Lieder: 452, 1,2,5 716 (W) 320, 1-6 414 495, 1-3 171, ,2
II.REIHE: EPHESER 4,22-32
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
„Licht einfangen.
Streit.
kampferprobte gedanken
werden in die schlacht
der wörter geschickt
das visier ist heruntergeklappt
blind vor wut
rasen die satzheere aufeinander zu
sieger gibt es keine
nur verwundete seelen
und schweres marschgepäck im herzen
die sonne versinkt
lass uns um gottes und um unserer selbst willen
noch rechtzeitig ihr licht einfangen
damit wir sehen
wo wir uns verbinden können.
Licht einfangen.
Susanne Schullerus-Kessler, manchen noch vom „Wort zum Sonntag“ bekannt.
Liebe Schwestern und Brüder,
leider kennen wir das doch zu gut: Streit. Verletzungen durch Worte, die
vielleicht nicht so gemeint waren, aber die jetzt tiefe Wunden geschlagen
haben. Keiner wollte nachgeben. Es hat so richtig geknallt. Susanne
Schullerus-Kessler schreibt es so treffend von den Wörtern, die in die
Schlacht geschickt werden, den Satzheeren, in auf einander treffen. Und am
Ende gibt es eben keine Sieger, sondern nur verwundete Seelen. Was jetzt tun?
„Licht einfangen.“ Da war doch etwas, woher sie dies hat. Eine Stelle der
Bibel, dass ihr „die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen lassen sollt.“ Ja
- das ist das Licht: das Licht der Versöhnung, dass trotz allem
Sonnenuntergang miteinander verbinden kann. Hören wir doch jetzt auf diesen
Text, auf dem dieses kleine Gedicht fußt:
Der Predigttext steht im Epheserbrief im 4.Kapitel:
"Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel,
der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet.
Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn
und zieht den neuen Menschen an,
der nach Gott geschaffen ist
in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.
Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit,
ein jeder mit seinem Nächsten,
weil wir untereinander Glieder sind.
Zürnt ihr, so sündigt nicht;
lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen,
und gebt nicht Raum dem Teufel.
Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr,
sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann.
Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist,
damit es Segen bringe denen, die es hören.
Und betrübt nicht den heiligen Geist Gottes,
mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung.
Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit.
Seid untereinander freundlich und herzlich
und vergebt einer dem andern,
wie auch Gott euch vergeben hat in Christus."
Gott segne unser Reden und unser Hören. Amen.
„Erneuert euch in Geist und Sinn - und zieht den neuen Menschen an“ - „Legt
die Lüge ab und redet die Wahrheit“ -„Habt ihr Wut und Zorn - so sündigt
nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“ Der Apostel, der
dies geschrieben hat, wusste also sehr wohl, das auch Wut und Zorn, dass auch
Meinungsverschiedenheiten und harter Streit unter Christen an der Tagesordnung
sein können. Und dass Streit ausgetragen werden muss. Es heisst eben nicht:
„Hat jemand Wut und Zorn, so halte er seinen Mund und ordne sich unter.“ Nein,
es heisst: „Habt ihr Wut und Zorn - so sündigt nicht.“ Und Sünde geschieht da,
wo aus Wut und Zorn der andere Mensch in seiner Würde beschädigt und verletzt
wird. Wo es nicht mehr um die Sache geht, sondern darum, den anderen in seiner
Person zu treffen - und am liebsten zu vernichten. Auch ein Mundtot-Machen
eines Andersdenkenden beschädigt dessen Menschenwürde. Wir alle kennen dies
doch, bestimmt als Opfer - und ich gehe soweit, auch zu sagen: als Täter -
dessen, was man heute modern als MOBBING bezeichnet.
„Erneuert euch in Geist und Sinn - und zieht den neuen Menschen an“. Durch den
Glauben frei gewordene Christen können streiten ohne sich dabei zu verletzten.
Sie respektieren einander - auch in ihrer Unterschiedlichkeit. Sie nehmen
einander ernst - und können sich auch durchaus einmal aufregen. Sie haben den
Mut, sich auch einmal ehrlich und ohne Visier zu begegnen. Aber nur da, wo
Streit versöhnlich geschlichtet wird, kann Friede einziehen. Wo aber statt
dessen nur der stärkere Ellenbogen und der längere Arm entscheidet, da wird
niemals wirklich Friede sein. Auch das muss Kirche und in der Kirche immer neu
gelernt werden. Es geht nicht ohne dieses „Licht einfangen“, ohne die
erhellende Erkenntnis, dass es erst das Licht der Gnade Gottes ist, das uns
Versöhnung bringt; Versöhnung, die in der Vergebung ihren Ursprung hat.
„Zieht den neuen Menschen an“. Wer sich in einem Streit befindet, soll sich
zunächst einmal an seine eigene Nase greifen. Wir schleppen alle soviel
Vorurteile und Vorverurteilungen mit uns herum. Wir kennen alle sowenig von
den wirklichen Zusammenhängen - aber wir urteilen so schnell und so
überheblich sicher. In der Gemeinde Jesu Christi soll es aber anders zugeben.
