Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
III. Reihe: Johannes 15, 17-21
Liebe Schwester und Brüder,
der Predigttext steht im Johannesevangelium im 15. Kapitel. Der große
Zusammenhang ist, dass Jesus kurz vor seinem Tode Abschied nimmt von seinen
Jüngern. Das ist schon wie eine Art mündliches Testament, was Jesus da seinen
Jüngern auf deren weiteren Lebensweg mitgibt. Er schärft ihnen ein, dass sie
sich stets an ihm und an nichts anderem orientieren sollen. Er ist es, der sie
erwählt hat, er steht ihnen immer zu Seite. Daran sollen sie sich festhalten.
Und nicht an eigenen Gedankengebäuden. Auch eigener Zweifel soll sie nicht
beherrschen. Ihn sollen sie stets im Blick haben und fest darauf vertrauen,
dass er ihnen schon alle Kraft gibt; denn er hat sie ja schließlich erwählt.
Selbstbewusst sollen sie sein und fest im Glauben. Manches an den Worten Jesu
ist anstößig, manches auch missverständlich. Aber hören wir erst einmal
Johannes 15, 17-21:
Deshalb trage ich euch auf: Liebt einander. Wenn euch die Welt hasst, dann denkt daran, dass sie mich zuvor gehasst hat. Wenn ihr Kinder der Welt wärt, würde euch die Welt wie ihr Eigenes lieben; weil ihr aber nicht Kinder der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt herausgeholt habe, deswegen hasst sie euch. Denkt daran, was ich euch gesagt habe: Der Sklave ist nicht größer als sein Herr. Die mich verfolgen, werden auch euch verfolgen. Die mein Wort bewahren, werden auch eures bewahren. Die euch etwas antun, tun es meinetwegen, denn sie kennen den nicht, der mich gesandt hat.
(Übersetzung nach Klaus Berger/Christiane Nord)
Gott segne unser Reden und unser Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
was bleibt hängen von diesem Ausschnitt aus Jesu Rede? Für mich als Kernsatz:
Den Jüngern Jesu kann es passieren, dass sie von der Welt gehasst werden. Das
liegt daran, dass die Welt auch Jesus gehasst hat, wie sollte sie da mit
seinen Nachfolgern anders umgehen? Denn diese Nachfolger Jesu - und dazu
wollen wir doch auch irgendwie gehören - sie sind „nicht von dieser Welt“,
d.h. sie sind nicht am Lob und Schulterklopfen der allgemeinen Welt
interessiert, dem Zeitgeist, dem „Main-Stream“, sondern sie sind und bleiben
Gottes ausgewählte und geliebte Kinder. Und das ist viel wichtiger als alle
Anerkennung in der Welt.
Zunächst stimme ich spontan zu: Ja, wir Christen, die Kirche allgemein braucht
unbedingt so etwas wie eine Zivilcourage des Glaubens. Sie darf, wir dürfen
(was ja viel schwieriger ist), das Fähnchen nicht immer nach dem Wind hängen,
sondern sollten mutig und offen Partei ergreifen für die Schwachen, die Jesus
besonders am Herzen lagen, für die christliche Botschaft: „Liebe Gott und
deinen Nächsten wie dich selbst.“ An der Bibel, an Jesus sollen wir uns
orientieren und nicht an Umfrage-Ergebnissen oder an Unternehmensberatern.
Ganz konkret: Bei aller Notwendigkeit zum Sparen müssen bei der Kirche andere
Kriterien gelten als bei Wirtschaftsunternehmen. Kirche will nicht ein Produkt
verkaufen, sondern Zeugnis ablegen für den auferstandenen Christus. Deshalb
braucht Kirche die Verkündigung im Zentrum, nicht nur, aber auch durch
glaubwürdige Pfarrerinnen und Pfarrer, braucht die Kirchenmusik, den
Küsterdienst, braucht das Wort Gottes in vielfacher Gestalt gerade durch die
Ehrenamtlichen - auch wenn das antiquiert erscheint, nicht mehr zeitgemäß und
wenig werbewirksam.
Eine im Glauben engagierte Kirche ist unbequem, passt nicht in die Zeit, weil
sie andere Werte hat als Erfolg um jeden Preis, das Streben nach Anerkennung
und Gewinn, den Machterhalt und Machtzuwachs zur Not auf Kosten der Kleinen
und Schwachen. Den Medien, der Gesellschaft, dem Staat wäre eine angepasste,
schweigende Kirche lieber, wer wie Jesus offen Kritik übt am Missbrauch von
Macht, wer die Freiheit des Glaubens und den Schutz der Kleinen fordert, wird
irgendwann gehasst.
