Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
III. Reihe: Matthäus 22, 1-14
Liebe Gemeinde, der Predigttext für heute steht bei Matthäus 22, 1 - 14. Und
wenn ihnen die Geschichte bekannt vorkommt, dann liegt das daran, dass wir sie
eben ähnlich, aber doch anders als Evangeliumslesung nach Lukas gehört haben.
Und ich sage es gleich vorweg: Das, was Matthäus schreibt, ist mindestens
irritierend, wenn nicht sogar verstörend.
Und Jesus fing an und redete abermals in Gleichnissen zu ihnen und sprach:
Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. Und er sandte seine Knechte aus, die Gäste zur Hochzeit zu laden, doch sie wollten nicht kommen. Abermals sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet, und alles ist bereit, kommt zur Hochzeit! Aber sie verachteten das und gingen weg, einer auf seinen Acker, der andere an sein Geschäft. Einige aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie. Da wurde der König zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an. Dann sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Gäste waren's nicht wert. Darum geht hinaus auf die Straßen und ladet zur Hochzeit ein, wen ihr findet. Und die Knechte gingen auf die Straßen hinaus und brachten zusammen, wen sie fanden, Böse und Gute, und die Tische wurden alle voll. Da ging der König hinein, sich die Gäste anzusehen, und sah da einen Menschen, der hatte kein hochzeitliches Gewand an, und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hier hereingekommen und hast doch kein hochzeitliches Gewand an? Er aber verstummte. Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm die Hände und Füße und werft ihn in die Finsternis hinaus! Da wird Heulen und Zähneklappern sein. Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.
Ein schreckliches Evangelium ist das, liebe Gemeinde. Das
hat schon Luther so gesehen und gesagt. Und gern gepredigt hat er über dieses
Gleichnis nach seiner eigenen Aussage auch nicht. Aus dem Gastgeber bei Lukas
wird bei Matthäus sofort ein König, aus dem Abendmahl ein entscheidendes
Ereignis, das Hochzeitsfest des Sohnes. Die Gäste, die nicht kommen wollen,
machen nicht nur Ausflüchte, sondern töten sogar die Boten, die sie einladen
wollen. Und der königliche Gastgeber wird zum schrecklichen Rächer, der die
Mörder seiner Boten nun selber umbringen lässt. Eingeladen werden dann nicht
die, die am Rand der Gesellschaft stehen, wie bei Lukas die Armen, Behinderten
und Ausgegrenzten, sondern Böse und Gute.
An dieser Stelle mache ich einen Stop: Warum ist das Gleichnis bei Matthäus so
anders als bei Lukas? Hat einer von beiden Unrecht, in dem, was er von Jesus
und seinen Worten berichtet?
Zunächst einmal, liebe Gemeinde, war Matthäus ein Kind seiner Zeit, und er war
Judenchrist. Von einem, der in den Tempel und in die Synagoge ging und auf den
Messias wartete, war er zu einem geworden, der wie wir an Jesus als den
Messias glaubte, mit dem das Reich Gottes schon angebrochen war. Ihm machte
eines besonders zu schaffen: Warum glaubten seine jüdischen Geschwister nicht
wie er daran? Warum ließen sie sich nicht von Jesus einladen? Warum wurden die
Menschen, die von Jesus erzählten, warum wurde seine Gemeinde, von den anderen
verachtet und ausgegrenzt? Warum wurden mit den Worten des Matthäus, die Boten
des Königs getötet? Und so sah er die Zerstörung Jerusalems durch die Römer im
Jahr 70 als Strafe Gottes für dieses Verweigern der Einladung an. Der
Rachefeldzug des Königs in unserem Gleichnis, das meint eben dieses Ereignis.
Es mag ein Trost für Matthäus und seine Gemeinde gewesen sein, aber ein
schaler Geschmack bleibt doch bei dieser Art Trost zurück. Obendrein sollte
die Geschichte zeigen, dass dieses Gleichnis als Rechtfertigung für
Judenverfolgung und Pogrome dienen konnte. Das sollten wir heute nicht
verschweigen.
Das Gleichnis geht bei Matthäus nun allerdings noch weiter. Das Fest ist da,
Gäste sind eingetroffen. Was passiert nun? Einer, der unpassend gekleidet ist,
wird gefesselt und hinausgeworfen. Wie kann das sein? Konnte denn überhaupt
jemand, der von der Straße eingeladen wurde, richtig gekleidet sein? Ja, er
konnte. Denn es war bei solchen Hochzeiten damals üblich, den Gästen, die ja
immer über staubige Straßen durch große Hitze herbei kamen, ein Festgewand zu
überreichen. So konnten sie festlich und hochzeitlich gekleidet auch
Festtagsfreude verbreiten und unbeschwert feiern. Wer also jetzt kein
Festgewand trug, der zeigte so deutlich wie die, die vorher abgesagt hatten:
Ich will bei diesem Fest nicht mitmachen. Für mich gibt es hier nichts zu
feiern. Und so ein Gast, der sollte dann vielleicht tatsächlich nicht dabei
sein. Jetzt warnt Matthäus seine Gemeinde, seine Mitchristen und
Mitchristinnen. Das Fest ist das Reich Gottes, das Jesus uns versprochen hat.
Aber das Reich Gottes will erlebt, will gelebt, will gefeiert werden. Wir
sollen mitmachen, sollen reden, beten, handeln, Liebe schenken und bekommen,
Trost geben und empfangen, teilen und uns kümmern. Sonst sind wir gar nicht
dabei. Auch wenn wir das, wie schon die Menschen aus Matthäus Gemeinde,
vielleicht von uns allzu gerne glauben. Eines nämlich ist gleich, bei Matthäus
und Lukas genauso wie für uns heute: Das Fest findet statt. Gott lädt uns ein,
damit wir kommen.
Und so, liebe Gemeinde, spiegelt sich in der Art, wie Matthäus das Gleichnis,
das ihm von Jesus überliefert wurde, erzählt, die Lebenswelt, die Erfahrungen
und die Enttäuschungen des Matthäus wider. Er hat, wie alle Evangelisten, die
Worte Jesu ausgelegt und interpretiert für die Menschen, die seine aktuellen
Hörer und Hörerinnen waren. Und tun das nicht alle Menschen, die von Gott
erzählen? Versuchen wir nicht alle, Gottes Wort für uns zum Sprechen zu
bringen? Für unsere Zeit, für unsere Sorgen und Freuden, für unser Leben und
die Welt? Und wenn wir das tun, dann nehmen wir teil am Fest, dann feiern wir
das Reich Gottes hier auf Erden. Ziehen wir die Festgewänder an. Es lohnt
sich, zu diesem Fest zu kommen. Denn hier ist Befreiung, hier ist
Gemeinschaft, hier ist Trost und Freude. Amen