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Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Predigten und Andachten

Sich an die Liebe Gottes zu uns erinnern und diese Liebe in die Gemeinschaft tragen
 

Predigt zum zweiten Sonntag nach Epiphanias, 18. Januar 2004

Vikarin Anne Biesterfeldt, Bad Lippspringe

II. Reihe: Römer 12,9-15

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!

Der Predigttext steht im Römerbrief im 12. Kapitel:
Die Liebe sei ohne Falsch.
Hasst das Böse, hängt dem Guten an.
Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich.
Einer komme dem anderen mit Ehrerbietung zuvor.
Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt.
Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.
Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.
Nehmt euch der Nöte der Heiligen an.
Übt Gastfreundschaft.
Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.
Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.

Liebe Gemeinde!
- So viele Aufforderungen und Ermahnungen, da weiß man ja am Ende des Textes gar nicht mehr genau, was man alles tun und wie man sein soll:
(Paulus sagt:)
Wir sollen herzlich und respektvoll miteinander umgehen.
Wir sollen engagiert sein in dem, was wir tun.
Wir sollen „brennend“ im Heiligen Geist sein, fröhlich in der Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.
Wir sollen uns der Nöte unserer Nächsten annehmen, und nicht nur das:
Wir sollen auch unsere Feinde segnen.
Wir sollen uns mit den Fröhlichen freuen und mit den Traurigen traurig sein.

Der Tonfall des Paulus ist trotz der Vielzahl an Mahnungen und Aufforderungen nicht fordernd oder unfreundlich, vielmehr wird seine eigene Begeisterung für das, wozu er auffordert, spürbar: Er spricht in starken Bildern: „Seid brennend im Geist“, und verwendet emotionale Worte wie „fröhlich“, „geduldig“ und „beharrlich“, schließlich: „Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden“.

Trotzdem irritieren mich die Ermahnungen:

Jemanden, der fröhlich ist, zur Fröhlichkeit aufzufordern, ist vermutlich unproblematisch; - was aber erreicht man, wenn man jemanden, der traurig, vielleicht sogar verzweifelt, oder aber auch einfach nur müde und erschöpft ist, auffordert: Sei fröhlich! Oder einen Ungeduldigen: Sei geduldig! Oder einen, der sich verlassen von Gott und der Welt fühlt: Sei brennend im Geist!

Meine Anfrage an den Text und an die Ermahnungen des Paulus ist:

Ist es möglich, jemanden – erfolgreich – zu einem bestimmten Gefühl zu ermahnen? Einen Traurigen zur Freude anzuhalten? Einen, der sich verlassen fühlt, zu einer Lebenshaltung „brennend im Geist“ aufzufordern, einer Lebenshaltung, so „brennend im Geist“, dass sie sogar die Feindesliebe leisten kann?

- Vermutlich nicht, da geht es uns nicht anders als den Christen in Rom, denen der Text ursprünglich galt. Zu Gefühlen oder zu einer inneren Haltung, aus der dann möglicherweise auch ein bestimmtes Verhalten – wie etwa die Nächstenliebe oder die Feindesliebe – entspringen können, können wir uns nicht ermahnen lassen, genauso wenig, wie wir uns selbst zu bestimmten Gefühlen oder einer bestimmten inneren Haltung zwingen können. Gefühle und innere Haltung reagieren auf andere Impulse als auf Ermahnung oder Zwang.

Nun ist ja aber der Eindruck der Ermahnung nicht der einzige, den der Predigttext hinterlässt.

Gerade war schon die Rede vom Tonfall des Paulus, von der Begeisterung, die ihm abzuspüren ist, wenn er seine Vorstellungen von christlichem Gemeindeleben formuliert, einem Tonfall, der sehr viel mehr nach „Lasst uns doch!“, „Wir wollen!“ als nach „Ihr sollt!“, „Seid so und so“, „Macht bloß alles richtig, sonst...“ klingt.

