II. Reihe: 1. Thess. 4, 1-8
Liebe Gemeinde,
sehen Sie das? Dieses Leuchten um jeden von uns herum? Diesen hellen Schein um
unsere Köpfe, der uns strahlen lässt?
Ich meine das völlig ernst, liebe Gemeinde. Für Augen, die mehr sehen, als vor
Augen ist, müsste es zu erkennen sein, dieses Licht: das Leuchten und
Strahlen, das auf Bildern als Strahlenkranz, als Heiligenschein zu sehen ist.
Wir alle hier sind nämlich Heilige.
Und falls Sie das jetzt verwundert, berufe ich mich auf Ihre eigenen Worte:
Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen- Schauen Sie also einfach Ihren
Nachbarn, Ihre Nachbarin noch einmal an. Oft können wir es nämlich bei anderen
eher sehen als bei uns selbst.
Wir hier sind die Gemeinschaft der Heiligen, jede und jede von uns gehört
dazu. Wir gehören zu Gott und strahlen das Licht Gottes aus. Sehen Sie es
jetzt? Ein bißchen vielleicht. Und ich bitte Sie, diesen Anblick im Gedächtnis
zu behalten.
Der Brief des Paulus an die Gemeinde in Thessaloniki ist nämlich auch an
solche wie uns gerichtet: an Heilige, mitten im Leben, mitten in der Welt.
Paulus schreibt:
Wir bitten und ermahnen euch in dem Herrn Jesus, da ihr von uns empfangen habt, wie ihr leben sollt, um Gott zu gefallen, was ihr ja auch tut -, daß ihr darin immer vollkommener werdet. Denn ihr wißt, welche Gebote wir euch gegeben haben durch den Herrn Jesus. Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, daß ihr meidet die Unzucht und ein jeder von euch seine eigene Frau zu gewinnen suche in Heiligkeit und Ehrerbietung, nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen. Niemand gehe zu weit und übervorteile seinen Bruder im Handel; denn der Herr ist ein Richter über das alles, wie wir euch schon früher gesagt und bezeugt haben.
Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondern zur Heiligung.
Wer das nun verachtet, der verachtet nicht Menschen, sondern Gott, der seinen heiligen Geist in euch gibt.
Sind das Heilige, liebe Gemeinde, an die dieser Brief gerichtet ist? Paulus
sagt es so. Und gleichzeitig nimmt er zwei Beispiele aus dem menschlichen
Miteinander in Thessaloniki, die die Menschen dort nicht sehr heilig aussehen
lassen.
Paulus schreibt über Sexualität und er schreibt über den Umgang mit dem lieben
Geld. Eine seltsame Kombination? Vielleicht nicht so sehr, wie es auf den
ersten Blick scheinen mag. Denn normalerweise sprechen wir über alles- nur
nicht über diese beiden Dinge.
Zur Sexualität fällt mir als erstes ein: Das ist mal wieder typisch.
Christentum steht für moralinsaure Sexualfeindlichkeit. In allen Kabaretts der
Welt können wir gute und schlechte Witze über dieses Thema hören. Diese Witze
haben sicher Anhalt an einer christlichen Geschichte, die oft falsch gelaufen
ist und unter der viele Menschen immer noch leiden.
Aber was erwartet Paulus denn hier wirklich von den Heiligen, überall und
hier?
„Meidet die Unzucht. Gewinnt eure eigene Frau- und ich ergänze euren eigenen
Mann; in Heiligkeit und Ehrerbietung, nicht in gieriger Lust.
Ist das Leib- und Sexualfeindlichkeit? Ich glaube nicht.
Ich glaube, dass sich unser fester Glaube, dass der andere ein Geschöpf Gottes
ist, sich über alle Lebensbereiche erstrecken soll: über unser Verhalten
gegenüber meinen Kolleginnen und Nachbarn genauso wie über unser Verhalten
gegenüber den Menschen, die uns am nächsten stehen: unsere Partnerinnen und
Partner. Der andere ist ein Geschöpf Gottes, im Zusammenleben genauso wie in
der Sexualität.
Ehrerbietung gegen gierige Lust- das sind die Schlüsselbegriffen dabei.
