Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus,
unserm Herrn.
"Wenn jemand Freude daran hat, bei Musik in Reih' und Glied zu marschieren,
dann verachte ich ihn schon deswegen, weil er sein Gehirn nur wegen eines
Irrtums bekommen hat; ein Rückenmark hätte gereicht." (Albert Einstein)
Der Ton macht die Musik. Und das ganz besonders im Gottesdienst.
Freude am Glauben, am Leben, dass wir von Gott geliebte Geschöpfe sind, und er
noch viel mit uns vorhat: nicht weniger, als dass wir voller Freude an seinem
Reich mitbauen.
Ich will jetzt keine neue Predigt halten, weil uns heute im Gottesdienst die
Musik predigt.
Morgen abend ist Reformationsfest-Gottesdienst und da wird schon das „Wort“, das im Sinne der Lutherischen Kirche die höchste Bedeutung habe, schon nicht zu kurz kommen.
Aber das „Wort“, die „Verkündigung“ sie geschieht eben
durch „Herzen, Mund und Hände“. Und ich kenne viele Menschen, denen ist die
Kirchenmusik, auch das liturgische Singen im Gottesdienst manchmal fast mehr
Verkündigung als die Predigt.
Als Beispiel das Lied, was wir eben gesungen haben: „In dir ist Freude in
allem Leide.“ Es ist das Lied, das für viele kirchenmusikalisch offenen
Menschen eine ganz hohe Bedeutung hat und gerade musikalischen Menschen viel
gibt – das ist meine Erfahrung über viele Jahre.
Es reicht nicht zu sagen, das Lied ist „schön“. Was ist daran schön? Von Leid
ist die Rede, vom süßen Jesu Christ,“, an dem wir kleben im Tod und Leben,
Teufel, Welt, Sünd und Tod.“ – das sind doch eher Worte, die uns fremd sind,
ehrlich gesagt. Begriffe, die oft als schwierig oder ärgerlich empfunden
werden, in dem Lied aber nicht negativ hervorstechen.
Warum? Weil sie „passen“. So wird das empfunden. Es ist wichtig, dass in der
Kirche, im Gottesdienst etwas passt. Etwa, dass die Mitwirkenden, besonders
der Pfarrer auch selbst glaubt und tut, was er in der Predigt von anderen
fordert und nicht selbstgerecht erscheint: „ein Wegweiser geht nicht mit.“
Menschen spüren dass.
Und Menschen spüren, wenn etwas in der Stimmung auseinander
fällt. Wenn auf der einen Seite von „froher Botschaft“ und der „unbegrenzten
Liebe Gottes“ erzählt wird, aber dabei die Mundwinkel unten sind, nur
Freudlosigkeit und negative Vibrationen verbreitet werden.
Und Menschen wollen ernst genommen werden. Wollen angesprochen werden in der
Verfassung in der sie sind, mit ihren Fragen, Zweifeln – aber auch in ihrer
guten Laune, ihrer Energie und Freude.
Und all das kommt in dem eben gesungenen Lied zusammen:
Hier wird nicht von Freude erzählt, hier wird Freude spürbar.
Hier wird nicht Friede, Freude Eierkuchen verbreitet, sondern die Menschen
werden ernst genommen, die eben nicht nur die hoffnungslosen Optimisten sind,
sondern auch die Schattenseiten sehen, die wir mit uns herumschleppen. Und das
alles geht irgendwie viel besser in der Musik und mit der Musik als durch das
bloße Erzählen.
Im Internet habe ich einen witzigen Chat gefunden zwischen einer wohl jungen
Organistin „Melanie“ und einem erfahrenen Musiker RK80 (ob das nicht unser
André Stoll war!). Melanie suchte verzweifelt eine Begleitung für eine
Sängerin genau für unser Lied „In dir ist Freude“ und kam mit dem eher
statischen Satz im Gesangbuch gar nicht zu recht. Sie bekam den Tipp, dass es
sich bei dem Lied um ein „Madrigal“ handelt und antwortete:
Ich denke, wir reden hier auf jeden Fall von der spaeteren Form eines
Madrigals . Es heisst in meinem Musiklexikon über das Lied: "populaerste Form
säkularer Polyphonie (!) in der zweiten Haelfte des 16 Jhd." und "expressive
Beziehung zwischen Text und Musik", dann bringe ich das mit dem Gastoldi-Satz
wenig zusammen.
Darauf erhält sie eine so schöne Antwort des älteren Kollegen, die ich
vorlesen möchte:
„Dann sing die Melodie mal vor Dich hin und zwar in Art, Gestus und Tempo so,
dass Du dazu tanzen, hüpfen und springen könntest, so, also ob das ganze Stück
auf einen durchgehenden Dreiertakt basieren würde. Hört sich jetzt etwas
respektlos an, aber so kommt man der Sache näher, weil man nicht in Gefahr
gerät, da einen quälenden 3er wie bei einem Walzer draus zu machen. Und was
macht man, wenn man sich freut? Man springt, hüpft und tanzt. ;)
Merkst Du, was mit der Melodie passiert? Es wird der typische Klang für dieses
Jahrhundert entstehen. Das ist mit expressiv gemeint ganz im Gegensatz zu den
meditativen Klängen der Gregorianik. usw.
In dir, in Jesus, ist Freude, in allem Leide: das Herz tanzt, hüpft und
springt dabei – wenn das mal keine richtig gute Predigt ist !!!
Amen.