II. Reihe: Röm 14,10-13
Friede sei mit Euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde!
Ich will Ihnen zu Beginn eine kleine Geschichte erzählten: Es waren einmal
zwei Geschwisterkinder – ein Junge und ein Mädchen -, die hatten einander sehr
lieb. Eines Tages jedoch gerieten sie in Streit. Das Mädchen hatte
beschlossen, kein Fleisch mehr zu essen, sich also fortan vegetarisch zu
ernähren. Anfangs fand der Junge diesen Entschluss seiner Schwester zwar etwas
merkwürdig und nicht wirklich nachvollziehbar, aber bitte! So hatte er mittags
statt wie bisher nur ein halbes ein ganzes Würstchen und samstags beim Grillen
nicht nur das Steak, sondern auch noch den Spieß, - das sollte ihm wohl recht
sein. Nach einer Weile aber bemerkte er, wie seine Schwester ihn beim
Fleischessen beobachtete und dabei die Stirn runzelte. Ein paar Tage später
veränderte sich auch ihr Blick ihm gegenüber: Hatte sie ihn bisher freundlich
und liebevoll angesehen, guckte sie ihn nun anklagend an, sobald er sich
Fleisch auf den Teller lud. Schließlich sprach sie irgendwann aus, was sie
schon länger zu denken schien: „Muss das denn sein mit dem Fleischessen? Die
armen Tiere! Und überhaupt: gesund ist es auch nicht!“ Der Junge wollte sich
jedoch sein Fleischessen nicht verderben lassen, er aß gern Fleisch, und
konterte: „Wieso denn? Die armen Tiere! Pflanzen sind doch auch Lebewesen, und
die essen wir auch. Außerdem, wenn man nicht zu viel Fleisch ist, ist es sehr
wohl gesund!“ Die Geschwister konnten sich nicht einigen: Der Junge wollte
weiterhin Fleisch essen, das Mädchen ihn dazu überreden, das Fleischessen zu
lassen. Die Fronten verhärteten sich im Laufe der Zeit, die Anklagen des
Mädchens wurden immer deutlicher und heftiger, bis sie ihren Bruder
schließlich „Mörder“ und „Aasfresser“ nannte. Das ließ sich der Junge aber
nicht ohne weiteres bieten und er holte ebenfalls zu heftigen Schimpfwörtern
aus, schmähte seine Schwester mit Titeln wie „alberne Weltverbesserin“ und
„hysterische Ziege“. Irgendwann sprachen die Geschwister gar nicht mehr
miteinander.
- Ich weiß nicht, wie die Geschichte ausging, aber ich weiß, dass wir alle
solche bzw. ähnliche gegenseitige Schmähungen und Verurteilungen kennen, sei
es, dass wir sie am eigenen Leibe erfahren haben und erfahren, sei es, dass
wir selber die Schmähenden und Verurteilenden sind. Wir beurteilen andere
Menschen; nicht nur danach, was sie essen, ob sie Vegetarier sind oder nicht,
sondern auch danach, was sie lesen, was sie für Musik hören, was sie für Musik
machen, wie sie sich kleiden, was sie für ein Auto fahren.... Und häufig genug
wird aus dem Be-urteilen ein Verurteilen, Aburteilen und Verachten.
Das ist natürlich keine Erscheinung erst unserer Zeit, das gab es schon vor
2000 – und wahrscheinlich 3000 und 4000 – Jahren. Und das gab es auch unter
den römischen Christen des ersten nachchristlichen Jahrhunderts. In seinem
Brief an ebendiese römischen Christen findet Paulus allerdings harsche Worte
für alle Schmähenden und Verurteilenden. Dort heißt es:
Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.
Denn es steht geschrieben: So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.
So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben.
Darum lasst uns nicht mehr einer den anderen richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder ein Ärgernis bereite.
Die Situation, in die hinein Paulus diese Zeilen schreibt, ist folgende:
Die Christen in Rom waren darüber in Streit geraten, inwiefern sie auch als
Christen noch (insbesondere rituelle) – aus dem Judentum stammende – Gesetze
einzuhalten hätten. Auf der einen Seite gab es eine Fraktion, die dafür war,
die überkommenen Gesetze einzuhalten, auf der anderen Seite die Gruppe
derjenigen, die schon mit dem Gedanken der „Freiheit eines Christenmenschen“
ernst machten: eines Christen Seligkeit hängt nicht davon ab, ob er einzelne
und bestimmte Gesetze erfüllt, sondern eines Christen Seligkeit hängt von der
Gnade Gottes ab, die es ermöglicht, in Freiheit dem großen Gebot der Gottes-
und Nächstenliebe nachzukommen: Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie
dich selbst. Aktueller Anlass für den Streit der römischen Christen war – wie
in der kleinen zu Beginn geschilderten Szene – die Frage danach, was ein
Christ essen dürfe. Für die einen waren die überkommenen Speisegebote
unverzichtbarer Bestandteil ihres Glaubens, sie lehnten es ab, bestimmte
Nahrungsmittel zu essen, die anderen aßen, was ihnen schmeckte.