Ehrerbietung: jemandem Ehre geben, den Respekt, der ihm zusteht, weil er ein
Abbild Gottes ist.
Und gierige Lust: Ich bin das Maß aller Dinge, der Mittelpunkt der Welt, die
nur für mich geschaffen ist.
Wenn ich meinen Allernächsten mit Ehrerbietung behandle, dann ist er nicht ein
Objekt, dessen ich mich bedienen kann, je nach Lust und Gier.
Ehrerbietung: Wo haben Sie, wo habe ich in der letzten Zeit unseren Männern
und Frauen ( aber auch unseren Kindern und Nächsten) Ehre gegeben oder
verweigert? Dass wissen wir alle, jeder für sich....
Ich möchte aber nicht stehenbleiben bei unseren persönlichen Beziehungen.
Gierige Lust statt Ehrerbietung, Menschenverachtung statt Menschenliebe: das
spielt sich auch in größeren Zusammenhängen ab, vor denen wir als Christinnen
und Christen nicht die Augen verschließen dürfen. Diese Dinge haben
Dimensionen angenommen, wie sie Paulus in diesen Größenordnungen wohl
unbekannt waren: Kinderpornographie im Internet, Frauenhandel, Sextourismus,
Verweigerung des Asyls für Frauen, die aufgrund ihres Geschlechtes verfolgt
und misshandelt werden.
Kirchliche Gruppen, vor allem die Frauenhilfe, haben diese Themen aufgenommen-
Gott sei Dank.
Halten wir das nicht für gesellschaftliche Randthemen. Das tat Paulus auch
nicht.
Und auch das andere muss unser Thema, muss das Thema der Kirche sein:
Übervorteile deinen Bruder nicht im Handel: nicht den Bruder bei der
Steuererklärung, nicht die Schwester bei der kleinen Beschönigung für die
Versicherung, nicht beim Handeln um Rabatte. Geiz ist nicht geil!
Es gilt aber auch im großen, wo Arbeitsplätze zugunsten von Aktiengewinnen und
Managergehältern geopfert werden, wo soziale Gerechtigkeit immer mehr zur
Leerformel wird. „Übervorteile deinen Bruder nicht“.
Und nun, liebe Heilige? Was ist nun aus unserer Gemeinschaft der Heiligen
geworden, die hier so heftig ermahnt wird?
Sie ist noch da, sage ich mit Paulus. „Gott hat uns zur Heiligung berufen“.
Und wen Gott beruft, der ist es schon, auch wenn er es noch werden muss.
Unlogisch? Vielleicht! Heilige sind wir, und Heilige werden wir. Wir werden
es, weil wir Gottes Wort und seiner Hilfe vertrauen. Wir sind es schon, weil
Gott es uns zutraut, bei allem Versagen und aller Unvollkommenheit.
Und deshalb möchte ich zum Schluß noch ein Wort über den Evangeliumstext
sagen, den wir vorhin gehört haben, über die Scheidung.
Ich weiß nicht, wie Menschen, die geschieden sind, diesen Text hören. Aber
viele von uns haben Menschen geliebt und sind geliebt worden, und haben diese
Liebe zerbrechen sehen. Dass das heute oft ohne Eheschließung und Ehescheidung
geschieht, liegt an unseren heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen. Aber
eigentlich betrifft es uns alle.
Das Wort, das Jesus sagt, von den Menschen, die sich ein für alle Mal
zusammenfinden und zusammenbleiben, stammt aus dem Schöpfungsbericht, aus dem
Paradies also. Dort leben wir nicht mehr. Und deshalb brauchen wir Ermahnungen
zu Ehrerbietung und Respekt:in der Liebe und gerade, wenn die Liebe zu Ende
geht. Wir sind Heilige in Unvollkommenheit.
Liebe Gemeinde, es ist wohl so:
wir sind schon Heilige, und sollen es doch noch werden. Vielleicht sieht man
deshalb das Leuchten um uns nicht sofort. Aber es ist da, ganz sicher. Weil
Gottes Licht auf uns fällt uns und erleuchtet. Sehen Sie es?
Und das Licht Gottes, das größer ist als all unser Leuchten, bewahre unsere
Herzen und Sinne in Christus Jesus . Amen