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Es gibt ein Leben vor dem Tod

 Predigt zu 1. Johannes 5, 11-13 am 2. Sonntag nach dem Christfest, 4. Januar 2004

 Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe

  

Was, liebe Gemeinde, ist das Leben? Der Anfang eines neues Jahres ist immer eine ganz besondere Zeit und manchmal auch Anlass zu Fragen und Gedanken, die über das Alltägliche hinausgehen. Was ist Leben? Oder konkreter: wie sah Ihr Leben im vergangenen Jahr aus? Waren Sie zufrieden mit sich und der Welt? Was wünschen Sie für Ihr Leben im Jahr 2004?

Gesundheit, Frieden, Wohlstand, Erfolg?

Wahrscheinlich könnten wir uns sogar auf diese Dinge einigen. Es sind berechtigte und sinnvolle Wünsche, aber machen sie wirklich Leben aus?

Wo z.B. verläuft die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit? Welche Krankheit ist so schwer, dass man per se sagen kann: hier ist Leben kein Leben mehr? Ich bin in meinen Aussagen und Urteilen über dieses Thema mit der Zeit immer vorsichtiger geworden. Je mehr Menschen ich nämlich kennengelernt habe, die mit, in meinen Augen furchtbaren, Krankheiten oder auch mit schwerwiegenden Handikaps leben. Und die dabei ein Leben leben mit genauso viel oder so wenig Mut und Energie wie alle die, die sich als „gesund“ bezeichnen.

Frieden? Frieden ist lebenswichtig. Aber auch Menschen, die einen Krieg überlebt haben, erzählen von Zeiten und Augenblicken im Krieg, in denen sie so intensiv gelebt haben wie nie.

Ähnliches gilt, so habe ich das beobachten können, auch für Wohlstand. Ich weiß es sehr zu schätzen, in einem Land zu leben, in dem die meisten Menschen wissen können, dass sie am nächsten Tag alles Lebensnotwendige zur Verfügung haben werden, sogar in der nächsten Woche oder im nächsten Monat.

Begegnungen mit Menschen hier in unserem Land, für die das nicht gilt, Begegnungen mit Menschen in Tansania oder in Ägypten z.B. haben mich gelehrt, dass Leben nicht erst mit materieller Absicherung beginnt.

Die meisten von uns werden eine Ahnung davon haben, dass die „Fülle des Lebens“, von der die Bibel häufig spricht, nur bedingt zu tun hat mit Gesundheit, Frieden, Wohlstand, Erfolg oder ähnlichem.

Der Schreiber des 1. Johannesbriefes bezeugt eine sehr deutliche Antwort, womit diese Fülle des Lebens wirklich zu tun hat: Wer den Sohn hat, der hat das Leben, so heißt es da.

In einer Zeit, in der in der jungen Kirche der Streit um die rechte Lehre und den wahren Glauben in vollem Gange war, will er seinen LeserInnen versichern: euer Glaube an Jesus, den Mensch gewordenen Gott, ist der Schlüssel zum Leben. Er schreibt:

„Und das ist das Zeugnis, daß uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht. Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wißt, daß ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.“ (1.Joh 5,11-13)

 

Wer den Sohn hat, der hat das Leben. Wer im Kind in der Krippe den Retter und Richter der Welt erkennt, hat Anteil an der Gemeinschaft mit Gott, an seinem Leben. Keine große Sache, so könnte man annehmen. Und doch: während die Adressaten des Johannesbriefes in der Gefahr standen, in Jesus aus Nazareth nur einen interessanten Propheten zu sehen, ist doch unser Problem eher, das Kind in seiner Krippenidylle liegen zu lassen und in der niedlichen Szene Gottes Revolution nicht wahrhaben zu wollen.

Wer den Sohn hat, der hat das ewige Leben. Der 1. Johannesbrief sagt nicht: Glaubt hier in dieser Zeit und Welt nur fest, dann werdet ihr in der kommenden Welt leben. Leben wird nicht in Aussicht gestellt - die Glaubenden haben dieses neue, andere Leben schon jetzt.

Das bewahrt uns davor, alles auf ein später zu verlegen: es gibt ein Leben vor dem Tod! Und es bewahrt uns davor, eine Armuts- und Leidensidylle zu pflegen. Ich bin überzeugt, das nicht das arme, leidende, entsagende Leben das gelungenere, gottgefälligere ist, wie uns manchmal erzählt werden soll. (Oder eigentlich nicht uns allen, sondern vor allem denen, die unter Krankheiten, Armut und Ungerechtigkeit leiden.) Es ist unsere Pflicht und Schuldigkeit nach unserem menschlichen Vermögen dafür zu sorgen, dass Leben für alle Menschen auf dieser Welt, hier und jetzt, in Würde lebenswert und möglich wird. Darin kommt etwas von Gottesgemeinschaft und ewigem Leben zu tun.

 

Aber was ist nun dieses Leben?

Ich kann und will diese Frage hier nicht beantworten. Ich möchte nur erinnern an die Momente und Bilder, von Jesus gelebt, von seinen Jüngern und Jüngerinnen überliefert:

Ein Kind in einer Stallhöhle bringt harte Hirtenkerle zum Jubeln.

Blinde sehen, Lahme gehen und den Armen wird die Botschaft der Befreiung weitererzählt. Die Bedrückten können wieder ihren Kopf heben und aufrecht gehen. Individualisten sehen den Menschen neben sich und Tausende bleiben nicht mehr hungrig. Ausgestossene finden neue Gemeinschaft und der Tod hat keine Macht mehr.

Eine andere Antwort kann ich nicht finden auf die Frage: was ist Leben. Ich kann uns nur wünschen, diesem Leben zu begegnen. Amen.

 

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