Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
III. Reihe: 1. Mose 8,18 -22
Liebe Gemeinde, kennen Sie die Geschichte von der Arche Noah? Welch eine Frage, denken die Allerallermeisten von Ihnen jetzt sicher. Die Geschichte von Noahs Arche kennt doch jedes Kind. In den meisten Kinderbibeln findet sie sich, in den Kindergottesdiensten wird sie erzählt‑ sicher auch, weil sie sich so wunderbar nachspielen läßt. Und auch das Ende der Geschichte ist schön: der Regenbogen als sichtbare Verbindung zwischen der Welt der Arche‑Geschichte und unserer Welt; der Regenbogen als Zeichen des festen Treuebundes, den Gott mit den Menschen und der Erde schließt. In meiner alten Kinderbibel lautet das so:
Und endlich sprach Gott: Geh jetzt aus der Arche, Noah, mit deine Frau und deinen Kindern mit allen Tieren. Noah brachte dem Herrn ein Opfer dar. Und als der Rauch zum Himmel emporstieg, knieten die acht Menschen nieder und dankten Gott, dass er so gut für sie gesorgt hatte. Gott sah das Opfer. Er sah auch, wie froh und dankbar die Menschen waren. Und er versprach, dass er niemals wieder eine solch schlimme Wasserflut über die Erde bringen würde, ein solch große Sintflut. Er sprach: Wenn es künftig regnet, braucht ihr nicht ängstlich zu sein. Wenn ihr dann zum Himmel emporschaut, dann werdet ihr manchmal meinen Bogen in den Wolken sehen. Den sehe ich auch, und er ist ein Zeichen, dass die ganze Welt nie wieder ertrinken soll. Hast du den schönen farbigen Bogen schon einmal gesehen? Das ist der Regenbogen.
Am Ende der Sintflutgeschichte findet sich auch der Predigttext für den heutigen Sonntag. Ich lese aus Genesis 8:
Da redete Gott mit Noah und sprach: Geh aus der Arche, du und deine Frau, deine Söhne und die Frauen deiner Söhne mit dir. Alles Getier, das bei dir ist, von allem Fleisch, an Vögeln, an Vieh und allem Gewürm, das auf Erden kriecht, das gehe heraus mit dir, daß sie sich regen auf Erden und fruchtbar seien und sich mehren auf Erden. So ging Noah heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne, dazu alle wilden Tiere, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht, das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen. Noah aber baute dem HERRN einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar. Und der HERR roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.
Ich vermute jetzt einfach mal, liebe Gemeinde, dass uns die Geschichte aus der Kinderbibel fast ein bißchen lieber ist. Warum? Weil in ihr ein Satz nicht vorkommt. Es sind die Worte Gottes: denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf Mit genau diesem Satz beginnt auch die Geschichte von der Sintflut. Daran erinnern wir uns vielleicht besser: Als aber der Herr sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, da reute es ihn, dass er die Menschen gemacht hatte, und er sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde. Es folgt die Flut.
Und jetzt, nach der Flut? Offensichtlich hat sie am menschlichen Herzen wenig geändert: böse von Jugend auf. Das ist die realistische Einschätzung des Menschens, die wir unseren Kindern gerne ersparen möchten. Diese Erfahrung, die auch in unsrem Leben zumindest manchmal durchscheint, wollen wir den Kindern nicht zu früh zumuten. Deshalb wohl findet sich in den meisten Kinderbibeln dieser Satz über den Menschen nicht. Schade eigentlich. Denn wir verwehren unseren Kindern damit eine andere, wichtigere Einsicht, die auch uns gut tun kann. Denn was soll die Geschichte von der Flut überhaupt? Was macht sie wichtig? Nur die Frage, ob die Arche denn wirklich auf dem Berg Ararat gefunden wurde, wie man es immer wieder lesen kann? Nur der religionsgeschichtliche Befund, dass sich in allen Mythen der Menschheit Geschichten von Überschwemmungen und Fluten, von der vernichtenden Kraft des Wassers finden? Nein, wirklich wichtig ist etwas anderes, weltbewegendes: Auch wenn der Mensch sich hier nicht geändert hat. Gott hat sich geändert Aus dem, der in Ungeduld seine gefallene Schöpfung vernichten wollte, ist der Gott geworden, der in Geduld ertragen kann, dass in der Welt und im menschlichen Herzen Gutes und Schlechtes nebeneinander bestehen. Nur mit diesem wandelbaren, gewandelten Gott am Ende der Flutgeschichte ist das der Gott, an den ich glaube. Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf Und trotzdem will ich hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.
In Geduld, habe ich gesagt, kann Gott uns Menschen ertragen. Sie zeigt sich im beständigen, verlässlichen Wechsel der Tages‑ und Jahreszeiten, der Grundlage für alles menschliche Leben. Aber diese Geduld ist dennoch nicht ohne Richtung. Das Böse wird nicht gutgeredet. Das zeigen die Lesung und das Evangelium ganz deutlich. Dort geht es um die grundlegenden Fragen im Zusammenleben von Menschen, Geld und Sexualität, die sehr deutlich beurteilt werden. Das Wort, das Jesus sagt, von den Menschen, die sich ein für alle Mal zusammenfinden und zusammenbleiben, stammt aus dem Schöpfungsbericht, aus dem Paradies also. Dort leben wir nicht mehr. Und deshalb brauchen wir Ermahnungen zu Ehrerbietung und Respekt: in der Liebe und gerade, wenn die Liebe zu Ende geht Und wir werden weiter Archen bauen müssen gegen das, was Zerstörungswut und menschlicher Größenwahn im kleinen und Großen anrichten. Aber: Gott will weiter mit dem Menschen Erfahrungen machen, gute Erfahrungen.
Kennen Sie die Geschichte von der Arche Noah, liebe Gemeinde? Ja - jeder von uns. Wir haben unsre Erfahrungen mit uns selbst und mit den Menschen gemacht. Wir sind alle unvollkommen. Aber zwischen Saat und Ernte, in Frost und Hitze, Sommer und Winter, bei Tag und bei Nacht können wir Archen bauen und Fluten überstehen. Weil Gott geduldig weiter auf uns baut, unvollkommen, wie wir sind. Weil er der Geist ist, der uns beflügelt, selbst zu wachsen und Gutes zu erschaffen. Amen
Zum Thema:"Kennen Sie die Geschichte von der Arche Noah?" ein Abschnitt aus Jürgen Rennerts Büchlein "Noachs Kasten"