Text: II.Reihe: 1.Johannes 4,16b - 21
Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, daß wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe. Laßt uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und haßt seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht? Und dies Gebot haben wir von ihm, daß, wer Gott liebt, daß der auch seinen Bruder liebe.
1.Joh 4, 16b-21 Lutherbibel 1984 © 1985
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.
„Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bliebt, der bleibt in Gott und
Gott in ihm.“ Nur dieser Satz wäre schon die Bibel wert. Gott ist die Quelle
aller Liebe; er ist in allen, die lieben.
Gott ist in der großen Liebe, von der alle träumen. Gott ist in der Liebe, die
sorgt und pflegt bis zur Selbstaufgabe. Gott ist in der zarten Liebe, mit der
Menchen einander suchen und lange zugewandt sind. Gott ist in aller Liebe.
Gott ist die Liebe. Wie wunderbar, wie tröstlich.
„Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bliebt in Gott und Gott
in ihm.“ Im Konfirmanden-Unterricht sagte mir neulich ein Konfirmand ganz
entrüstet: „Wie können Sie sagen, Gott liebt die Menschen, wenn es doch
soviele Kriege gibt, soviel Gewalt und Ungerechtigkeit?“ Ich habe gesagt, dass
er Recht habe mit seiner Frage und dass er damit ein ganz zentrales Thema der
Bibel angeschnitten habe: Wenn Gott die Liebe ist, woher kommt dann alles
Leid, alle Ungerechtigkeit der Welt? Hat Gott versagt - oder die Menschen?
Warum muss es überhaupt all das Leid geben?
Das Reden von der Liebe - manche können es schon nicht mehr hören. Zu
abgedroschen, zu oft mißbraucht worden ist dieses Wort.
Was meinen wir, wenn wir im christlichen Sinne von Liebe reden? Tugend der
Verlierer? Vertröstung der Unter-die-Räder-Gekommenen? Traumtänzerei?
Etikettenschwindel einer Glaubensgemeinschaft, die längst selbst nicht mehr
den eigenen Worten glaubt?
Wer traut denn noch der Liebe - in und ausserhalb der Kirche? Vor einer Reihe
von Jahren hat der inzwischen Alt-Alt-Präses Linnemann anlässlich des
125jährigen Jubiläums des St.Johannisstiftes in Paderborn über den Satz „Dies
Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder
liebe.“ gepredigt. Ich habe das noch einmal durchgelesen, weil ich es
interessant fand, was denn wohl dieser Satz gerade in einer diakonischen
Einrichtung, die in besonderer Weise die Verbindung von Gottes- und
Nächstenliebe zu leben versucht, zu sagen hat. Und am Anfang der Predigt von
Präses Linnemann fand sich schon dieselbe Problematik: Wer traut denn schon
der Liebe? Ich zitiere:
„Wenn einem ein lieber Mensch genommen wird, wenn einer eine schwere Krankheit
durchmachen muss, wie ist dann möglich zu glauben: Gott liebt mich!?
Angesichts der vielen Rätsel in unserer Welt, angesichts von Kriegen und
Unterdrückung, von Millionen Hungernder und Verhungernder können wir
vielleicht meinen, dass Gott gerade nicht die Liebe sein könnte. Ist sie nicht
oft viel eher dunkel und unbegreiflich hinter Finsternissen und Wiedersprüchen
verborgen?
Viele Menschen haben darum eher Angst und Sorge als Zuversicht und Vertrauen.
Wenn einer sich fürchtet oder Angst hat, wenn er in einer kritischen Situation
ist, dann genügt es nicht, dass ich ihm gut zurede und sage: Du brauchst keine
Angst zu haben, es wird schon gut werden. Es hat keinen Sinn, Ängste zu
verdrängen oder zu verharmlosen...
Gegen alle Frucht und alle Ängste steht nun diese große Zusage: ‘Gott ist
Liebe’. Woher soll ich das wissen? Wie kann ich das erfahren? Das Evangelium
sagt mir, und ich erfahre es im Glauben: Gott ist mir nahe. Er ist keine
ferne, rätselhafte Schicksalsmacht, sondern er begegnet uns auch in Rätseln,
auch in Krankheit, Not und Schuld mit seiner Liebe. Er ist freilich nicht der
‘liebe Gott’, den manche sich gern zurecht machen, der nachsichtige alte Mann.
