Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Predigten und Andachten

 

Damit die Menschlichkeit nicht noch mehr an den Rand gedrängt wird.

Predigt am 23. Sonntag nach Trinitatis, 30. November 2005, in Neuenbeken

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

III. Reihe: Johannes 15, 17-21

Liebe Schwester und Brüder,

der Predigttext steht im Johannesevangelium im 15. Kapitel. Der große Zusammenhang ist, dass Jesus kurz vor seinem Tode Abschied nimmt von seinen Jüngern. Das ist schon wie eine Art mündliches Testament, was Jesus da seinen Jüngern auf deren weiteren Lebensweg mitgibt. Er schärft ihnen ein, dass sie sich stets an ihm und an nichts anderem orientieren sollen. Er ist es, der sie erwählt hat, er steht ihnen immer zu Seite. Daran sollen sie sich festhalten. Und nicht an eigenen Gedankengebäuden. Auch eigener Zweifel soll sie nicht beherrschen. Ihn sollen sie stets im Blick haben und fest darauf vertrauen, dass er ihnen schon alle Kraft gibt; denn er hat sie ja schließlich erwählt. Selbstbewusst sollen sie sein und fest im Glauben. Manches an den Worten Jesu ist anstößig, manches auch missverständlich. Aber hören wir erst einmal Johannes 15, 17-21:
 

Deshalb trage ich euch auf: Liebt einander. Wenn euch die Welt hasst, dann denkt daran, dass sie mich zuvor gehasst hat. Wenn ihr Kinder der Welt wärt, würde euch die Welt wie ihr Eigenes lieben; weil ihr aber nicht Kinder der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt herausgeholt habe, deswegen hasst sie euch. Denkt daran, was ich euch gesagt habe: Der Sklave ist nicht größer als sein Herr. Die mich verfolgen, werden auch euch verfolgen. Die mein Wort bewahren, werden auch eures bewahren. Die euch etwas antun, tun es meinetwegen, denn sie kennen den nicht, der mich gesandt hat.
(Übersetzung nach Klaus Berger/Christiane Nord)
 

Gott segne unser Reden und unser Hören. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,

was bleibt hängen von diesem Ausschnitt aus Jesu Rede? Für mich als Kernsatz: Den Jüngern Jesu kann es passieren, dass sie von der Welt gehasst werden. Das liegt daran, dass die Welt auch Jesus gehasst hat, wie sollte sie da mit seinen Nachfolgern anders umgehen? Denn diese Nachfolger Jesu - und dazu wollen wir doch auch irgendwie gehören - sie sind „nicht von dieser Welt“, d.h. sie sind nicht am Lob und Schulterklopfen der allgemeinen Welt interessiert, dem Zeitgeist, dem „Main-Stream“, sondern sie sind und bleiben Gottes ausgewählte und geliebte Kinder. Und das ist viel wichtiger als alle Anerkennung in der Welt.

Zunächst stimme ich spontan zu: Ja, wir Christen, die Kirche allgemein braucht unbedingt so etwas wie eine Zivilcourage des Glaubens. Sie darf, wir dürfen (was ja viel schwieriger ist), das Fähnchen nicht immer nach dem Wind hängen, sondern sollten mutig und offen Partei ergreifen für die Schwachen, die Jesus besonders am Herzen lagen, für die christliche Botschaft: „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst.“ An der Bibel, an Jesus sollen wir uns orientieren und nicht an Umfrage-Ergebnissen oder an Unternehmensberatern. Ganz konkret: Bei aller Notwendigkeit zum Sparen müssen bei der Kirche andere Kriterien gelten als bei Wirtschaftsunternehmen. Kirche will nicht ein Produkt verkaufen, sondern Zeugnis ablegen für den auferstandenen Christus. Deshalb braucht Kirche die Verkündigung im Zentrum, nicht nur, aber auch durch glaubwürdige Pfarrerinnen und Pfarrer, braucht die Kirchenmusik, den Küsterdienst, braucht das Wort Gottes in vielfacher Gestalt gerade durch die Ehrenamtlichen - auch wenn das antiquiert erscheint, nicht mehr zeitgemäß und wenig werbewirksam.

Eine im Glauben engagierte Kirche ist unbequem, passt nicht in die Zeit, weil sie andere Werte hat als Erfolg um jeden Preis, das Streben nach Anerkennung und Gewinn, den Machterhalt und Machtzuwachs zur Not auf Kosten der Kleinen und Schwachen. Den Medien, der Gesellschaft, dem Staat wäre eine angepasste, schweigende Kirche lieber, wer wie Jesus offen Kritik übt am Missbrauch von Macht, wer die Freiheit des Glaubens und den Schutz der Kleinen fordert, wird irgendwann gehasst.

