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Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Predigten und Andachten

 

Ein zweischneidiges Schwert

 

Predigt zu Hebräer 4,12 f. am 2. Sonntag vor der Passionszeit (Sexagesimae). 16. Februar 2004

Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe

 

Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht, so haben wir das eben gerade wieder gesungen, nach den biblischen Lesungen. Licht in der Nacht, Hoffnung, Zukunft, Trost, Halt, ein Stern in der Dunkelheit. All das schöne und tröstliche Bilder, die uns ein positives Gefühl der Geborgenheit vermitteln. Ja, bei diesem Wort Gottes fühlen wir uns wohl!

 

Wie anders dagegen der heutige Predigttext aus dem Hebräerbrief. Zweischneidiges Schwert, es dringt durch, scheidet Mark und Bein, alles ist bloß und aufgedeckt. Aber hören sie selbst:

Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und es ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.

Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern alles ist bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen. (Hebr. 4, 12f.)

Weg ist das Wohlgefühl. Vor diesem Wort Gottes schaudert es mich, denn das scheint eine gefährliche, vielleicht sogar blutige Sache zu sein. Vor meinem inneren Auge sehe ich mich, in meine Einzelteile zerlegt und unter scharfer Beobachtung. Kein angenehmer Gedanke!

Wie entkomme ich diesem Dilemma, das sich auftut? Gibt es vielleicht zwei Worte Gottes: ein bedrohliches und ein anderes tröstliches? Eines, das hoffentlich für die anderen gilt und eines für mich?

Welche Macht Worte besitzen, wissen wir alle. Ich denke, jede und jeder hat es schon erfahren: Worte können uns gut tun, Worte können heilen, aber Worte können auch verletzen.

Eine Bemerkung, vielleicht achtlos dahergesagt, sorgt noch nach Jahren für Streit und Zwispalt.

Ein Gerücht, einmal unachtsam in die Welt gesetzt oder bedenkenlos weitergesagt, läßt sich nie wieder zurückholen.

Ein aufmunterndes Wort, ein Lob, setzt sich vielleicht irgendwo fest und gibt Mut für viele Lebenssituationen.

Heute wählen wir fünf Menschen in das Amt de Presbyterin / des Presbyters. Ihre Stimme zählt, hat Gewicht, entscheidet mit, über die nächsten acht Jahre im Leben dieser fünf Menschen und letztlich über das Leben in dieser Gemeinde.

Sie betrauen die PresbyterInnen damit, entscheidende Worte in dieser Gemeinde zu sprechen.

Schon Menschenworte haben große Macht, vom Wort Gottes wird im Hebräerbrief gesagt: es ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert.

Das steht in einer langen Tradition der Rede von Gott. Am Anfang, so heißt es, sprach Gott: es werde Licht und setzte damit die Schöpfung in Gang, das Wort Gottes wird Menschenwort in den 10 Lebensregeln für die Freiheit, auch „Gebote“ genannt. Das Wort Gottes bewegt die Propheten zu trösten, aber auch den Finger in die Wunden der Ungerechtigkeit und des Machtmißbrauchs zu legen.

Und Gottes Wort, das am Anfang war, wird Fleisch in einem Kind in Bethlehem. Die Offenbarung, die Selbst-Erklärung Gottes nimmt menschliche Züge an.

Gott behält auch das letzte Wort. Seinem Urteil ist unsere Welt unterworfen. Von seinem letztgültigen Wort hängt unser Leben ab.

Und da ist es wieder: Während wir das erste wahrscheinlich alle gerne gehört haben: Gottes Schöpfungswort, Gottes Trostwort, Gottes lebendiges Wort, da wird es uns beim Gerichtswort vielleicht doch etwas mulmig zumute.

Ich vermute, unsere Lebenssituation unterscheidet sich deutlich von der der Christen, die in dem biblischen Brief die „Hebräer“ genannt werden. Wir haben größere Freiheit und leiden hier auch unter keiner Verfolgung des Glaubens, obwohl es schon passiert, dass wir komisch angeschaut werden, wenn wir sagen: ich bin Christ / ich bin Christin und nehme am Leben meiner Kirche teil.

Aber Abhängigkeiten kennen auch wir, ebenso wie Zwänge und Nöte. Damals war es die Abhängigkeit den mächtigen Herren - dem Kaiser in Rom, seinen Statthaltern, den Sklavenhaltern vielleicht. Heute? Abhängigkeit von der Meinung der Nachbarn, dem guten Ansehen beim Chef, denn wer Arbeit hat, kann es sich nicht leisten, sie aufs Spiel zu setzen.

Zwänge? Jung und schön sein vielleicht. Ewig jugendlich zu wirken. Voller Elan, gesund, fröhlich und nicht alt oder krank. In sein, seine Haut mit der richtigen Marke Kleidung zu Markte tragen.

Not? Wem fiele zu Not wohl nichts ein? Die Einsamkeit vieler alter Menschen in unserer Gesellschaft. Kinder, die an Aids sterben oder mit 10 Jahren zu Versorgern iherer Familien werden, weil ihre Eltern an Aids gestorben sind, wie wir das in den letzten Wochen eindrücklich gehört haben aus Tansania wie aus Brasilien. Keine Arbeit zu haben, keine Lebensperspektive. Gewalt und Terror in Palästina und Israel.

Hier bringt ein schwaches „Kopf hoch, wird schon wieder!“ keinen Trost, keine Hilfe.

Hier braucht es Worte, die durch Mark und Bein gehen, den Geist treffen und die Seele berühren. Wort Gottes, von dem der Hebräerbrief spricht!

Unbequem ist das schon, denn das Wort Gottes ist eben nicht das verbale Trostpflästerchen, das nichts nützt, aber auch niemandem schadet.

Wort Gottes rüttelt auf. Läßt mich nicht in Ruhe. Läßt mich nicht leben im alten Trott, sondern ist mir Stachel im Fleisch und Salz in der Wunde.

Wort Gottes wurde lebendig, wurde Mensch in Jesus von Nazareth, starb unseren Tod, um mir die letzte Konsequenz von Unrecht, Not und Gewalt vor Augen zu halten.

Wort Gottes? Gott sei Dank eben nicht nur Trost, Halt, Licht in der Nacht, sondern auch lebendig, kräftig und schärfer als jedes Schwert.

Amen