Dieser Tonfall des Paulus, diese Begeisterung, die aus den einzelnen Ermahnungen und zwischen ihnen hervorstrahlt, ist Ausdruck von etwas, das Paulus an dieser Stelle nicht eigens erwähnt und benennt. Es erklärt aber sowohl seinen Enthusiasmus als auch legitimiert es das, was uns ermahnend anmutet (und was mich irritiert in Bezug auf die Möglichkeit, zu Gefühlen ermahnen und anhalten zu können).

Paulus spricht zu der damaligen Gemeinde in Rom und zu uns heute in dem Wissen und auf der Basis der Tatsache, dass er selbst, die damaligen Christen und auch wir heute in der Liebe Gottes stehen, um diese Liebe wissen und diese Liebe erfahren haben und erfahren.

Gottes Liebe zu uns ist zuerst da, Gott nimmt uns an und liebt uns, so wie wir sind. Seine Liebe geht so weit, dass er uns seinen Sohn schenkt, selbst Mensch und unser Bruder wird, wie wir es zu Weihnachten vor wenigen Wochen gefeiert haben.

Gottes Liebe zu uns Menschen ist die Gewissheit und die Wirklichkeit, von der aus Paulus der Gemeinde in Rom und uns zurufen kann: Seid brennend im Geist! Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Mit der Gewissheit der Liebe Gottes zu uns sind diese Zurufe weniger Ermahnungen und Anforderungen als vielleicht vielmehr Erinnerungen an die Lebenswirklichkeit, das Lebensgefühl, das vom Bewusstsein der Liebe Gottes zu uns geprägt ist.

Denn nicht Ermahnungen und Anforderungen können uns zu bestimmten Gefühlen (und daraus resultierenden Haltungen und Verhaltensweisen) bewegen, wohl aber Gottes Geschenk der Liebe. Die Liebe ist der Impuls, der auch unsere Gefühle erreicht und es vermag, uns im Innersten anzusprechen und zu verändern.

Ein Kind, das geliebt wird, muss nicht immerzu ängstlich auf sich selbst achten und darum besorgt sein, nicht zu kurz zu kommen. Es kann sich selbstverständlich und mit einer gewissen Selbstvergessenheit auch für das andere und den anderen öffnen und ihm Raum geben, es kann sich mit den Fröhlichen freuen und mit den Weinenden weinen, ohne sich selbst verleugnen zu müssen, „ohne Falsch“, wie es zu Beginn des Predigttextes heißt.

Gottes Liebe zu uns ereignet sich nicht abstrakt, Gottes Liebe ereignet sich und wird spürbar in Gemeinschaft.

Getragen von der Liebe Gottes und im Bewusstsein derselben gibt es nichts Naheliegenderes als herzlich und respektvoll miteinander umzugehen, nichts Selbstverständlicheres als „brennend im Geist“ zu sein – ist es doch der Heilige Geist, der uns zur Liebe bewegt, der uns fröhlich in der Hoffnung, geduldig in Trübsal und beharrlich im Gebet sein lässt.

- So sehr uns jedoch der herzliche und respektvolle Umgang miteinander durch die Liebe Gottes ermöglicht wird, wir mit der Liebe Gottes im Rücken in der Lage sind, uns mit den Fröhlichen zu freuen und mit den Weinenden zu weinen, manchmal gehören wir auch selbst zu den Bedürftigen, denen, die Mit-Freude und Mit-Weinen nötig haben. Und auch und gerade das ist in der durch Gottes Liebe gestifteten Gemeinschaft möglich.

Vielleicht hat Paulus beim Abfassen seines Briefes an die römischen Christen eher die Bedürftigen als Adressaten im Blick gehabt – um so mehr sind seine Worte nicht als Ermahnung, sondern als Erinnerung an die Gemeinschaft stiftende Liebe Gottes zu verstehen.

Lassen auch wir uns von Paulus an die Liebe Gottes zu uns erinnern und diese Liebe in die Gemeinschaft tragen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.