Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
III. Reihe: Markus 10,17-27
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der war, ist und
kommen wird. Amen
Liebe Gemeinde,
manche Stellen der Bibel sind uns so vertraut – sie sind schon in den
sprichwörtlichen Sprachgebrauch übergegangen. Wenn ich Ihnen dieses Kamel und
diese Nadel zeige, wissen die meisten von Ihnen sofort, um was es heute gehen
soll: natürlich um die Stelle: eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als das
ein Reicher in den Himmel kommt.
Altbekannt, altvertraut und trotzdem: lassen Sie uns noch einmal auf den
Wortlaut des Bibeltextes hören:
Das Evangelium nach Markus 10,17-27
Als Jesus sich auf den Weg machte, kam einer herbeigelaufen, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: »Guter Lehrer, was soll ich tun, damit ich Anteil am ewigen Leben erhalte?« Jesus entgegnete ihm: »Was nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott allein. Die Gebote kennst du: Du sollst nicht töten! Du sollst keine Ehe brechen! Du sollst nicht stehlen! Du sollst nicht als Lügenzeuge aussagen! Du sollst nicht begehren, was andere besitzen! Halte deinen Vater und deine Mutter in Ehren!« Da antwortete der andere: »Lehrer, das alles habe ich seit meiner Jugend befolgt.« Jesus blickte ihn an, umarmte ihn voll Zuneigung und sagte zu ihm: »Eins fehlt dir: Geh hin, verkaufe, was du hast, und gib es den Armen! Und du wirst einen Schatz im Himmel haben. Dann komm her, folge mir nach!« Der andere wurde über diese Antwort sehr traurig und ging betrübt weg; denn er hatte viel Besitz.
Da schaute sich Jesus um und sagte zu seinen Jüngerinnen und Jüngern: »Wie schwer werden alle, die etwas besitzen, in das Reich Gottes hineingelangen!« Die Jüngerinnen und Jünger erschraken über seine Worte. Jesus reagierte sofort und sagte zu ihnen: »Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes hineinzugelangen! Es ist leichter für ein Kamel, durch ein Nadelöhr hindurch zukommen, als für Reiche, in das Reich Gottes hineinzugelangen.« Da entsetzten sie sich völlig und sprachen zueinander: »Wer kann dann gerettet werden?« Jesus blickte sie an und sagte: »Bei den Menschen ist es unmöglich, aber nicht bei Gott. Denn bei Gott ist alles möglich.«
Kein
Text, den ich so gerne höre, liebe Gemeinde, denn ich fürchte, ich muss mich
zu den Reichen zählen. Ich besitze zwar keine immensen Reichtümer, aber ich
habe ein Dach über dem Kopf, ich muss mir keine Sorgen um mein tägliches Essen
machen, ich habe mehr Kleidung, als ich eigentlich brauche. Mein Leben ist
ziemlich gut abgesichert in einem immer noch recht reichen Land.
Es geht nicht um Kleinigkeiten in diesem Nachdenken über Reich und Arm,
sondern es geht um das Reich Gottes. Wie also umgehen mit diesem Dilemma?
Da kommt also einer zu Jesus, einer, der sich sorgt um seine Zukunft, um das
ewige Leben. Und der ist zwar reich, aber deshalb kein schlechter,
gedankenloser Mensch, denn von Jugend auf, so sagt er, lebt er nach den zehn
Geboten, beachtet Gottes Regeln für die Freiheit und das Zusammenleben der
Menschen. Er lebt mit seien Mitmenschen in Frieden, achtet ihre Menschenwürde,
gibt seinen Anteil an der Zedaka, der Abgabe für die Bedürftigen.
Was also noch tun? Eigentlich könnte man doch jetzt erwarten, dass Jesus ihn
lobt: gut gemacht, du bist dem Herzen Gottes sehr nah!
Aber, Sie haben es gehört, Jesus verlangt die Aufgabe allen Besitzes und
unbedingt Nachfolge.
Beim Hören reagiere ich wie die Jünger, ich erschrecke und möchte eigentlich
mit diesem Jesus diskutieren:
Wie kann er es sich erlauben, diesen doch offensichtlich reichen jungen Mann
vor den Kopf zu stoßen, man hätte in ihm einen guten Sponsor finden können!
Es ist doch ökonomischer Schwachsinn, alles zu verkaufen, lass doch das Geld
arbeiten und verwende die Erträge für einen guten Zweck.
Weißt du eigentlich, was du damit anrichtest? Immer wieder in den folgenden
Jahrhunderten haben Menschen persönliche Armut mit Heilssicherheit
verwechselt.
Und wo eigentlich fängt Reichtum an? Wie ist deine Bemessungsgrenze für Armut,
Jesus, kann ich vielleicht doch noch durch das Nadrelöhr durchschlüpfen?
Liebe Kinder, wie schwer ist’s, ins Reich Gottes zu kommen!
Ich gelange offenbar nicht ins Reich Gottes, wenn ich zu den Reichen gehöre.
Ich gelange aber auch nicht hinein, wenn ich nur zu den Armen gehöre und sonst
keine Qualitäten aufweise.
Ich gelange nicht ins Reich Gottes, wenn ich Punkt für Punkt die Gebote Gottes
befolge und es dabei vielleicht an der nötigen Demut fehlen lasse.
Alles, was ich tun kann, scheint nicht zu genügen. Der Himmel muss mutmaßlich
absolut menschenleer sein.
Nach menschlichem Ermessen ist es doch also wohl völlig unmöglich, ins Reich
Gottes zu gelangen.
»Bei den Menschen ist es unmöglich, aber nicht bei Gott. Denn bei Gott ist
alles möglich.«
Heil erlange ich nicht durch mein eigenes Tun, sondern allein durch Gottes
Zuwendung, seine Gnade, seine Liebe zu uns Menschen.
Sola gratia – allein aus Gnade ist der Mensch gerechtfertigt, so bringt es
Martin Luther auf den Punkt.
In Anlehnung an den Apostel Paulus könnten wir vielleicht so sagen: Und wenn
ich allen Glauben hätte und gäbe all meine Habe den Armen und ließe meinen
Leib verbrennen und hätte die Liebe Gottes nicht, so wäre es mir nichts nütze.
Carola Moosbach schreibt in ihrem „Zwischenbericht“ zu unserer Bibelstelle:
Kein Haus und kein Geld, noch nicht einmal ein Auto, arbeits los, kaum noch
verwertbar. Wort reich zahlt sich nicht aus. Menschen Liebe zu wenig. Gottes
bedürftig von Grund auf. Leben gefunden mit leeren Händen.
Gottes Liebe zu uns Menschen ist der Weg durch das Nadelöhr und der Grund
unserer Hoffnung. Amen.
Und der Geist Gottes, der größer ist als unsere Vorstellungskraft, sei uns
Stärke und Hilfe zu allem Guten und bewahre uns in Gottes Liebe. Amen.