Anne Biesterfeldt, Vikarin, Bad Lippspringe
Liebe Gemeinde!
Von zwei der drei Themenbereiche, die den Kirchentag inhaltlich bestimmten,
die sozusagen die Überschriften über die stattfindenden Veranstaltungen waren,
haben wir nun schon gehört: „Wie sollen wir leben?“ und „Wie können wir
glauben?“. Es fehlt noch der dritte Themenbereich, der sich mit der Frage:
„Wie sollen wir handeln?“ beschäftigt hat.
Wir haben diese Frage bewusst ans Ende unserer kleinen Kurzpredigtreihe
gestellt: „Wie soll ich handeln? Wie soll ich mich verhalten? Was soll ich /
muss ich / darf ich tun?“ – diese Frage lässt sich nicht aus der hohlen Hand
beantworten – jedenfalls dann nicht, wenn mein Handeln, Verhalten, Tun und
Unterlassen bewusst und reflektiert geschehen soll. Bevor ich handle, muss ich
ein Bild haben – ein Bild von mir und der Welt, eine Idee davon, was ich mit
meinem Handeln will, soll und darf, warum ich handle, wie ich handle. Die
Frage „wie soll ich leben?“ sollte ich schon bedacht haben, ebenso die Frage
„wie kann ich – vielleicht auch: was kann ich – glauben?“, bevor ich überlege,
wie ich handeln soll.
Mit meinem Handeln, wie geringfügig und unscheinbar es auch sein mag, zeige
ich, wo ich stehe, mache meine Position, die ich innehabe, deutlich, lasse
vielleicht meine Überzeugungen und Ideale, meinen Glauben, der mich zum
Handeln motiviert hat, erkennen. Derjenige, der sich für die Rechte der Armen
und Unterdrückten einsetzt, zeigt deutlich: Ich stehe auf der Seite der Armen
und Unterdrückten, ich stehe für Gerechtigkeit, ich handle für das Recht und
gegen die Ungerechtigkeit. Diejenige, die den Umweltschutz auf ihre Fahnen
geschrieben hat, zeigt deutlich: Mir ist die Umwelt – vielleicht: die
Bewahrung der Schöpfung? – wichtig, ich handle für Schutz und Bewahrung und
gegen Zerstörung.
- Gibt es für Christinnen und Christen Richtlinien und Vorschläge, wie sie
sich als Christinnen und Christen verhalten sollten, wie sie handeln sollten?
Ergeben sich aus dem Glauben an den einen Gott, der sich uns in Jesus Christus
offenbart hat, Handlungsrichtlinien, Handlungsvorschriften? – Die beiden
Lesungen, die wir vorhin gehört haben, geben uns die Antwort: Ja, es gibt
„Richtlinien“, bzw. „Gebote“, die Grundlage unseres Handelns und Verhaltens
sein sollten: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen,
von ganzer Seele und mit all deiner Kraft“ – so hieß es in der
alttestamentlichen Lesung aus dem fünften Buch Mose. Und: „Du sollst deinen
Nächsten lieben wie dich selbst“ – so heißt es im dritten Buch Mose. Der
Evangelist Markus – und nach ihm die übrigen Evangelisten – fügen beides
zusammen zum sogenannten Doppelgebot der Liebe: „Jesus sagt: Das höchste Gebot
ist das: Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst
den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem
Gemüte und von allen deinen Kräften. Das andere ist dies: Du sollst deinen
Nächsten lieben wie dich selbst. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.“
Dieses Doppelgebot der Liebe: Du sollst Gott lieben und den Nächsten wie dich
selbst, außerdem die 10 Gebote, die vermutlich jeder von uns hier kennt, wenn
auch vielleicht nicht alle in der richtigen Reihenfolge... sind Grundlage
christlichen Handelns und Verhaltens. „Na dann...“ mag sich jetzt der eine
oder andere denken, „das kriege ich wohl hin. Ich habe noch keinen umgebracht,
stehlen tu´ ich auch nicht, lügen – na ja, selten...“. – Wenn man genauer
hinguckt, was die 10 Gebote, was das Doppelgebot der Liebe von einem fordern,
merkt man nach und nach, dass das Einhalten dieser „Richtlinien“ gar nicht so
einfach ist, wie man vielleicht zuerst denkt:
Der Obdachlose, der im Bus neben mir sitzt – er ist deutlich mein Nächster,
aber er riecht, und so ganz nüchtern scheint er auch nicht zu sein, hey, will
der mich jetzt in den Arm nehmen – da stehe ich lieber mal auf und gehe weg –
es sei denn, es ist Kirchentag... Da fällt es mir leichter, so zu sein, wie
ich eigentlich sein will: Ich kann ein Gespräch mit dem Obdachlosen anfangen,
ihm zeigen, dass es mir nicht egal ist, wie es ihm geht.
Oder Eltern: man hat´s nicht immer leicht mit ihnen: Sie kümmern sich zu
wenig, sie kümmern sich zu viel, sie haben ganz andere Vorstellungen davon,
was und wer man eigentlich sein und werden soll, sie mischen sich ein – „Du
sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest...“
dieses Gebot lässt sich nicht immer leicht einhalten – es sei denn, es ist
Kirchentag... Auf einmal ist da mehr Verständnis, mehr Liebe, mehr
Gemeinsamkeiten als Trennendes.
Oder das Bewusstsein für unsere Umwelt, die Sorge um die Bewahrung der
Schöpfung: darauf achten, zu viel Verpackungsmaterial zu vermeiden? Mal mit
dem Fahrrad statt mit dem Auto fahren? Fernreisen mit dem Flugzeug zugunsten
von Urlaubsorten, die auch mit der Bahn erreichbar sind, eintauschen? – Och na
ja, im Alltag spielt das alles keine große Rolle, man wurschtelt sich so durch
– machen ja alle so! – es sei denn, es ist Kirchentag... Auf einmal gelingt
es, auch Natur und Umwelt, Gottes gute Schöpfung, in den Blick zu bekommen und
im Blick zu behalten.
Auf dem Kirchentag scheinen wir oft die bessere Version von uns zu sein, wir
sind näher an dem dran, wie wir eigentlich sein wollen und sollen, es gelingt
uns besser, Gottes Gebote, seine „Richtlinien“ für ein christliches Leben,
einzuhalten – gerade auch, was unser Handeln, Verhalten, Tun und Lassen
betrifft.
Woran liegt das? Warum auf dem Kirchentag und nicht auch im Alltag?
Ich glaube, dass es uns auf dem Kirchentag die Gemeinschaft mit Mitchristinnen
und Mitchristen, die wir sonst nicht so intensiv und unmittelbar erleben,
leichter macht: Um mich herum sind lauter Menschen, die sich auch vom Geist
Gottes inspirieren lassen, die auch Gottes Nähe suchen und auf seine Zuwendung
hoffen, die diese Zuwendung auch einander weitergeben und so am Reich Gottes
hier auf Erden bauen.
Es ist nicht leicht, etwas von diesen Erfahrungen, diesem Kennenlernen einer
anderen, vielleicht besseren Version seiner selbst mit in den Alltag
hineinzunehmen. Vielleicht erinnert unser Gottesdienst heute noch einmal an
das Erlebte, den „Kirchentags-Geist“, und wir können so dazu beitragen, dass
uns – und Sie – der Alltag nicht allzu schnell einholt.