Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Predigten und Andachten

 

Wie sollen wir handeln?

"Kurz"-Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis (19. Juni 2005)

Anne Biesterfeldt, Vikarin, Bad Lippspringe

 

Liebe Gemeinde!
Von zwei der drei Themenbereiche, die den Kirchentag inhaltlich bestimmten, die sozusagen die Überschriften über die stattfindenden Veranstaltungen waren, haben wir nun schon gehört: „Wie sollen wir leben?“ und „Wie können wir glauben?“. Es fehlt noch der dritte Themenbereich, der sich mit der Frage: „Wie sollen wir handeln?“ beschäftigt hat.
Wir haben diese Frage bewusst ans Ende unserer kleinen Kurzpredigtreihe gestellt: „Wie soll ich handeln? Wie soll ich mich verhalten? Was soll ich / muss ich / darf ich tun?“ – diese Frage lässt sich nicht aus der hohlen Hand beantworten – jedenfalls dann nicht, wenn mein Handeln, Verhalten, Tun und Unterlassen bewusst und reflektiert geschehen soll. Bevor ich handle, muss ich ein Bild haben – ein Bild von mir und der Welt, eine Idee davon, was ich mit meinem Handeln will, soll und darf, warum ich handle, wie ich handle. Die Frage „wie soll ich leben?“ sollte ich schon bedacht haben, ebenso die Frage „wie kann ich – vielleicht auch: was kann ich – glauben?“, bevor ich überlege, wie ich handeln soll.
Mit meinem Handeln, wie geringfügig und unscheinbar es auch sein mag, zeige ich, wo ich stehe, mache meine Position, die ich innehabe, deutlich, lasse vielleicht meine Überzeugungen und Ideale, meinen Glauben, der mich zum Handeln motiviert hat, erkennen. Derjenige, der sich für die Rechte der Armen und Unterdrückten einsetzt, zeigt deutlich: Ich stehe auf der Seite der Armen und Unterdrückten, ich stehe für Gerechtigkeit, ich handle für das Recht und gegen die Ungerechtigkeit. Diejenige, die den Umweltschutz auf ihre Fahnen geschrieben hat, zeigt deutlich: Mir ist die Umwelt – vielleicht: die Bewahrung der Schöpfung? – wichtig, ich handle für Schutz und Bewahrung und gegen Zerstörung.
- Gibt es für Christinnen und Christen Richtlinien und Vorschläge, wie sie sich als Christinnen und Christen verhalten sollten, wie sie handeln sollten? Ergeben sich aus dem Glauben an den einen Gott, der sich uns in Jesus Christus offenbart hat, Handlungsrichtlinien, Handlungsvorschriften? – Die beiden Lesungen, die wir vorhin gehört haben, geben uns die Antwort: Ja, es gibt „Richtlinien“, bzw. „Gebote“, die Grundlage unseres Handelns und Verhaltens sein sollten: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft“ – so hieß es in der alttestamentlichen Lesung aus dem fünften Buch Mose. Und: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ – so heißt es im dritten Buch Mose. Der Evangelist Markus – und nach ihm die übrigen Evangelisten – fügen beides zusammen zum sogenannten Doppelgebot der Liebe: „Jesus sagt: Das höchste Gebot ist das: Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüte und von allen deinen Kräften. Das andere ist dies: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.“
Dieses Doppelgebot der Liebe: Du sollst Gott lieben und den Nächsten wie dich selbst, außerdem die 10 Gebote, die vermutlich jeder von uns hier kennt, wenn auch vielleicht nicht alle in der richtigen Reihenfolge... sind Grundlage christlichen Handelns und Verhaltens. „Na dann...“ mag sich jetzt der eine oder andere denken, „das kriege ich wohl hin. Ich habe noch keinen umgebracht, stehlen tu´ ich auch nicht, lügen – na ja, selten...“. – Wenn man genauer hinguckt, was die 10 Gebote, was das Doppelgebot der Liebe von einem fordern, merkt man nach und nach, dass das Einhalten dieser „Richtlinien“ gar nicht so einfach ist, wie man vielleicht zuerst denkt:
Der Obdachlose, der im Bus neben mir sitzt – er ist deutlich mein Nächster, aber er riecht, und so ganz nüchtern scheint er auch nicht zu sein, hey, will der mich jetzt in den Arm nehmen – da stehe ich lieber mal auf und gehe weg – es sei denn, es ist Kirchentag... Da fällt es mir leichter, so zu sein, wie ich eigentlich sein will: Ich kann ein Gespräch mit dem Obdachlosen anfangen, ihm zeigen, dass es mir nicht egal ist, wie es ihm geht.
Oder Eltern: man hat´s nicht immer leicht mit ihnen: Sie kümmern sich zu wenig, sie kümmern sich zu viel, sie haben ganz andere Vorstellungen davon, was und wer man eigentlich sein und werden soll, sie mischen sich ein – „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest...“ dieses Gebot lässt sich nicht immer leicht einhalten – es sei denn, es ist Kirchentag... Auf einmal ist da mehr Verständnis, mehr Liebe, mehr Gemeinsamkeiten als Trennendes.
Oder das Bewusstsein für unsere Umwelt, die Sorge um die Bewahrung der Schöpfung: darauf achten, zu viel Verpackungsmaterial zu vermeiden? Mal mit dem Fahrrad statt mit dem Auto fahren? Fernreisen mit dem Flugzeug zugunsten von Urlaubsorten, die auch mit der Bahn erreichbar sind, eintauschen? – Och na ja, im Alltag spielt das alles keine große Rolle, man wurschtelt sich so durch – machen ja alle so! – es sei denn, es ist Kirchentag... Auf einmal gelingt es, auch Natur und Umwelt, Gottes gute Schöpfung, in den Blick zu bekommen und im Blick zu behalten.
Auf dem Kirchentag scheinen wir oft die bessere Version von uns zu sein, wir sind näher an dem dran, wie wir eigentlich sein wollen und sollen, es gelingt uns besser, Gottes Gebote, seine „Richtlinien“ für ein christliches Leben, einzuhalten – gerade auch, was unser Handeln, Verhalten, Tun und Lassen betrifft.
Woran liegt das? Warum auf dem Kirchentag und nicht auch im Alltag?
Ich glaube, dass es uns auf dem Kirchentag die Gemeinschaft mit Mitchristinnen und Mitchristen, die wir sonst nicht so intensiv und unmittelbar erleben, leichter macht: Um mich herum sind lauter Menschen, die sich auch vom Geist Gottes inspirieren lassen, die auch Gottes Nähe suchen und auf seine Zuwendung hoffen, die diese Zuwendung auch einander weitergeben und so am Reich Gottes hier auf Erden bauen.
Es ist nicht leicht, etwas von diesen Erfahrungen, diesem Kennenlernen einer anderen, vielleicht besseren Version seiner selbst mit in den Alltag hineinzunehmen. Vielleicht erinnert unser Gottesdienst heute noch einmal an das Erlebte, den „Kirchentags-Geist“, und wir können so dazu beitragen, dass uns – und Sie – der Alltag nicht allzu schnell einholt.