Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Predigten und Andachten

 

Maria

Predigt zum 4.ADVENT - 19.12.2004

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

III.REIHE: LUKAS 1,26-38

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Je¬sus Christus. Amen.

Der Predigttext steht im Lukasevangelium im 1.Kapitel:

Zu der Zeit wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jung¬frau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßet, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten ge¬nannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron sei¬nes Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.
Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der heilige Geist wird über dich kom¬men, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Ver¬wandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Al¬ter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.
Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir ge¬schehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

Gott, der Herr, segne unser Hören und unser Re¬den. Amen.


Liebe Schwestern und Brüder,

eine wunderschöne Geschichte von der Verkündi¬gung der Geburt Jesu an Maria. Eine Geschichte, die viel von den Gefühlen einer jeden werdenden Mutter widerspiegelt, von ihren Ängsten und Sorgen, aber auch ihren Hoffnungen und Freu¬den. Und doch ist aus dieser Geschichte eine verhängnisvolle Entwicklung ausgegangen, die Frauen in ihrem Leben eingeschränkt, unter¬drückt hat. Wie sehr, ist mir persönlich eigent¬lich erst bei der Beschäftigung mit der Wir¬kungsgeschichte dieses Textes aufgegangen.

Der Engel spricht Maria als eine "Begnadete" un¬ter den Frauen an, da sie den kommenden Hei¬land der Welt gebären wird. Was haben Menschen daraus gemacht? "Begnadet" ist die Frau, die ein Kind gebärt, welche Frau es nicht tut, nicht kann, hat eben bei Gott keine Gnade gefunden. Wieviel Frauen haben unter dieser einengenden und überhaupt nicht biblischen Vorstellung im Laufe der Zeit leiden müssen. Gottes Gnade be¬steht darin, dass eben der Mensch nicht ange¬nommen wird, weil er dies oder das leistet, zu dem oder dem imstande ist, sondern allein, weil Gott jede und jeden so liebt, wie sie, wie er ist - ohne auf das Können zu schauen. Auch eine Frau, die kein Kind gebiert, hat vor Gott densel¬ben Rang. Die Freude über die Erwählung der Maria darf kein Grund sein, Kinderlosigkeit zu verurteilen. Leider ist dies nur allzuoft gesche¬hen.

Und zum anderen: Der Jungfrauengeburt. In un¬glaublich vielen Auslegungen - seien sie aus der katholischen oder evangelischen Kirche - klingt der Unterton mit: das ist die eigentliche Erwäh¬lung - die Frau bekommt das Kind, ohne dass sie von einem Mann weiß. Der Umgang mit dem ande¬ren Geschlecht, die Sexualität werden als etwas Sündiges, Schmutziges gesehen, die allein Maria, die reine Magd, nie gekannt hat. Auch das ein Instrument der Unterdrückung der Frau: wenn sie kinderlos bleibt, so hat sie ihre Bestimmung verfehlt, wird sie aber schwanger, so hat sie sich auf die sündige Geschlechtlichkeit eingelas¬sen.

O Maria, wenn Du gewußt hättest, wie Deine wun¬derschöne Geschichte von Deiner Erwählung von anderen Menschen, von Männern, umgedeutet wurde! Wie sie Dich zu einer Überfrau gemacht haben, deren Vorbild falsch und niederschmetternd war, unerreichbar und auch gar nicht erstre¬benswert!

Wir müssen versuchen, Maria wiederzuentdecken hinter all den falschen Masken hindurch. Denn Maria war so ganz anders als die landläufigen Vorurteile meinen.
Maria war
1. eine Frau, die das "normale" Frauenbild auf den Kopf stellt;
2. eine Frau, die zweifeln muß an der Verheißung des Engels;
3. eine Frau, die sich Menschen nicht unterord¬net und sich etwas traut wie kaum ein Mann.

