O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf,
reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloß und Riegel für.
Jes 64,1
Das Lied, das wir gerade miteinander gesungen haben, ist ein sehr altes,
sehr bekanntes Adventslied. Ein Lied voller Hoffnung und Zuversicht, ein Lied
aber auch, voller Verzweiflung, die wir manchmal ‘übersingen’, weil die
Melodie so eingängig und gefällig ist.
Das Lied entstand 1622, mitten im 30jährigen Krieg. Geschrieben hat es der
Jesuit, Priester und Dichter Friedrich Spee von Langenfeld. Nur 13 Jahre
später stirbt Friedrich von Spee im Alter von 44 Jahren bei der Pflege von
Pestkranken.
Friedrich von Spee lebt in einer Welt des Krieges, der Schrecken und des
Todes. Der schreckliche Krieg und die Krankheiten, Hungersnöte und Epidemien
in seiner Folge entvölkern große Teile Mitteleuropas. Das alles steigert den
Hexenwahn, dem Staat und Kirche nachgeben.
Finsternis bedeckt die Erde, Dunkelheit die Völker. Spee sieht die Menschen
herumirren, hört das Stöhnen der Gefolterten, die als Hexewn angeklagt sind
und deren Beichtvater er ist. In seinen Ohren klingt das Grölen der
Landsknechte nach. Heiland, reiß die Himmel auf - mach dem Spuk ein Ende.
Verbirg dich nicht hinter abweisenden Türen und Toren. Laß Himmel Himmel sein
und sieh, wie es auf der Erde zugeht. Aber Schlösser und Riegel, die das
Himmelstor versperren, sind auch von Menschen gemacht: wir haben Gott
eingeschlossen in Lehrformeln, Gesetzen und Verordnungen. Laß es hell werden,
Gott, wie der Prophet Jesaja verheißen hat von Dir: Die Finsternis vor ihren
Augen mache ich zu Licht. (Jes 42,16)
Abreißen, die Himmel aufreißen, im Sturm gelaufen kommen - Friedrich Spee
wartet nicht auf das niedliche Kind in der Krippe, gebraucht wir ein
kraftvoller Retter, der im jüngsten Gericht Gottes Gerechtigkeit endlich
durchsetzen wird.
O Gott, ein' Tau vom Himmel gieß,
im Tau herab, o Heiland, fließ.
Ihr Wolken, brecht und regnet aus
den König über Jakobs Haus.
Jes 45,8
War der erste Aufschrei zu gewaltig? Vielleicht hofft Spee, dass Gott gegen
die irdische Gewalt nicht auch noch himmlische Gewalt einsetzt. Die Sehnsucht
ist, Gott möge nicht laut mit Donner und Blitz und strahlendem Gefolge kommen,
solcher Machterweise sind die Menschen überdrüssig. Gott möge kommen wie der
Tau, leide und verborgen, ohne Aufhebens, wie der Tau der kühlt und erfrischt.
Aber es bleibt nicht beim Tau: die Menschen sind so ausgedorrt in ihrer Qual,
sie brauchen einen Strom, die Wolken sollen aufbrechen, Wasserfluten
ausschütten und Not und Ungerechtigkeit wegspülen. Erwartet wird der „König
über Jakobs Haus“, der Messias, die Krönung in der Geschichte Gottes mit den
Menschen, der, mit dem die Verheissungen Gottes an Abraham, Isaak und Jakob
wahr werden: Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein, ich bin mit
dir und will dich behüten, wo du hinziehst.
O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd,
daß Berg und Tal grün alles werd.
O Erd, herfür dies Blümlein bring,
o Heiland, aus der Erden spring.
Jes 11,1
Die Erde kann aufatmen und nach der Dürre und Todesstarre wieder Leben
hervorbringen: die trocken geglaubte Wurzel Jesse, der Stammbaum Isais, Davids
Sippe Königsgeschlecht, kann einen Reis ausschlagen.
Gott, benutze noch einmal deine Erde, so das Stoßgebet des Friedrich von Spee,
bring den hervor, der alles heil macht.
Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm, tröst uns hier im Jammertal.
Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt? Zu weit weg scheint dieser Gott, er
thront im höchsten Saal. Wird ihn die Not und das Elend seiner Menschen dort
erreichen? Vielleicht das laute Schreien und vehemente Klagen? Was aber ist
mit denen, die das Leben stumm gemacht hat? Was mit denen, denen die Kraft zum
klagen und schreien ausgegangen ist? Was ist mit den Tot-Traurigen Stillen?
Was mit denen, die mundtot gemacht wurden von der böser Macht und
Ungerechtigkeit.? Wie wird Gott auf sie aufmerksam?
Komm, ach komm, so bittet Friedrich von Spee. Er kennt unsere Sehnsucht nach
einem Gott an unserer Seite. Einem Gott, der mit uns den Weg durch unsere
Jammertäler geht, wie immer sie auch aussehen mögen: Krankheit, Trauer, Angst,
Einsamkeit. Unsere Hoffnung trotz allem: nicht allein gelassen zu sein in
unserem Bedürfnis nach Zuwendung, Verständnis und Trost.
O klare Sonn, du schöner Stern,
dich wollten wir anschauen gern;
o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein
in Finsternis wir alle sein.
Friedrich von Spee ist innerlich zerrissen von der unfassbaren Not, die ihn
umgibt. Das prägt auch sein Lied. Er bittet und beschwört, er flüstert und
schreit, er bekennt seinen Glauben und ringt mit dem Zweifel. Er klagt und er
lobt Gott in einem wunderschönen Bild der Sehnsucht: o klare Sonn, o schöner
Stern, dich wollten wir anschauen gern. Wir wollten schon auf Gott als Sonne
und Licht unseres Lebens blicken, aber das ist nicht einfach, wenn der
Schatten von Krankheit und Sterben, von Folter und Krieg alles verdunkelt. So
singen wir fast beschwörend: O Sonn geh auf, ohn deinen Schein, in Finsternis
wir alle sein. Die Winterkälte verlangt nach einem wärmenden Strahl. Die
Dunkelheit der Seele braucht ein befreiendes Licht. Wir warten auf Jesus, den
Christus, der von sich gesagt hat: Ich bin das Licht der Welt, wer mir
nachfolgt der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern das Licht des
Lebens haben.
Amen.
Und der Geist Gottes, der größer ist als unsere Vorstellungskraft, sei uns
Stärke und Hilfe zu allem Guten und bewahre uns in Gottes Liebe. Amen.
Hier leiden wir die größte Not,
vor Augen steht der ewig Tod.
Ach komm, führ uns mit starker Hand
vom Elend zu dem Vaterland.
Da wollen wir all danken dir,
unserm Erlöser, für und für;
da wollen wir all loben dich
zu aller Zeit und ewiglich.
Nach Motiven einer Dia-Serie „O Heiland reiß die Himmel auf“ Bergmoser&Höller,
Aachen.