Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
III. Reihe: Lk 15, 1-10
Wie ist Gott, liebe Gemeinde?
Jedem von Ihnen fallen jetzt vielleicht eine Reihe von Antworten ein. Einige
Antworten haben wir eben im Verlauf des Gottesdienstes schon gehört: z.B.
Barmherzig und gnädig ist Gott. Geduldig und von großer Güte. So hieß es eben
gerade im Hallelujah - Vers.
Das ist eine Art zu antworten, aber es gibt andere: Menschen mögen es gerne,
wenn man ihnen eine kleine Geschichte erzählt. Jesus wußte das. Und wenn ein
paar Menschen bei Jesus waren, Freundinnen und Freunde, Kinder und Erwachsene,
dann hat er ihnen manchmal eine Geschichte erzählt.
Wie ist Gott?
Der Evangelist Lukas hat zwei Geschichten aufgeschrieben, die hierauf eine
Antwort geben:
Jesus sagte zu ihnen dies Gleichnis und sprach:
Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die 99 in der Wüste läßt und geht dem verlorenen Schaf nach bis er es findet? Und wenn er es gefunden hat, so legt er es auf seine Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, daß verloren war.
Oder welche Frau, die zehn Silbergroschen hat und einen davon verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet?
Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Nachbarinnen und ihre Freundinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte.
So sage ich euch wird auch Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.
Eine ganz bekannte und eine eher unbekannte Geschichte „Vom
verlorenen Schaf“ und „Vom verlorenen Groschen“ so stehen sie in unserer Bibel
überschrieben. Über Sinn und Unsinn der Suchaktionen, über Sünde und Sünder,
über Buße und Umkehr. Über alles dies könnten wir uns nun Gedanken machen, all
dies klingt in den Gleichnisgeschichten an.
Aber wir bekommen auch zwei Antworten auf unsere Frage ‘Wie ist Gott?’
Über Gott bekommen wir etwas erzählt, über Gott, der sich freut über uns, über
Sie und mich.
Der nachsieht, nachläuft und vor allem: sich freut. Freut über seinen
Menschen, der da ist, wieder da ist, der endlich da ist. Was ist ein Hirte
ohne Herde? Was eine Hausfrau ohne Geld? Indem wir etwas über Gott erzählt
bekommen, erfahren wir auch etwas über uns.
Wir gehören zu Gott. Jeder und jede einzelne gehört zu Gott. Jede fehlt ihm,
wenn sie fehlt. Jeder einzelne fehlt ihm, ist ihm wertvoll. Wertvoll und
kostbar. Die Suche wert, manchmal eine vielleicht sehr lange Suche.
Wir werden gesucht und erwartet, mit Freude erwartet. Und nicht nach dem
,,Warum" der Irrwege gefragt. Kein Vorwurf über das Leben, das wir manchmal so
anders leben, als wir gerne wollen. Kein ,,Warum-hast-du-Nicht ...", kein
,,Du-weißt-aber-Doch ...", kein ,,Als-Christin-tut-man-Doch ..."
Und indem wir etwas über Gott erzählt bekommen, erfahren wir auch etwas über
uns. Gefunden werden - unsere heimliche Sehnsucht.
Gefunden werden von einem Finder, der sich freut über das Wiederfinden.
Gefunden werden von einer, die uns gesucht hat, unser Verlorengegangensein
bemerkt hat, von einer, der wir gefehlt haben.
Wie ist Gott?
Gott ist wie ein Hirte, der so lange sucht, bis er uns gefunden hat.
- der gar nicht danach fragt, ob wir vielleicht ,,selber schuld" sind, ob wir
aus Versehen oder mit Absicht verlorengingen -
sondern der sucht und sucht, nachsteigt über Steine und Geröll, Abhänge hinab
und Hügel hinauf, in den Felsspalten nachsieht - mit Sorge im Herzen, wir
könnten uns verletzt haben.
Der sucht, bis er uns findet, uns auf seinen Arm nimmt und nach Hause trägt.
Einfach so. Und sich freut - über uns.
Gott ist wie eine Frau, die das Unterste zuoberst kehrt, um uns zu finden. Die
in jeder Truhe, in jeder Ritze, in allen Ecken nachschaut, immer mit der
Angst, wir könnten unauffindbar bleiben. Die sucht und sucht, bis sie uns
findet. Und dann alle herbeiruft, um die Freude über uns zu teilen.
Manchmal ist sie sehr lang, die Suche. Und mancher bekommt lange kein: ,,Hier
bin ich" über die Lippen auf den alten, leisen Ruf: ,,Wo bist du?" Glaubt
nicht, daß er vermißt wird. Glaubt nicht, daß er, der kleine, einzelne Mensch,
wertvoll und kostbar ist, mit seinem ganzen Leben, mit all seinen Irrwegen.
Wertvoll, unendlich wertvoll sind wir für Gott, und er gibt die Suche nicht
auf. Und wenn er ihn, wenn er uns gefunden hat - gibt es kein Nachtragen und
kein Vorwerfen, sondern Freude: Schön, daß du da bist. Du hast mir gefehlt.
Amen.