1. Maria stellt das "normale" Frauenbild auf den Kopf:
Zur Zeit der Maria war es aus religösen Gründen einem Mann verboten, eine Frau zu grüßen. Zum anderen war es aus gesellschaftlichen Gründen unmöglich, als unverheiratete Frau allein Männerbesuch in ihrer Kammer zu empfangen. Beides geschieht Maria, einer einfachen jungen Frau, die zwar einem Mann versprochen ist, mit dem sie aber noch nicht zusammenlebt. Gott hat sie er¬wählt, die Mutter Jesu Christi zu werden. Er hat damit ein für allemal die Frau herausgeholt aus der Rolle des Menschen zweiter Klasse. Ganz be¬wußt verstößt der Engel gegen religiöse und ge¬sellschaftliche Normen, wenn er sagt: Maria, du Frau, du Glückliche, du vollwertiges Geschöpf Gottes, du bist die Begnadete! Und das sagt er einem jungen Mädchen, das, weil noch unverhei¬ratet, noch nicht einmal als vollwertige Frau galt.

2. Maria ist nicht nur überrascht, sie erschrickt zutiefst über diese Befreiung von ihrer "normalen" Rolle, in der sie sich trotz allem so bequem eingerichtet hatte. Sie ist keineswegs glücklich über die Aussicht, den Retter der Welt zum Sohn zu bekommen. Welche Mutter wünscht sich schon einen Helden, der herauszieht zum Kampt, den sie nicht allein lieben darf, weil er allen gehört, dem die Menschen zujubeln, der für sie aber keine Zeit hat und nach dessen Tod sie nicht einmal das Recht hat, ihn allein zu bewei¬nen. Was hat sie schon gehabt von ihrem Sohn? Dreißig lange Jahre lang ist er umhergezogen, umhergestoßen worden in ganz Israel. Er wurde verkannt und verfolgt von den Pharisäern und Schriftgelehrten, also denen, die man für die Frömmsten und Tüchtigsten hielt. Er wurde an¬geklagt und am Ende verurteilt als politischer Verbrecher und selbst die Helden, die für die Freiheit Israels kämpften, wollten nichts von ihm wissen. Maria steht in der langen Kette der Aus¬erwählten Gottes, die Gott auf einen Weg führt, der wie bei dem Stammvater Abraham z.B. unend¬lich lange dornig und steinig ist, auf dem die Menschen nichts haben als das eine Wort am An¬fang: Du wirst eine große Zukunft haben. Nichts, kein Zeichen, kein Wunder gibt es, nur das Vertrauen auf dieses Wort der Verheißung: Geh deinen Weg und am Ende wirst du Freude die Fülle haben.