Dieser sogenannte ‘liebe Gott’ ist ebenso ein Götze wie der grausame
Schicksalstyrann. Beide sind Erzeugnisse der religiösen Phantasie.“
Ich muss sagen, dieses beeindruckt mich sehr: Die Rede vom „lieben Gott“ ist
Gotteslästerung, ist, aus dem Gott der Bibel einen Götzen zu machen. Gott ist
eben nicht immer lieb, ist nicht der brave alte Mann, der es allen recht
machen will. Gott mutet uns Rätsel zu, Krankheiten, Leid, Not und Schuld. Er
lässt uns freilich nicht allein damit. Er versteckt sich auch nicht, sondern
gibt klar an, wo er zu finden ist: auf der Seite der Liebe, auf der Seite
derer, die trotz aller Erfahrungen von Angst und Enttäuschung dennoch an die
Liebe glauben wollen. Ich finde, schöner kann man es kaum ausdrücken als es
Hanns Dieter Hüsch tut:
„Ich setze auf die Liebe
Wenn Sturm mich in die Knie zwingt
Und Angst in meinen Schläfen buchstabiert
Ein dunkler Abend mir die Sinne trübt
Ein Freund im anderen Lager singt
Ein junger Mensch den Kopf verliert
Ein alter Mensch den Abschied übt
Das ist das Thema
Den Hass aus der Welt zu entfernen
Und wir bereit sind zu lernen
Dass Macht Gewalt Rache und Sieg
Nichts anderes bedeutet als ewiger Krieg
Auf Erden und dann auf den Sternen
Die einen sagen es läge am Geld
Die anderen sagen es wäre die Welt
Sie läg in den falschen Händen
Jeder weiss besser woran es liegt
Doch es hat noch niemand den Hass besiegt
Ohne ihn selbst zu beenden
Es kann mir sagen was er will
Und kann mir singen wie er’s meint
Und mir erklären was er muss
Und mir begrüunden wie er’s braucht
Ich setze auf die Liebe! Schluss.
Schluss - noch nicht ganz, liebe Schwestern und Brüder. Vor dem Amen möchte
ich noch eine Antwort geben, in welchem Verhältnis denn nun die Liebe zu Gott
und die Liebe zwischen den Menschen, die geschwisterliche Liebe, die
brüderliche Liebe wie sie im Predigttext heißt, steht. Noch einmal ein Zitat
von Alt-Alt-Präses Linnemann:
„Das Liebesgeschehen, von dem Johannes spricht, ist wie eine
Dreiecks-Bewegung. Die Spitze des Dreiecks ist Gott. Die beiden Endpunkte in
der Waagerechten sind das Ich und das Du. Die Liebe geht von Gott aus, sie
sucht und trifft mich, und dann will sie durch mich hindurchgehen zum Du. So
kann der andere Gottes Liebe erfahren und an ihnglauben. Und so kann ich in
dem anderen Gott lieben.“
Eine „Dreiecks-Bewegung“. Nicht ist isoliert und nichts geht ohne das andere.
Die Liebe vom Ich zum Du bleibt unvollständig, es fehlt die Bewegung zur
dritten Dimension, wenn nicht die Liebe von Gott und zu Gott ins Spiel kommt.
Andererseits bleibt die Linie vom eigenen Ich zu Gott und umgekehrt
unvollständig, kommt nicht die Liebe zum Du hinzu. Es reicht eben nicht „Gott
liebt mich“ zu sagen, sondern - wie es unser Predigttext sagt: „Dies Gebot
haben wir von ihm, dass, wer Gott liebe, dass er auch seinen Bruder, seine
Schwester, liebe.“
Deshalb gilt es, nichts zu verkürzen. Ein Gott, der nur lieb ist, ist ein
Götze. Eben nicht der Vater Jesu Christ. Einem Gott, der vom einzelnen
Individuum exklusiv vereinnahmt wird, fehlt die Dimension der Nächstenliebe.
Es ist eben nicht Vater Jesu Christi. An Jesus Christus selbst können wir
sehen, wohin einen die Gottes- und Menschenliebe führt: zu den hoffnungslosen
Menschen - sie hat Jesus aus der Isolation geholt. Zu den unheilbar Kranken -
ihnen hat Jesus Heil und Heilung gebracht. Zu den Zöllnen, denen, die die
Menschen ausbeuteten - ihre Häuser hat Jesus betreten und mit ihnen
Gemeinschaft gehalten. Zur Ehebrecherin - die von Jesus nicht verurteilt
wurde. Zu den Frommen, die nur an ihr eigenes Seelenheil dachten - sie wurden
von Jesus zurechtgewiesen, ihnen gab Jesus eine andere Orientierung. Am Ende
war da noch der Mörder am Kreuz - Jesus sagte ihm noch im Sterben Gottes Liebe
und Erbarmen zu.
Gott ist die Liebe. Darauf will ich setzen. Auch wenn es nicht nur immer Liebe
gibt. Im Dreieck von Gott, dem eigenen Ich und dem Du, das mir anvertraut ist,
will ich neue Kraft schöpfen, dass zu tun, wozu mich die Liebe Gottes befähig:
Gott zu lieben und meinen Nächsten und mich selbst.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure
Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.