Paulus nennt die einen die „Schwachen im Glauben“, die anderen die „Starken im
Glauben“: Die Schwachen im Glauben sind mit der Freiheit, die durch die Gnade
Gottes entsteht, überfordert, ihnen macht die Freiheit Angst und sie suchen
Halt an etwas, das überschaubar, kontrollierbar, „einhaltbar“ ist; ihnen ist
ein Gebot wie „Du sollst dieses und jenes Fleisch nicht essen“ hilfreich, sie
wissen dann genau, wie sie sich verhalten sollen. Die Starken im Glauben haben
solche Hilfestellung, solche „Stützräder“ nicht mehr nötig, sie fühlen sich
mit der Freiheit, die ihnen durch die Gnade Gottes geschenkt ist, wohl und
können angemessen mit ihr umgehen.
Auch bei uns heute gibt es, denke ich, Schwache und Starke im Glauben,
Menschen, denen das Einhalten von Geboten und (geschriebenen oder
ungeschriebenen) Vorschriften wichtig ist, die auf das Beibehalten bestimmter
Rituale wert legen, und Menschen, die zwar vermutlich auch die gängigen Gebote
und Vorschriften einhalten, aber ein Durchbrechen eines Gebots und ein
Ignorieren einer Vorschrift problemlos tolerieren können.
– Vielleicht kennen wir jeder / jede auch beide Seiten an uns selber: Es gibt
Zeiten, da sind äußere Sicherheiten für uns wichtig und notwendig, wir sind im
paulinischen Sinne „schwach“, und es gibt Zeiten, da genießen wir die uns
geschenkte Freiheit, wir sind stark.
Nun ist es aber leider menschlich, allzu menschlich, dass die Schwachen und
die Starken meistens nicht friedlich nebeneinander her oder sogar miteinander
leben können. Sie haben es beide nötig, sich auf Kosten des jeweils anderen zu
profilieren. Selbst die Starken versuchen, ihre eigene Position noch zu
stärken, indem sie verächtlich auf die Schwachen herabblicken. Und die
Schwachen kritisieren die sog. Starken unerbittlich dafür, dass sie so viele
Gebote, Regeln und Vorschriften nicht einhalten und damit das christliche
Zusammenleben gefährden.
Auch das kennen wir an uns selber: Wir gucken uns andere Menschen an, wir
beobachten, wir stellen Vergleiche zwischen ihnen und uns an, und oft genug
ist dann der Weg nicht weit, diese anderen Menschen zu „richten“ oder zu
„verachten“, wie es in unserem Predigttext heißt, - für irgendetwas, das uns
an ihnen nicht gefällt, und das aber vor allem uns selber im Vergleich besser
dastehen lässt. Wir benutzen unser Gegenüber, unseren Bruder, unsere Schwester
dazu, uns selber, unser eigenes Verhalten zu rechtfertigen.
Und genau an diesem Punkt setzt Paulus in seiner Kritik an: „Du aber, was
richtest du deinen Bruder? Und du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden
alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden!“ Er macht seine damaligen
römischen Leser und uns heute – nicht besonders zartfühlend, sondern mit
deutlichen Worten - darauf aufmerksam, dass im Christentum nicht wir
diejenigen sind, die richten und verurteilen, und auch nicht diejenigen, die
sich selbst rechtfertigen könnten. Wir werden vielmehr einst vor dem
Richterstuhl Gottes stehen, jede und jeder einzelne von uns. Wir müssen dann
Rechenschaft ablegen und wir dürfen auf Gottes gnädige Rechtfertigung unseres
Lebens und Glaubens nur hoffen.
- Das klingt nun sehr bedrohlich – und ist von Paulus sicherlich auch in
diesem Sinne gemeint: „Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt
werden. Denn es steht geschrieben: So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir
sollen sich alle Knie beugen und alle Zungen sollen Gott bekennen.“ Aber
impliziert es nicht von der Sache her auch eine große Befreiung und
Entlastung? Wir müssen nicht uns selbst, unser Leben und Glauben
rechtfertigen, wir dürfen auf Gottes Rechtfertigung hoffen und vertrauen, wir
dürfen seine Liebe annehmen und in ihr und mit ihr leben. Und dann haben wir
es doch gar nicht mehr nötig, uns selbst größer zu machen als wir sind, und
den anderen kleiner als er ist, oder? Wir können uns an der großartigen, von
uns vollkommen unverdienten Liebe Gottes freuen und von ihr unserem Bruder und
unserer Schwester weitersagen und weitergeben. Wir könnten sogar so großmütig
sein, Schwestern und Brüdern in ihren schwachen Stärken und starken Schwächen
entgegenzukommen und ihnen keinen Grund zu geben, sich in ihrer Schwäche oder
Stärke profilieren zu müssen.
Und so endet denn auch der Predigttext – und die Predigt: „Darum lasst uns
nicht mehr einer den anderen richten; sondern richtet vielmehr darauf euren
Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite.“
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen
und Sinne in Christus Jesus. Amen.