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Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Predigten und Andachten

 

Wir müssen uns nicht mehr "profilieren"!

Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis, 4. Juli 2004

Vikarin Anne Biesterfeldt, Bad Lippspringe

II. Reihe: Röm 14,10-13

Friede sei mit Euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!

Ich will Ihnen zu Beginn eine kleine Geschichte erzählten: Es waren einmal zwei Geschwisterkinder – ein Junge und ein Mädchen -, die hatten einander sehr lieb. Eines Tages jedoch gerieten sie in Streit. Das Mädchen hatte beschlossen, kein Fleisch mehr zu essen, sich also fortan vegetarisch zu ernähren. Anfangs fand der Junge diesen Entschluss seiner Schwester zwar etwas merkwürdig und nicht wirklich nachvollziehbar, aber bitte! So hatte er mittags statt wie bisher nur ein halbes ein ganzes Würstchen und samstags beim Grillen nicht nur das Steak, sondern auch noch den Spieß, - das sollte ihm wohl recht sein. Nach einer Weile aber bemerkte er, wie seine Schwester ihn beim Fleischessen beobachtete und dabei die Stirn runzelte. Ein paar Tage später veränderte sich auch ihr Blick ihm gegenüber: Hatte sie ihn bisher freundlich und liebevoll angesehen, guckte sie ihn nun anklagend an, sobald er sich Fleisch auf den Teller lud. Schließlich sprach sie irgendwann aus, was sie schon länger zu denken schien: „Muss das denn sein mit dem Fleischessen? Die armen Tiere! Und überhaupt: gesund ist es auch nicht!“ Der Junge wollte sich jedoch sein Fleischessen nicht verderben lassen, er aß gern Fleisch, und konterte: „Wieso denn? Die armen Tiere! Pflanzen sind doch auch Lebewesen, und die essen wir auch. Außerdem, wenn man nicht zu viel Fleisch ist, ist es sehr wohl gesund!“ Die Geschwister konnten sich nicht einigen: Der Junge wollte weiterhin Fleisch essen, das Mädchen ihn dazu überreden, das Fleischessen zu lassen. Die Fronten verhärteten sich im Laufe der Zeit, die Anklagen des Mädchens wurden immer deutlicher und heftiger, bis sie ihren Bruder schließlich „Mörder“ und „Aasfresser“ nannte. Das ließ sich der Junge aber nicht ohne weiteres bieten und er holte ebenfalls zu heftigen Schimpfwörtern aus, schmähte seine Schwester mit Titeln wie „alberne Weltverbesserin“ und „hysterische Ziege“. Irgendwann sprachen die Geschwister gar nicht mehr miteinander.
- Ich weiß nicht, wie die Geschichte ausging, aber ich weiß, dass wir alle solche bzw. ähnliche gegenseitige Schmähungen und Verurteilungen kennen, sei es, dass wir sie am eigenen Leibe erfahren haben und erfahren, sei es, dass wir selber die Schmähenden und Verurteilenden sind. Wir beurteilen andere Menschen; nicht nur danach, was sie essen, ob sie Vegetarier sind oder nicht, sondern auch danach, was sie lesen, was sie für Musik hören, was sie für Musik machen, wie sie sich kleiden, was sie für ein Auto fahren.... Und häufig genug wird aus dem Be-urteilen ein Verurteilen, Aburteilen und Verachten.
Das ist natürlich keine Erscheinung erst unserer Zeit, das gab es schon vor 2000 – und wahrscheinlich 3000 und 4000 – Jahren. Und das gab es auch unter den römischen Christen des ersten nachchristlichen Jahrhunderts. In seinem Brief an ebendiese römischen Christen findet Paulus allerdings harsche Worte für alle Schmähenden und Verurteilenden. Dort heißt es:

Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.
Denn es steht geschrieben: So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.
So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben.
Darum lasst uns nicht mehr einer den anderen richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder ein Ärgernis bereite.