Aber - ehrlich gesagt - jetzt spüre ich doch bei mir auch einen gewissen Widerstand. Heißt das am Ende, die Wahrheit der Verkündigung ist an der Zahl der Feinde festzumachen, nach der Devise: „viel Feind’ viel Ehr’“? Die fundamentalistischen und radikalen Baptisten fallen mir ein, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken, weil die dort angeblich antichristlich verdorben werden. Das will ich nicht - und das bringe ich auch nicht mit dem Jesus der Bibel überein. Denn Jesus hat ja durchaus das Recht des Staates anerkannt, wir haben es im Evangelium gehört: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist.“ Und gebt Gott, was Gott gehört. Und Gott will etwas ganz anderes als das, was unser tägliches Leben prägt durch Essen und Trinken, Pflichten und Rechte. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Sagte Jesus. Er wollte nicht den Gottesstaat, hat davor gewarnt. Er warnt vor jeder Art der Selbstgerechtigkeit. Wir Christen leben in der Welt - und dürfen nicht mit Gewalt eine eigene Welt schaffen wollen. Den fundamentalen Christen sei gesagt, es reicht eben nicht, sich auf ein inneres und damit nicht kritisierbares „Glaubensgefühl“ zu verlassen nach der Devise: „Ich spüre Jesu Willen, selbst die Kinder zu unterrichten und nicht der Schulpflicht nachzukommen“, sondern Jesus ist der Maßstab für unser Tun und Lassen. Nur er macht uns gerecht und nicht wir selbst - so edel uns manchmal auch unsere Motive erscheinen. Und Jesus ist eben nicht gehasst worden, weil er den Staat abgelehnt hat und seine Rechte, sondern weil er konsequent in diesem Staat, in dem er lebte, seinen Glauben, seine Menschenliebe durchgehalten hat. Am Ende hätte die Welt ja gern Jesus ein Vergehen gegen irgendein Gesetz nachgewiesen, aber da gab es ja nichts!

Und wer heute wie Jesus diese Menschenliebe für alle Geschöpfe predigt und mit Herzen, Mund und Händen eintritt für diesen Garanten der Liebe, nämlich Jesus selbst, der muss sich eben nicht wundern, dass er außerhalb der schützenden Kirchenmauern wenig Anerkennung findet. Es gibt Länder, da ist dies mit einer Lebensgefahr verbunden. In unserem Land spüren wir eine unangenehme Form des „Hasses“, nämlich eine Entwertung durch Lächerlich-Machen, Nicht-Ernst-Nehmen und zunehmende Gleichgültigkeit. Manchmal wünschte ich mir, christliche Inhalte regten andere von sich maßlos überzeugte Mitbürger wenigstens noch auf, dann ist da ja noch ein Rest von Gewissen vorhanden und ein Funke Hoffnung. Wenn aber christliche Inhalte keinen mehr interessieren, dann ist das nur noch beängstigend. Oder liegt es auch daran, dass wir Christen in den landeskirchlichen Gemeinden zuwenig Mut haben und eine Ablehnung durch den Zeitgeist mehr fürchten als eine Verwässerung der Botschaft Jesu?!

Christen sind irgendwie „nicht von dieser Welt“, aber Hefe im Sauerteig der Welt, Salz der Welt. Sie geraten ins Visier einer gottlosen Gesellschaft, aber das soll sie nicht beirren, sondern sie sollen stark bleiben durch die Gewissheit, dass es Jesus Christus nicht anders ging. Dabei sollen sie aber niemandem Anlass geben, durch ihr eigenes falsches Verhalten die eigene Verfolgung zu rechtfertigen. Ich habe ein positives Beispiel vor Augen: Die christlichen Gemeinschaften an der Wolga, in Sibirien, Kasachstan und Kirgisien. Manchmal unter Lebensgefahr haben sie an Jesu Wort festgehalten - und das ganz konkret. Sie haben ganz demütig und bescheiden immer und immer wieder ihre kostbaren Bibeln gelesen. Sie haben fleißig gearbeitet und auch ihren Verfolgern keinen Anlass gegeben, sie wegen etwas anderem als ihrem Glauben zu verfolgen. Und sie haben durchgehalten. Ich sage das nicht, um eine schwere Zeit zu glorifizieren. Aber wir lernen als Christen durch Vorbilder. Das wichtige Vorbild ist jedoch Christus selbst. Er hat die Liebe, die er von seinem himmlischen Vater empfangen hat, konsequent an andere weitergegeben. Ihn hat das nicht gestört, ob das zeitgemäß war oder ob man damit Erfolg hat. Daran wollen wir uns orientieren - und wenn andere mit dem Finger auf uns zeigen oder lachen oder uns einfach übergehen: die Welt wir nicht das gute Werk, das in Christus begonnen hat, aufhalten. Und die Welt braucht uns mutige Christen, damit die Menschlichkeit nicht noch mehr an den Rand gedrängt wird.


Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.