3.: Maria ordnet sich keinem Menschen unter, nur Gott, und sie traut sich etwas. Maria singt ihr Lied, das Magnificat, das wir eben als Evangeliumsle¬sung gehört haben: "Gott, mein Heiland, hat meine Niedrigkeit angesehen. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen." Ma¬ria traut sich das Ungeheuere zu: nämlich JA zu sagen zu ihrer Erwählung. Ich bewundere ihren Mut, den ihr von dem Engel versprochenen Weg zu gehen, trotzdem die Welt mit Fingern auf sie zeigen wird, auf dieses junge Mädchen, das nicht einmal einen Mann hat, das so total herausfällt aus dem, was moralisch anständig und religiös geboten zu sein scheint. An Maria können wir lernen, was Glaube heißt: sich allein auf Gottes Wort zu verlassen, auch wenn es noch so un¬wahrscheinlich und erfolglos zu sein scheint.
Gott allein macht es, dass seine Liebe Mensch wird in einer dunklen und hoffnungslosen Welt. Gott allein macht es, er braucht nicht einmal einen Mann dazu. Der Mann steht hier für Schaffens¬kraft, für Leistungorientiertsein, für Macht. Wo Gottes Liebe Mensch werden will, steht all dies nur im Weg. Das heißt Jungfrauengeburt: Gott allein macht es. Furchtbar, all die Mißverständ¬nisse, all die Spekulationen, wie denn der Zeu¬gungsakt funktioniert habe, was mit all den Men¬schen geschieht, die hier kein historisches Er¬eignis, sondern eine hilfreiche Erklärung für et¬was ganz Wichtiges sehen. Die Jungfrauengeburt ist Gegenstand des Glaubens, und sie bleibt Ge¬heimnis. Gott braucht die Kraft, die Macht, die Leistung des Mannes nicht. Er braucht nur Ma¬ria. Er braucht sie wirklich, ihr Einverständnis, ihr bewußtes JA. Maria ist kein willenloses Werk¬zeug, kein Gefäß, durch das Gott handelt. Maria ist eine selbständige, selbstbewußte junge Frau, die sich etwas traut. Aus ihrem Holz sind die Nachfolgerinnen Jesu Christi gemacht. Bis heute sind die Menschen, die Christus nachfol¬gen, mit großer Mehrheit Frauen. Wir brauchen uns nur hier in der Kirche oder unter den akti¬ven Christen umzusehen. Wir Männer meinen im¬mer noch, es ginge nicht ohne männliche Stärke und Führungskraft. Von wegen! Gott braucht sie nicht. Wie heißt es in dem Predigttext: "bei Gott ist kein Ding unmöglich." Wen Gott allein braucht, sind Menschen, Männer und Frauen, die bewußt JA sagen zu Gottes Initiative. Die heraustreten aus dem Konventionellen. Die sich eben nicht daran ausrichten, was „man“ tut. Frauen und Männer, die sich nicht für Übermenschen halten, sondern für Menschen. Menschen mit Zweifeln und Unvollkommenheiten, mit Ängsten und Fragen. Solche Menschen braucht Gott. Menschliche Menschen - nicht solche, die meinen, über sich hinauswachsen zu müssen, immer Masken der Vollkommenheit zu tragen, um damit anderen und sich selbst, aber auch Gott zu genügen.
Und zuletzt: Gott braucht mutige Frauen und Männer. Solche, die sich wie Maria auf den Weg machen. Am Anfang nichts haben als eine Hoffnung, ein Erlebnis, eine kühne Erfahrung. Die sich davon antreiben lassen, davon und von nichts anderem. Die sich stark machen lassen und nicht aufgeben. Die werden am Ende fündig. Werden es nicht leicht haben im Leben, aber werden soviel finden, was ihr Leben reich und glücklich macht. Werden am Ende Beschenkte sein. In einer ganz anderen Weise als es Geschenke unterm Weihnachtsbaum könnten. Denn es sind Geschenke für die Seele. Sind Erfüllung, Glück, Liebe, Freude, Sinn. Geschenke für die Seele, die zuvor den Herrn erhoben hat:
„Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes.“

Amen.

 

F Ü R B I T T E N

Gott, lass es Weihnachten werden!
Nicht nur diese zwei, drei Tage auf dem Kalender, sondern Weihnachten in uns, damit wir aus frohem Herzen dich loben und dir danken können.

Lass es Weihnachten werden bei denen, die ganz in sich verschlossen sind und keine Beziehung mehr knüpfen können zu anderen Menschen - erfülle ihre Sehnsucht nach Annahme und Geborgenheit.

Lass es Weihnachten werden bei denen, die sich festgelegt haben auf ihr Leben, wie es heute ist, und sich nicht vorstellen können, dass es auch anders sein könnte.

Lass es Weihnachten werden für die, die sich zerstritten und auseinandergelebt haben - lass sie erfahren, dass du gekommen bist, Frieden zu stiften und Frieden zu schenken.

Lass es Weihnachten werden für die, die sich sorgen um ihr tägliches Auskommen, um ihre Gesundheit, um einen lieben Menschen ... - lass sie wissen, dass du der Heiland der Sorgenden und Bekümmerten bist.

Lass es Weihnachten werden bei den Mächtigen, dass sie an die Schwachen denken, bei den Gesunden, dass sie an die Kranken, bei den Satten, dass sie an die Hungrigen, bei den Fröhlichen, dass sie an die Traurigen denken.

Lass es in uns Weihnachten werden, denn irgendwo gehören wir alle ein bißchen zu jeder dieser Gruppen.

Wir danken dir, dass du uns Weihnachten verheißen hast.
„Sei willkommen, o mein Heil!
Dir Hosianna, o mein Teil!
Richte du auch eine Bahn
dir in meinem Herzen an.“ *)

Amen.

*) Heinrich Held (1620-1659) Strophe aus dem Lied „Gott sei Dank durch alle Welt“