden und Freude im heiligen Geist. Denn alle, die darin dem Messias Jesus dienen, sind Gott angenehm und anerkannt bei den Menschen. Daher lasst uns nach dem streben, was dem Frieden und der gegenseitigen Unterstützung dient.
Wieso denn eigentlich Streit? Da steht doch etwas von Frieden,
gegenseitiger Unterstützung, von Freude. Und das das Reich Gottes nichts mit
den schnöden Bedürfnissen unseres Körpers zu tun hat, ist doch seit langer
Zeit christliche Tradition.
Für viele Christinnen und Christen in der Zeit der ersten Gemeinden hatte das
Reich Gottes, hatte Glauben und die Seligkeit sehr wohl etwas mit Essen und
Trinken zu tun.
In der christlichen Gemeinde Roms gab es "Starke" und "Schwache". Zwischen
ihnen entbrannte ein Konflikt. Darf ein Christ Fleisch verzehren, das vor
seiner Schlachtung einem heidnischen Gott geopfert wurde? Die "Starken"
meinten ja, denn es gebe keine heidnischen Götter. Die "Schwachen" meinten
nein. Mit dem Verzehr des Fleisches dringe das Heidnische in das Leben des
Christen. Dem aber müsse man von Anfang an entgegentreten, indem man dieses
Fleisch nicht esse.
Heute gibt es keine christlichen Speisegesetze mehr, nur Bräuche wie das
Fischgericht am Karfreitag. Deren Einhaltung oder Übertretung bleiben
unbeachtet. Sie haben keinen Stellenwert mehr im christlichen Leben. Darum ist
der Konflikt der römischen Gemeinde zunächst schwer verständlich. Er ist weit
weg von unserer Realität.
Also könnten wir doch eigentlich sehr froh sein, diese Kinderkrankheiten des
Christentum hinter uns gelassen zu haben und ich könnte darüber predigen, wie
schön es ist, immer einträchtig und ohne Streit zu sein.
Ich bin überzeugt, das wäre dann weder Paulus, noch der Gemeinde in Rom noch
dem Reich Gottes angemessen.
Paulus war sicherlich kein Friedensengel und vor allem kehrte er nichts unter
den Teppich, beharrte auch auf unbequemen Standpunkten und unpopulären
Gewissheiten.
Es wäre sicher auch fehl am Platz, weil hochmütig, die Römer zu belächeln ob
ihrer Essens-Querelen, im Irrglauben, wir seien längst weiter und erwachsener.
Wir hätten genug Anlass zur Auseinandersetzung: die, denen die Tradition ein
großes Glaubensgut ist, mit denen, denen nichts neu und modern genug sein
kann. Die Frommen mit den Weltoffenen, die, die jeden Sonntag zum Gottesdienst
kommen, mit denen, die nur ab und zu, vielleicht nur Weihnachten da sind und
sich doch als Gemeinde sehen, die Alten mit den Jungen, die Männer mit den
Frauen, die Leisen mit den Lauten, die, die den Gottesdienst immer wieder
anders feiern möchten, mit denen, die sich nur zu Hause darin fühlen, wenn die
alt vertrauten liturgischen Formen jeden Sonntag wieder vorkommen, die, die
schon sicher sind, die neue Kirche wird nicht ihr Gotteshaus werden, mit
denen, die auf die Einweihung sehnlichst warten. Wir in dieser Gemeinde hätten
wahrlich genug Grund. Warum streiten wir nicht?
Vielleicht, weil uns die Themen oder die Menschen keinen Konflikt mehr wert
sind?
Oder weil wir uns Auseinandersetzungen per se als unchristlich verbieten?
Oder weil Streit auch Kraft und Energie kostet?
Schade! Ich glaube, viele Themen einer Kirchengemeinde und alle ihre Menschen
sind es wert, sich mit ihnen zu beschäftigen, gemeinsam große Schritte zu
machen (denn auch das steckt in der Wortwurzel Streit), sich
aus-einander-zusetzen.
Das Reich Gottes ist es allemal wert, sich mit anderen Menschen darum
abzumühen.
Paulus lehnt Streit nicht von vornherein ab, lese ich in seinen Briefen. Aber
er streitet um Themen, die eine Auseinandersetzung wert sind. Es geht ihm um
Gerechtigkeit. Um Frieden. Und um Freude.
Und er hat Regeln für einen dienlichen Streit. Es geht nicht darum, den
anderen zu verurteilen, möglichst klein zu machen, möglichst handlungsunfähig,
oder ihn gar zu verachten.
„Lasst uns nach dem streben, was dem Frieden und der gegenseitigen
Unterstützung dient.“ so schreibt er der Gemeinde in Rom. Hätte er in
deutscher Sprache geschrieben, so hätte Paulus das vielleicht auch so
ausgedrückt: Lasst uns nicht gegeneinander streiten, sondern miteinander.
Um Gerechtigkeit - kommen alle Menschen in dieser Gemeinde, in unserer Stadt,
in unserem Land wie in anderen Länder, zu ihrem Recht?
Frieden - wo dient das Schweigen dem friedlichen Leben und wo müssen wir
streiten, um des lieben Friedens Willen?
Freude - was ist mit der Freude am Leben, an Gottes guter Schöpfung, seiner
Liebe zu uns, wann haben Sie diese Freude zum letzten Mal gespürt, gelebt?
Ich will Ihnen diese Fragen nicht beantworten, aber es lohnt sich, darüber
miteinander zu reden, auch zu streiten, um des Reiches Gottes Willen, den
Menschen zu dienen und zur Ehre Gottes. Amen
Und der Geist Gottes, der größer ist als unsere Vorstellungskraft, sei uns
Stärke und Hilfe zu allem Guten und bewahre uns in Gottes Liebe. Amen.