Aber - ehrlich gesagt - jetzt spüre ich doch bei mir auch einen gewissen
Widerstand. Heißt das am Ende, die Wahrheit der Verkündigung ist an der Zahl
der Feinde festzumachen, nach der Devise: „viel Feind’ viel Ehr’“? Die
fundamentalistischen und radikalen Baptisten fallen mir ein, die ihre Kinder
nicht zur Schule schicken, weil die dort angeblich antichristlich verdorben
werden. Das will ich nicht - und das bringe ich auch nicht mit dem Jesus der
Bibel überein. Denn Jesus hat ja durchaus das Recht des Staates anerkannt, wir
haben es im Evangelium gehört: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist.“ Und
gebt Gott, was Gott gehört. Und Gott will etwas ganz anderes als das, was
unser tägliches Leben prägt durch Essen und Trinken, Pflichten und Rechte.
„Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Sagte Jesus. Er wollte nicht den
Gottesstaat, hat davor gewarnt. Er warnt vor jeder Art der
Selbstgerechtigkeit. Wir Christen leben in der Welt - und dürfen nicht mit
Gewalt eine eigene Welt schaffen wollen. Den fundamentalen Christen sei
gesagt, es reicht eben nicht, sich auf ein inneres und damit nicht
kritisierbares „Glaubensgefühl“ zu verlassen nach der Devise: „Ich spüre Jesu
Willen, selbst die Kinder zu unterrichten und nicht der Schulpflicht
nachzukommen“, sondern Jesus ist der Maßstab für unser Tun und Lassen. Nur er
macht uns gerecht und nicht wir selbst - so edel uns manchmal auch unsere
Motive erscheinen. Und Jesus ist eben nicht gehasst worden, weil er den Staat
abgelehnt hat und seine Rechte, sondern weil er konsequent in diesem Staat, in
dem er lebte, seinen Glauben, seine Menschenliebe durchgehalten hat. Am Ende
hätte die Welt ja gern Jesus ein Vergehen gegen irgendein Gesetz nachgewiesen,
aber da gab es ja nichts!
Und wer heute wie Jesus diese Menschenliebe für alle Geschöpfe predigt und mit
Herzen, Mund und Händen eintritt für diesen Garanten der Liebe, nämlich Jesus
selbst, der muss sich eben nicht wundern, dass er außerhalb der schützenden
Kirchenmauern wenig Anerkennung findet. Es gibt Länder, da ist dies mit einer
Lebensgefahr verbunden. In unserem Land spüren wir eine unangenehme Form des
„Hasses“, nämlich eine Entwertung durch Lächerlich-Machen, Nicht-Ernst-Nehmen
und zunehmende Gleichgültigkeit. Manchmal wünschte ich mir, christliche
Inhalte regten andere von sich maßlos überzeugte Mitbürger wenigstens noch
auf, dann ist da ja noch ein Rest von Gewissen vorhanden und ein Funke
Hoffnung. Wenn aber christliche Inhalte keinen mehr interessieren, dann ist
das nur noch beängstigend. Oder liegt es auch daran, dass wir Christen in den
landeskirchlichen Gemeinden zuwenig Mut haben und eine Ablehnung durch den
Zeitgeist mehr fürchten als eine Verwässerung der Botschaft Jesu?!
Christen sind irgendwie „nicht von dieser Welt“, aber Hefe im Sauerteig der
Welt, Salz der Welt. Sie geraten ins Visier einer gottlosen Gesellschaft, aber
das soll sie nicht beirren, sondern sie sollen stark bleiben durch die
Gewissheit, dass es Jesus Christus nicht anders ging. Dabei sollen sie aber
niemandem Anlass geben, durch ihr eigenes falsches Verhalten die eigene
Verfolgung zu rechtfertigen. Ich habe ein positives Beispiel vor Augen: Die
christlichen Gemeinschaften an der Wolga, in Sibirien, Kasachstan und
Kirgisien. Manchmal unter Lebensgefahr haben sie an Jesu Wort festgehalten -
und das ganz konkret. Sie haben ganz demütig und bescheiden immer und immer
wieder ihre kostbaren Bibeln gelesen. Sie haben fleißig gearbeitet und auch
ihren Verfolgern keinen Anlass gegeben, sie wegen etwas anderem als ihrem
Glauben zu verfolgen. Und sie haben durchgehalten. Ich sage das nicht, um eine
schwere Zeit zu glorifizieren. Aber wir lernen als Christen durch Vorbilder.
Das wichtige Vorbild ist jedoch Christus selbst. Er hat die Liebe, die er von
seinem himmlischen Vater empfangen hat, konsequent an andere weitergegeben.
Ihn hat das nicht gestört, ob das zeitgemäß war oder ob man damit Erfolg hat.
Daran wollen wir uns orientieren - und wenn andere mit dem Finger auf uns
zeigen oder lachen oder uns einfach übergehen: die Welt wir nicht das gute
Werk, das in Christus begonnen hat, aufhalten. Und die Welt braucht uns mutige
Christen, damit die Menschlichkeit nicht noch mehr an den Rand gedrängt wird.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure
Herzen in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.