Vikarin Anne Biesterfeldt, Bad Lippspringe
III. Reihe: Mt 10,34-39
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und
dem Herrn Jesus Christus.
Liebe Gemeinde!
Als ich in Vorbereitung auf den Gottesdienst heute – schon vor einiger Zeit –
nachsah, welcher Predigttext für den heutigen Sonntag vorgeschlagen ist, habe
ich ein bisschen gezögert, ob ich ihn mir – und Ihnen – zumuten will. Der Text
überliefert Worte Jesu, die wir, wären sie nicht als seine Worte
gekennzeichnet, sonst nicht auf Anhieb mit ihm in Verbindung bringen würden.
Ich habe mich nach einigem Überlegen dann doch entschieden, sie Ihnen – und
mir – zuzumuten, und lese sie eingangs vor. Wir finden die Worte bei Matthäus
im 10. Kapitel:
[Jesus sprach zu seinen Jüngern:] Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.
Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.
Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.
Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.
Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert.
Wer sein Leben findet, der wird`s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird`s finden.
- Jesus ist gekommen, das Schwert zu bringen? Und nicht
Frieden? Jesus ist gekommen, Väter und Söhne, Mütter und Töchter,
Schwiegermütter und Schwiegertöchter zu entzweien? Feindschaft unter Menschen
zu säen? Jesus spricht Menschen ab, seiner wert, wert-voll für ihn, zu sein? –
Was ist das für eine Botschaft? Und vor allem: wie passt diese Botschaft zu
dem Jesus, den wir kennen: dem, der die Menschen liebt, ihnen nachgeht, wie
ein Hirte dem verlorenen Schaf, sie heilt, wie ein Arzt den Gelähmten, und für
sie sorgt, wie ein Sohn für seine Mutter?
„Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert“ – Jesus
scheint sich selbst zu widerlegen, hat er nicht –nur wenige Kapitel vorher bei
Matthäus – in den Seligpreisungen gerade die Sanftmütigen, die Barmherzigen,
die Friedfertigen gepriesen? Und haben wir nicht vorhin im Evangelium von der
Liebe, sogar der Feindesliebe, gehört?
„Ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter
mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter“ – Frieden
in der Familie, gegenseitige Rücksichtnahme und Verständnis füreinander,
liebevoller Umgang miteinander – das ist doch für die meisten von uns ein
hohes Gut: in der Familie finden wir Rückhalt und Geborgenheit, da können wir
aufatmen und uns für den Alltag stärken – und das will Jesus aufs Spiel
setzen? Entzweiungen herbeiführen?
„Wer sein Leben findet, der wird`s verlieren“ – das ist für mich der fast
steilste Satz: „Sein Leben finden“, das ist doch für wahrscheinlich jeden
Menschen ein Ziel, wenn nicht das Ziel, gar nicht unbedingt im Sinne von
Selbstverwirklichung, möglicherweise auf Kosten anderer, sondern im Sinne von:
seinen Ort im Leben finden, seinen Platz. Wissen, wo man hingehört, wissen,
was man will – und kann, wissen, was einem wichtig ist. Aber: „... der wird´s
verlieren“, sagt Jesus.
Dieser anstößige Text, diese Widerspruch erregende Botschaft Jesu, die in
ihrer Wortwahl ganz andere Assoziationen weckt als es Jesusworte sonst tun –
„Schwert“, „Entzweiung“, „Feindschaft“ – das klingt fast militaristisch nach
Glaubenskrieg – diese ungewohnten Worte Jesu – wie sind sie zu verstehen? Sind
sie zu verstehen?
„Ich bringe Entzweiung und Feindschaft“, - Jesus bietet durch die Art und
Weise, wie er lebt, durch sein Wirken und durch seine Worte einen neuen Blick
auf das Leben, eine neue Möglichkeit, das Leben und sich selbst zu verstehen,
aber dieser neue Blick überzeugt nicht jeden und jede. So kommt es zu
Auseinandersetzungen über das „rechte“ Lebensverständnis, Selbstverständnis,
Gottesverständnis, es kommt zu Entzweiung, ja sogar Feindschaft. Jesus und
seine Botschaft sind nicht allen eingängig, überzeugen nicht alle. Von
denjenigen aber, die sich von seiner Botschaft haben überzeugen lassen,
fordert Jesus entschiedene Nachfolge, entschiedenes Stehen zu dem, was als
wahr und richtig erlebt und erkannt wurde, - Entschiedenheit bis dahin, sich
selbst von Vater und Mutter, Tochter und Sohn zu distanzieren, wenn zu viel
Nähe den eigenen christlichen Lebensentwurf gefährden könnte.
