Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Licht einfangen

Predigt zum 19.SONNTAG NACH TRINITATIS (17.10.2004)

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

Lieder: 452, 1,2,5 716 (W) 320, 1-6 414 495, 1-3 171, ,2

II.REIHE: EPHESER 4,22-32

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.

„Licht einfangen.

Streit.

kampferprobte gedanken
werden in die schlacht
der wörter geschickt

das visier ist heruntergeklappt
blind vor wut
rasen die satzheere aufeinander zu

sieger gibt es keine
nur verwundete seelen
und schweres marschgepäck im herzen

die sonne versinkt
lass uns um gottes und um unserer selbst willen
noch rechtzeitig ihr licht einfangen
damit wir sehen
wo wir uns verbinden können.

Licht einfangen.

Susanne Schullerus-Kessler, manchen noch vom „Wort zum Sonntag“ bekannt.

Liebe Schwestern und Brüder,

leider kennen wir das doch zu gut: Streit. Verletzungen durch Worte, die vielleicht nicht so gemeint waren, aber die jetzt tiefe Wunden geschlagen haben. Keiner wollte nachgeben. Es hat so richtig geknallt. Susanne Schullerus-Kessler schreibt es so treffend von den Wörtern, die in die Schlacht geschickt werden, den Satzheeren, in auf einander treffen. Und am Ende gibt es eben keine Sieger, sondern nur verwundete Seelen. Was jetzt tun? „Licht einfangen.“ Da war doch etwas, woher sie dies hat. Eine Stelle der Bibel, dass ihr „die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen lassen sollt.“ Ja - das ist das Licht: das Licht der Versöhnung, dass trotz allem Sonnenuntergang miteinander verbinden kann. Hören wir doch jetzt auf diesen Text, auf dem dieses kleine Gedicht fußt:
Der Predigttext steht im Epheserbrief im 4.Kapitel:

"Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel,
der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet.
Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn
und zieht den neuen Menschen an,
der nach Gott geschaffen ist
in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit,
ein jeder mit seinem Nächsten,
weil wir untereinander Glieder sind.
Zürnt ihr, so sündigt nicht;
lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen,
und gebt nicht Raum dem Teufel.
Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr,
sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann.

Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist,
damit es Segen bringe denen, die es hören.
Und betrübt nicht den heiligen Geist Gottes,
mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung.
Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit.
Seid untereinander freundlich und herzlich
und vergebt einer dem andern,
wie auch Gott euch vergeben hat in Christus."

Gott segne unser Reden und unser Hören. Amen.

„Erneuert euch in Geist und Sinn - und zieht den neuen Menschen an“ - „Legt die Lüge ab und redet die Wahrheit“ -„Habt ihr Wut und Zorn - so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“ Der Apostel, der dies geschrieben hat, wusste also sehr wohl, das auch Wut und Zorn, dass auch Meinungsverschiedenheiten und harter Streit unter Christen an der Tagesordnung sein können. Und dass Streit ausgetragen werden muss. Es heisst eben nicht: „Hat jemand Wut und Zorn, so halte er seinen Mund und ordne sich unter.“ Nein, es heisst: „Habt ihr Wut und Zorn - so sündigt nicht.“ Und Sünde geschieht da, wo aus Wut und Zorn der andere Mensch in seiner Würde beschädigt und verletzt wird. Wo es nicht mehr um die Sache geht, sondern darum, den anderen in seiner Person zu treffen - und am liebsten zu vernichten. Auch ein Mundtot-Machen eines Andersdenkenden beschädigt dessen Menschenwürde. Wir alle kennen dies doch, bestimmt als Opfer - und ich gehe soweit, auch zu sagen: als Täter - dessen, was man heute modern als MOBBING bezeichnet.

„Erneuert euch in Geist und Sinn - und zieht den neuen Menschen an“. Durch den Glauben frei gewordene Christen können streiten ohne sich dabei zu verletzten. Sie respektieren einander - auch in ihrer Unterschiedlichkeit. Sie nehmen einander ernst - und können sich auch durchaus einmal aufregen. Sie haben den Mut, sich auch einmal ehrlich und ohne Visier zu begegnen. Aber nur da, wo Streit versöhnlich geschlichtet wird, kann Friede einziehen. Wo aber statt dessen nur der stärkere Ellenbogen und der längere Arm entscheidet, da wird niemals wirklich Friede sein. Auch das muss Kirche und in der Kirche immer neu gelernt werden. Es geht nicht ohne dieses „Licht einfangen“, ohne die erhellende Erkenntnis, dass es erst das Licht der Gnade Gottes ist, das uns Versöhnung bringt; Versöhnung, die in der Vergebung ihren Ursprung hat.

