Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Ein anderes Konfliktmanagement

Predigt zum 22. Sonntag nach Trinitatis, 23. November 2005

Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe

III. Reihe: Matthäus 18,15-20

Sündigt aber dein Bruder an dir, so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Hört er nicht auf dich, so nimm noch einen oder zwei zu dir, damit jede Sache durch den Mund von zwei oder drei Zeugen bestätigt werde. Hört er auf die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide und Zöllner. Wahrlich, ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel gelöst sein. Wahrlich, ich sage euch auch: Wenn zwei unter euch eins werden auf Erden, worum sie bitten wollen, so soll es ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel. Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.
 

Heute haben wir es endlich auch mal einfach mit unserem Predigttext, liebe Gemeinde, -einerseits. Denn heute müssen wir nicht zunächst einmal hart erarbeiten, warum dieser Text auch nach 2000 Jahren wichtig für uns ist, welche Relevanz er für unser alltägliches Leben besitzt. Heute ist ganz klar, warum dieser Text wichtig ist. Er ist so etwas wie eine Gebrauchsanweisung. Und wenn ich ganz genau hinschaue und mit spitzer Feder rechne, dann kann ich sagen: Der heutige Predigttext spart Geld. So in etwa 150 Euro pro Person, denn in etwa so viel würde ein Kurs Unternehmenskultur oder Konfliktmanagement kosten, wenn wir denn daran teilnähmen.

Konfliktregelungen innerhalb der christlichen Gemeinschaft, darum geht es. Wie geht die Gemeinde auf der Basis der 10 Gebote und in der Nachfolge Jesu Christi mit Streit um, die Antwort auf diese Frage überliefert uns die matthäische Gemeinde in dieser Bibelstelle.

Die erste Entdeckung die wir machen können: es gibt Streit in der Gemeinde und es darf ihn auch geben. Nichts muss unter den Teppich gekehrt werden.

Ich denke, es geht den urchristlichen Gemeinde im Umfeld des Evangelisten Matthäus um das Jahr 90 nach Christus nicht anders als uns heute: wir sind eine Gemeinde aus den unterschiedlichsten Menschen alt und jung, aufbrausend oder ruhig, leise und laut, neuzugezogen und alteingesessen, jeden Sonntag hier zu finden oder als Kurgast eigentlich ganz wo anders beheimatet, weitgereist oder bodenständig, arbeitsuchend oder mit zuviel Arbeit überlastet, krank und gesund, mit einer Geschichte von Flucht und Vertreibung oder unbelastet von der Vergangenheit, verheiratet, alleinlebend, in der Familie lebend, mit vertrauten Menschen zusammen lebend ....

So viele Traditionen, die zusammenkommen, so viele unterschiedliche Lebensentwürfe und Lebensgeschichten – da bleiben unterschiedliche Ansichten und Meinungen nicht aus. Für unsere Gemeinde kann ich das konkret benennen. Soll die Kirche nicht nur renoviert, sondern auch neu gestaltet werden und wie, das hat uns in den letzten 4 Jahren lange, mit viel Engagement und auch einigem Herzblut, beschäftigt. Soll es in unserer neugestalteten Kirche noch ein Kreuz geben, auf dem Altar vielleicht oder an der Wand. Auch das ist eine Frage, die viele Gemeindeglieder bewegt. Wie soll unser Gottesdienst gestaltet sein? Ein Thema, das uns gerade aktuell in Anspruch nimmt und zu dem es ja auch am kommenden Sonntag eine Gemeindeversammlung gibt.

Wofür geben wir das knapper werdende Geld aus? Was soll der Arbeitsschwerpunkt der Gemeinde sein? Sicher könnte ich morgen noch hier stehen und Konfliktfelder oder Streitpunkte aufzählen.

 

Im Predigttext geht es allerdings nicht um Diskussionskultur. Es geht um mehr. „Sündigt aber ein Bruder an dir“ heißt der Ausgangspunkt. Auch das kommt vor, das ich im Eifer des Gefechts das Maß verliere und meinen Gesprächspartner tiefer verletze als ich das wollte oder auch nur ahne. Das mir die Sache aus dem Blick gerät, ich persönlich werde. Das ich mich nicht von meiner begrenzten Sicht lösen kann und ungerecht werde.

Und dann? Dann soll, so der Matthäustext, das Gespräch unter vier Augen gesucht werden. Interessanterweise von dem, der sich ungerecht behandelt fühlt. So entsteht die Chance, auch die Verletzungen zu heilen, von denen der „Täter“ nichts bemerkt hat.

„Hört er auf dich, so hast du“ gewonnen – steht eben nicht da! Sondern: hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Es geht nicht um das Rechthaben, sondern um den Menschen und die christliche Gemeinschaft.

Wenn damit nichts erreicht werden kann, so sollen Vermittler eingeschaltet werden. Konfliktmediatoren, so würde der Managementkurs sagen. Menschen, die nicht in den Streit verstrickt sind und so den nötigen Abstand und die nötige Ruhe für einen guten Rat haben.

 

Und wenn das nicht hilft? Dann ist die Gemeinschaft in der Pflicht.

Natürlich ist das in den überschaubaren Strukturen der matthäischen ersten Gemeinden eher möglich als in unseren Volkskirchlichen Zusammenhängen; wichtig ist aber doch der Einsatz, mit dem die Konfliktlösung gesucht wird. Niemand wird frühzeitig abgeschrieben, aber auch keiner kann sich zurücklehnen und sich heraushalten.

„Hört er auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide oder Zöllner.“

Harte Worte. Es gibt eine Grenze. Niemand hat das Recht, unter der Forderung christlicher Nachsicht seine Stimmungen, Interessen und Gelüste hemmungslos auszuleben.

Hier bedarf es zum Wohl der Gemeinschaft der Trennung. Abgrenzung, auch Mut, Grenzen zu ziehen und Unterschiede zu benennen: nicht mehr Bruder oder Schwester, sondern Heide oder Zöllner - also Menschen, die neu eingeladen werden müssen.

 

"Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen", sagt Jesus. Und es ist der entscheidende Hinweis, das alles Miteinander und Konfliktmanagement in der Gemeinde von dieser Basis ausgeht. Unsere Gemeinschaft, unsere Gemeinde ist nicht nur rein menschliches Unternehmen, dann wäre wir wahrscheinlich längst am Ende, wie so viele Zusammenschlüsse und Vereine vor uns. Wo zwei oder drei im Namen Gottes zusammen sind, ist Christus dabei. Das ist eine große Freiheit und Verheißung: es hängt nicht alles von mir allein ab, ich muss mit meinen begrenzten Fähigkeiten nicht übermenschliches vollbringen. Gott ist da, mit seiner Kraft und seinem Segen.

Wo zwei oder drei im Namen Gottes zusammen sind, ist Christus dabei. Das ist aber auch eine besondere Pflicht: es kommt auf mich an. Ich habe eine Verantwortung für meine Schwester, meinen Bruder, für eine gelingende Gemeinschaft, vor Gott. Amen.