Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Träumen?

"Und im Großen, das wir erträumen, das Kleine nicht zu vergessen; in der großen Sehnsucht nach dem Frieden auf Erden daran zu glauben, dass dieser Friede schon angefangen hat; dass er angefangen hat in dem kleinen Kind in der Krippe; denn dieses Kleine ist Gottes größtes Geschenk für die Welt"

Predigt zum 3. Advent, 12. Dezember  2004

Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe

Predigttext: Jesaja 35,3-10

Liebe Gemeinde,
Adventszeit, - Vorweihnachtszeit:
Nikoläuse und Weihnachtsmänner stehen in den Auslagen der Geschäfte,
klettern an Häuserwänden hoch, oder lachen uns in der Werbung an. Elche und Rentiere sind dieses Jahr ganz besonders gut im Rennen.
Sterne leuchten an Fenstern und Fassaden:leuchten gegen die Dunkelheit des Winters und gegen die langen Abende an.
Lichterstimmung,    besondere Feststimmung, eine Zeit der Hochstimmung.
Und die Adventszeit ist auch eine Zeit der Erwartung:
Wir warten auf den Weihnachtsmann,   auf Schnee,   darauf, dass wir mal wieder mit der Familie zusammen sind, uns gegenseitig besuchen können,
wir warten auf Geschenke, und darauf, dass wir selbst Geschenke machen können, - oder müssen, je nach dem!
Vor allem zu Weihnachten dann: Ausspannen, Zeit haben,
es soll einfach eine schöne Zeit sein. Und ich finde das gut!!

Haben Sie es gemerkt, liebe Gemeinde:
Bei dieser Aufzählung fehlte etwas: Das Christuskind in der Krippe. Das Kind in der Krippe, und das, wofür dieses Kind steht. Und so klein und unscheinbar, so leicht zu übersehen es auch ist:
Es steht für das, worauf es eigentlich ankommt:
Es steht dafür, dass Gott die Welt nicht im Stich lässt. Dass es Hoffnung gibt für unsere Welt. 
Das ist es, was wir erwarten dürfen und auch sollen.
Das ist unsere Freude, unsere Hoffung, unser Trost in jedem Jahr.
Und jedes Jahr lassen wir uns daran neu erinnern.
„Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“
Die Sehnsucht nach einer solchen Welt, friedlich und menschlich, ist die Sehnsucht im Advent.

Die Sehnsucht nach einer solchen Welt hat Menschen bewegt, heute, wie von tausenden von Jahren. Um ca. 550 vor Christus hat der Prophet Jesaja seine Sehnsucht, seinen Trost, seine Hoffnung so aufgeschrieben:
Ich lese aus dem 35. Kapitel seines Buches

Stärket die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!
Saget den verzagten Herzen: „Seid getrost, fürchtet euch nicht!
Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache;
Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.“
Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden.
Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch,
und die Zunge der Stummen wird frohlocken.
Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande.
Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen,
und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein.
Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.
Und es wird dort eine Bahn sein, die der heilige Weg heißen wird.
Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen;
auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren.
Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen;
sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen.
Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.

Welch eine bunte, ausdrucksreiche Sprache, voller Bilder und Symbole.
Blinde werden wieder sehen, Taube wieder hören, Lahme werden springen wie ein Hirsch! - und die Stummen werden Lieder singen.
Wasser wird in der Wüste hervorsprudeln, reich werden dort Gräser, Büsche und Bäume wachsen, man kann es förmlich riechen, hören spüren und schmecken.
Alle unsere Sinne reichen kaum aus, um uns in diese Welt hineinzufühlen.
Jesaja malt ein fast unglaubliches Bild von einer neuen, besseren Welt.
Eine Welt, von der wir ebenso träumen, wie er, und die Menschen seiner Zeit.

Aber ist es denn nur ein Traum, eine Spinnerei, liebe Gemeinde? Sind wir Träumer, Jesaja, die Menschen Israels, wir Christen und Christinnen in der Welt?
Es macht uns oft solche Mühe, unsere Welt mit der neuen Welt zusammen zu denken. Wir sehen oft viel mehr, was nicht zusammenpasst, was friedlos und heillos ist, bei uns und in der Welt.
Wir wünschen uns vielleicht manchmal, dass die neue Welt aus Gottes Macht über uns hereinbrechen soll.
Aber das ist dann nicht der Gott, der Vater Jesu Christi, zu dem wir uns jeden Sonntag bekennen. Gott ist anders, geht anders um mit der Welt. Und nur so ist er der Gott, den wir kennen.

Das Große verwandelt sich in etwas ganz Kleines, in ein Kind, in einem Stall in einer dunklen Nacht, irgendwo in Israel.
Gott wird Mensch! Das kleine Christuskind in der Krippe, bei Ochs und Esel, mit den Hirten, und den -wahrscheinlich überforderten und übernächtigten – Eltern. Jesus wäre ohne die Hilfe seiner Eltern gar nicht überlebensfähig. Gott macht sich klein, schwach, verletzlich, hilfsbedürftig.
In diesem ganz kleinen ist das größte verborgen, was Gott für diese Welt bereithält: er selbst. Hier gibt sich uns Gott zu erkennen, wie er ist: menschlich bei uns Menschen.
Und, liebe Gemeinde, er zeigt uns, wozu Menschen fähig sind:
Er lässt die Hirten aufbrechen zu ihrer Hoffung,er lässt Könige sich auf den Weg machen, um einen größeren König zu suchen. Und er lässt ja auch uns losgehen, jeden auf seine Weise, losgehen: hierhin, zu unseren Nachbarn und Freunden, zu den Weihnachtseinkäufen, zu Spendensammlungen, zu ehrenamtlicher Tätigkeit, losgehen, um die Welt ein Stück mehr so zu machen, wie wir sie haben wollen und wie Gott sie haben will. Und das ist kein Traum!!

Und deshalb glaube ich, liebe Gemeinde, dass es jetzt im Advent, bei dem, was wir für Weihnachten tun, wie wir unsere Häuser schmücken, Sterne aufhängen, das Fest für uns und unsere Familien vorbereiten, darauf ankommt:
Im Kleinen, was wir tun, im Schmücken und Festlich-machen das Große nicht zu vergessen, auf das wir warten:
Und im Großen, das wir erträumen, das Kleine nicht zu vergessen; in der großen Sehnsucht nach dem Frieden auf Erden daran zu glauben, dass dieser Friede schon angefangen hat; dass er angefangen hat in dem kleinen Kind in der Krippe; denn dieses Kleine ist Gottes größtes Geschenk für die Welt.   Amen