Das hatte zu Jesu Lebzeiten ganz sichtbare und radikale Konsequenzen: Jesu
Jünger verließen Eltern und Geschwister, Ehefrauen und Kinder, Freunde,
Bekannte, Arbeitsstelle und Arbeitskollegen, um ihm nachzufolgen. Sie gaben
alles auf, widmeten ihr Leben ganz Jesus und dem Weitertragen seiner
Botschaft. Dass die Zurückgelassenen diesen Schritt und Schnitt gelassen
hingenommen haben, ist kaum anzunehmen. Vielmehr werden sie versucht haben,
ihre Söhne und Ehemänner, Väter und Onkel zurückzugewinnen, werden, als sie
merkten, dass sie keinen Erfolg haben würden, zornig geworden sein, wütend
über so viel Verantwortungslosigkeit und fehlendes Interesse an ihnen. So kam
es, das kann man sich gut vorstellen, zu Auseinandersetzungen und Streit,
schließlich zu Entzweiungen.
Entscheidungen für oder gegen etwas führen, das kennen wir auch aus unserer
eigenen Erfahrung, zu Veränderungen nicht nur im eigenen Leben, sondern auch
zu Veränderungen in Beziehungen. Das können ganz kleine Dinge sein, wie etwa
die Entscheidung eines Kindes, keinen Mittagsschlaf mehr halten zu wollen: das
Kind entscheidet, jetzt groß genug zu sein, den Tag ohne Mittagsschlaf zu
überstehen, es gibt damit seinen Eltern zu verstehen, dass es anfängt, für
sich selbst zu sorgen; es nimmt damit den Eltern den Anspruch, über seinen
Mittagsschlaf zu verfügen, weg. Das führt sicherlich in vielen Fällen zu
Auseinandersetzung und Streit, - zu Entzweiung allerdings hoffentlich
nicht...! Ein bisschen anders sieht die Sache schon aus, wenn es
beispielsweise um politische Gesinnungen geht: Schulfreunde, die langsam in
politisches Denken hineinwachsen, entdecken, dass ihnen ganz unterschiedliche
politische Richtungen plausibel und sympathisch erscheinen – das führt, je
nachdem, welchen Stellenwert die Politik für beide in ihrem Leben einnimmt,
sicherlich zu Auseinandersetzungen und Diskussionen, vielleicht gar
Entfremdung und Entzweiung. – Um wie viel mehr betreffen dann wirkliche
Lebens-Entscheidungen, Entscheidungen darüber, auf welcher Grundlage ich mein
Leben führe, meine Beziehungen: Jemand, der die Grundlage, auf der ich mein
Leben verstehe und lebe, nicht kennt, nicht teilt, möglicherweise nicht
toleriert, ist mir ferner als ein anderer, der dieselbe Grundlage wie ich
gewählt hat.
- Was ist denn aber nun die „Grundlage“, die einen zur Nachfolge Jesu
motiviert und in der Nachfolge das eigene Leben prägt? – Die Grundlage ist das
Erleben des mit Jesus angebrochenen, anbrechenden Reiches Gottes, das
gekennzeichnet ist von der Liebe Gottes zu den Menschen und anschaulich wird
an Jesu Leben und Wirken. Jesus kommt zu den Menschen, um ihretwillen, er
befreit und befähigt durch seine Hinwendung und Zuwendung zu Gottesliebe und
Nächstenliebe. Er macht ihnen durch seine Liebe sogar die Feindesliebe
möglich. - Dass diese Erfahrung aber nicht nur Zuspruch ist, sondern zugleich
Anspruch in sich birgt, davon spricht der Predigttext: die Erfahrung der Liebe
Jesu veranlasst uns zu Konsequenzen, die Schärfe der Worte des Predigttextes
unterstreicht die Forderung dieser Konsequenzen mit Nachdruck: Den eigenen
Glauben, die eigene Überzeugung ernst zu nehmen und zu vertreten, sichtbar zu
leben – das ist es, was Jesus fordert.
Und das kann zu Auseinandersetzungen und Entfremdung zwischen Menschen, sogar
in der eigenen Familie, führen. Dabei sind Auseinandersetzungen und
Entfremdung aber nicht das, was Jesu Ziel ist, Jesu Ziel ist das Wachsen des
Reiches Gottes – durch konsequentes Weitergeben der Liebe – auch wenn sie,
gerade als Feindesliebe, Anstoß erregt.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und
Sinne in Christus Jesus. Amen.