Die Situation, in die hinein Paulus diese Zeilen schreibt, ist folgende: Die Christen in Rom waren darüber in Streit geraten, inwiefern sie auch als Christen noch (insbesondere rituelle) – aus dem Judentum stammende – Gesetze einzuhalten hätten. Auf der einen Seite gab es eine Fraktion, die dafür war, die überkommenen Gesetze einzuhalten, auf der anderen Seite die Gruppe derjenigen, die schon mit dem Gedanken der „Freiheit eines Christenmenschen“ ernst machten: eines Christen Seligkeit hängt nicht davon ab, ob er einzelne und bestimmte Gesetze erfüllt, sondern eines Christen Seligkeit hängt von der Gnade Gottes ab, die es ermöglicht, in Freiheit dem großen Gebot der Gottes- und Nächstenliebe nachzukommen: Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. Aktueller Anlass für den Streit der römischen Christen war – wie in der kleinen zu Beginn geschilderten Szene – die Frage danach, was ein Christ essen dürfe. Für die einen waren die überkommenen Speisegebote unverzichtbarer Bestandteil ihres Glaubens, sie lehnten es ab, bestimmte Nahrungsmittel zu essen, die anderen aßen, was ihnen schmeckte.
Paulus nennt die einen die „Schwachen im Glauben“, die anderen die „Starken im Glauben“: Die Schwachen im Glauben sind mit der Freiheit, die durch die Gnade Gottes entsteht, überfordert, ihnen macht die Freiheit Angst und sie suchen Halt an etwas, das überschaubar, kontrollierbar, „einhaltbar“ ist; ihnen ist ein Gebot wie „Du sollst dieses und jenes Fleisch nicht essen“ hilfreich, sie wissen dann genau, wie sie sich verhalten sollen. Die Starken im Glauben haben solche Hilfestellung, solche „Stützräder“ nicht mehr nötig, sie fühlen sich mit der Freiheit, die ihnen durch die Gnade Gottes geschenkt ist, wohl und können angemessen mit ihr umgehen.
Auch bei uns heute gibt es, denke ich, Schwache und Starke im Glauben, Menschen, denen das Einhalten von Geboten und (geschriebenen oder ungeschriebenen) Vorschriften wichtig ist, die auf das Beibehalten bestimmter Rituale wert legen, und Menschen, die zwar vermutlich auch die gängigen Gebote und Vorschriften einhalten, aber ein Durchbrechen eines Gebots und ein Ignorieren einer Vorschrift problemlos tolerieren können.
– Vielleicht kennen wir jeder / jede auch beide Seiten an uns selber: Es gibt Zeiten, da sind äußere Sicherheiten für uns wichtig und notwendig, wir sind im paulinischen Sinne „schwach“, und es gibt Zeiten, da genießen wir die uns geschenkte Freiheit, wir sind stark.
Nun ist es aber leider menschlich, allzu menschlich, dass die Schwachen und die Starken meistens nicht friedlich nebeneinander her oder sogar miteinander leben können. Sie haben es beide nötig, sich auf Kosten des jeweils anderen zu profilieren. Selbst die Starken versuchen, ihre eigene Position noch zu stärken, indem sie verächtlich auf die Schwachen herabblicken. Und die Schwachen kritisieren die sog. Starken unerbittlich dafür, dass sie so viele Gebote, Regeln und Vorschriften nicht einhalten und damit das christliche Zusammenleben gefährden.
Auch das kennen wir an uns selber: Wir gucken uns andere Menschen an, wir beobachten, wir stellen Vergleiche zwischen ihnen und uns an, und oft genug ist dann der Weg nicht weit, diese anderen Menschen zu „richten“ oder zu „verachten“, wie es in unserem Predigttext heißt, - für irgendetwas, das uns an ihnen nicht gefällt, und das aber vor allem uns selber im Vergleich besser dastehen lässt. Wir benutzen unser Gegenüber, unseren Bruder, unsere Schwester dazu, uns selber, unser eigenes Verhalten zu rechtfertigen.
Und genau an diesem Punkt setzt Paulus in seiner Kritik an: „Du aber, was richtest du deinen Bruder? Und du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden!“ Er macht seine damaligen römischen Leser und uns heute – nicht besonders zartfühlend, sondern mit deutlichen Worten - darauf aufmerksam, dass im Christentum nicht wir diejenigen sind, die richten und verurteilen, und auch nicht diejenigen, die sich selbst rechtfertigen könnten. Wir werden vielmehr einst vor dem Richterstuhl Gottes stehen, jede und jeder einzelne von uns. Wir müssen dann Rechenschaft ablegen und wir dürfen auf Gottes gnädige Rechtfertigung unseres Lebens und Glaubens nur hoffen.
- Das klingt nun sehr bedrohlich – und ist von Paulus sicherlich auch in diesem Sinne gemeint: „Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. Denn es steht geschrieben: So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen und alle Zungen sollen Gott bekennen.“ Aber impliziert es nicht von der Sache her auch eine große Befreiung und Entlastung? Wir müssen nicht uns selbst, unser Leben und Glauben rechtfertigen, wir dürfen auf Gottes Rechtfertigung hoffen und vertrauen, wir dürfen seine Liebe annehmen und in ihr und mit ihr leben. Und dann haben wir es doch gar nicht mehr nötig, uns selbst größer zu machen als wir sind, und den anderen kleiner als er ist, oder? Wir können uns an der großartigen, von uns vollkommen unverdienten Liebe Gottes freuen und von ihr unserem Bruder und unserer Schwester weitersagen und weitergeben. Wir könnten sogar so großmütig sein, Schwestern und Brüdern in ihren schwachen Stärken und starken Schwächen entgegenzukommen und ihnen keinen Grund zu geben, sich in ihrer Schwäche oder Stärke profilieren zu müssen.
Und so endet denn auch der Predigttext – und die Predigt: „Darum lasst uns nicht mehr einer den anderen richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.