„Zieht den neuen Menschen an“. Wer sich in einem Streit befindet, soll sich zunächst einmal an seine eigene Nase greifen. Wir schleppen alle soviel Vorurteile und Vorverurteilungen mit uns herum. Wir kennen alle sowenig von den wirklichen Zusammenhängen - aber wir urteilen so schnell und so überheblich sicher. In der Gemeinde Jesu Christi soll es aber anders zugeben. Wir sind eine Gemeinde von Sündern, denen vergeben wurde. Niemand ist von Geburt aus gut. Niemand ist gut geworden, weil er oder sie so fromm und voller guter Werke wäre. Durch die Taufe sind wir Gottes Kinder geworden, angenommen allein aus Gnade und nicht aufgrund besonderer Werke.

Christus selbst war kein Ja-Sagen. Christus selbst hat oft genug den Streit gesucht und durchgestanden. Deshalb ist es so wichtig für seine Nachfolgerinnen und Nachfolger das richtige Streiten zu lernen.

Streitigkeiten um des Kaisers Bart sind völlig überflüssig. Gott ist die Liebe, und wer Gott liebt, der liebt auch seine Schwester und seinen Bruder. Wer aber nur sich selbst liebt und aus eigener Eitelkeit und Machtansprüchen den Streit sucht, verhält sich nicht christlich. Voraussetzung für einen Streit ist die Unterscheidung, was wirklich wichtig ist, und nicht nur für einen selbst, sondern auch für die anderen Menschen. Wichtig ist das Sich-in-die-Haut-des-anderen-Versetzen. Wer das nicht kann, kann auch nicht wirklich streiten.

Wie schnell sind böse, verletzende, ja sagen wir ruhig, „teuflische“ Worte gesagt. Deshalb empfiehlt unser Predigttext ganz eindrücklich: „Rede nur das, was erbaut und notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören.“ Das heisst doch, bevor ich etwas sage, muss ich mir selbst, und wenn ich noch so aufgebracht bin, die Frage stellen: „Ist das zum Guten für den anderen oder muss es ihm zwangsläufig schaden oder geht es ihn überhaupt etwas an oder hilft es ihm überhaupt?“ Es ist die innere Ruhe, die eigene Mitte, die Geduld, den kühle Kopf, der uns solches Denken vor dem Reden schenkt. Und es ist Gottes gnädiger Geist, der in uns diese so wichtige Mitte zunächst einmal wirken und festmachen muss. Wie schlimm, wenn eigene Streitsucht nur verschleiert, wie leer doch eigentlich unser eigenes Herz ist.

„Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“ Dieser schöne Satz bedeutet mehr als die Lebenserfahrung, es ist besser, vor dem Zubettgehen zumindest einen Waffenstillstand zu schliessen. Die Sonne - das ist in der Bibel auch immer ein Symbol für die Liebe, die in Jesus Christus Mensch geworden ist. Christus ist das Licht der Welt. Dieses Licht ist durch die Taufe einem jeden von uns persönlich gekommen. Dafür steht das Licht der Taufkerze. Dieses Licht darf nicht verlöschen. Es ist viel grösser, strahlender, schöner als jeder Streit. Grösser als alles Dunkle ist dieses Licht der Liebe Gottes. Der Blick dafür darf nicht untergehen. Deshalb ist so wichtig, am Abend eines Tages voller Streit, wenn die Sonne des Tages erloschen ist und die Frage aufkommt, was bleibt jetzt an wirklich Wichtigem, der Blick für das Wesentliche, nämlich Gottes leuchtende Liebe nicht verloren geht. Aufgrund dieser Liebe ist es möglich, nachzugeben. Aufgrund dieser Liebe ist es möglich, zu verzeihen. Aufgrund dieser Liebe lohnt es sich, über den eigenen Schatten zu springen und sich wieder die Hände zu reichen und sich neu in den Arm zu nehmen.

„Erneuert euch in Geist und Sinn - und zieht den neuen Menschen an.“ Auch als Christen können und sollen wir streiten. Hoffentlich fair, ehrlich, eben nicht egoistisch und nur aus eigener Eitelkeit heraus um Unwesentliches - und ohne nur in Macht und Gesetzlichkeit zu denken. Es ist tödlich, mit Menschen zu streiten, in deren Herzen es nur dunkel und trostlos ist. Deshalb lasst uns immer neu „Licht einfangen“. „Licht einfangen“ heisst, möglichst viel von Gottes Liebe und unendlicher Aufmerksamkeit und Geduld in das eigene Herz zu lassen. Denn ein lichtes Herz findet eher den Weg zum anderen Menschen. Und wenn es auch nicht immer gleich zu einer Versöhnung kommt, so bleibt dem lichten Herz die Hoffnung, dass Gott Zeiten und Wege finden wird, dass irgendwann und irgendwie doch noch einmal etwas in Bewegung gerät und Menschen ganz neu zueinander finden können.

Ich wünsche uns allen junge Herzen, die mutig genug zum Streiten sind. Ich wünsche uns lichte Herzen, die wissen, das wichtiger als aller Streit die Verbindung zum Leben ist. Damit Menschen aufgebaut und nicht erdrückt, gesegnet und nicht verflucht werden.

Amen.