Wir sind eine Gemeinde von Sündern, denen vergeben wurde. Niemand ist von
Geburt aus gut. Niemand ist gut geworden, weil er oder sie so fromm und voller
guter Werke wäre. Durch die Taufe sind wir Gottes Kinder geworden, angenommen
allein aus Gnade und nicht aufgrund besonderer Werke.
Christus selbst war kein Ja-Sagen. Christus selbst hat oft genug den Streit
gesucht und durchgestanden. Deshalb ist es so wichtig für seine
Nachfolgerinnen und Nachfolger das richtige Streiten zu lernen.
Streitigkeiten um des Kaisers Bart sind völlig überflüssig. Gott ist die
Liebe, und wer Gott liebt, der liebt auch seine Schwester und seinen Bruder.
Wer aber nur sich selbst liebt und aus eigener Eitelkeit und Machtansprüchen
den Streit sucht, verhält sich nicht christlich. Voraussetzung für einen
Streit ist die Unterscheidung, was wirklich wichtig ist, und nicht nur für
einen selbst, sondern auch für die anderen Menschen. Wichtig ist das
Sich-in-die-Haut-des-anderen-Versetzen. Wer das nicht kann, kann auch nicht
wirklich streiten.
Wie schnell sind böse, verletzende, ja sagen wir ruhig, „teuflische“ Worte
gesagt. Deshalb empfiehlt unser Predigttext ganz eindrücklich: „Rede nur das,
was erbaut und notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören.“ Das
heisst doch, bevor ich etwas sage, muss ich mir selbst, und wenn ich noch so
aufgebracht bin, die Frage stellen: „Ist das zum Guten für den anderen oder
muss es ihm zwangsläufig schaden oder geht es ihn überhaupt etwas an oder
hilft es ihm überhaupt?“ Es ist die innere Ruhe, die eigene Mitte, die Geduld,
den kühle Kopf, der uns solches Denken vor dem Reden schenkt. Und es ist
Gottes gnädiger Geist, der in uns diese so wichtige Mitte zunächst einmal
wirken und festmachen muss. Wie schlimm, wenn eigene Streitsucht nur
verschleiert, wie leer doch eigentlich unser eigenes Herz ist.
„Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“ Dieser schöne Satz
bedeutet mehr als die Lebenserfahrung, es ist besser, vor dem Zubettgehen
zumindest einen Waffenstillstand zu schliessen. Die Sonne - das ist in der
Bibel auch immer ein Symbol für die Liebe, die in Jesus Christus Mensch
geworden ist. Christus ist das Licht der Welt. Dieses Licht ist durch die
Taufe einem jeden von uns persönlich gekommen. Dafür steht das Licht der
Taufkerze. Dieses Licht darf nicht verlöschen. Es ist viel grösser,
strahlender, schöner als jeder Streit. Grösser als alles Dunkle ist dieses
Licht der Liebe Gottes. Der Blick dafür darf nicht untergehen. Deshalb ist so
wichtig, am Abend eines Tages voller Streit, wenn die Sonne des Tages
erloschen ist und die Frage aufkommt, was bleibt jetzt an wirklich Wichtigem,
der Blick für das Wesentliche, nämlich Gottes leuchtende Liebe nicht verloren
geht. Aufgrund dieser Liebe ist es möglich, nachzugeben. Aufgrund dieser Liebe
ist es möglich, zu verzeihen. Aufgrund dieser Liebe lohnt es sich, über den
eigenen Schatten zu springen und sich wieder die Hände zu reichen und sich neu
in den Arm zu nehmen.
„Erneuert euch in Geist und Sinn - und zieht den neuen Menschen an.“ Auch als
Christen können und sollen wir streiten. Hoffentlich fair, ehrlich, eben nicht
egoistisch und nur aus eigener Eitelkeit heraus um Unwesentliches - und ohne
nur in Macht und Gesetzlichkeit zu denken. Es ist tödlich, mit Menschen zu
streiten, in deren Herzen es nur dunkel und trostlos ist. Deshalb lasst uns
immer neu „Licht einfangen“. „Licht einfangen“ heisst, möglichst viel von
Gottes Liebe und unendlicher Aufmerksamkeit und Geduld in das eigene Herz zu
lassen. Denn ein lichtes Herz findet eher den Weg zum anderen Menschen. Und
wenn es auch nicht immer gleich zu einer Versöhnung kommt, so bleibt dem
lichten Herz die Hoffnung, dass Gott Zeiten und Wege finden wird, dass
irgendwann und irgendwie doch noch einmal etwas in Bewegung gerät und Menschen
ganz neu zueinander finden können.
Ich wünsche uns allen junge Herzen, die mutig genug zum Streiten sind. Ich
wünsche uns lichte Herzen, die wissen, das wichtiger als aller Streit die
Verbindung zum Leben ist. Damit Menschen aufgebaut und nicht erdrückt,
gesegnet und nicht verflucht werden.
Amen.