Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
III.Reihe: Johannes 1,35-42
Lieder: 330, 1-3 734 245,1,2 241,1-3 346,1-3 258
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Der Predigttext steht im Johannes-Evangelium im 1.Kapitel:
Johannes der Täufer stand am Jordan, und zwei seiner Jünger; und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: "Siehe, das ist Gottes Lamm!" Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach.
Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen:
"Was sucht ihr?"
Sie aber sprachen zu ihm: "Rabbi" - das heißt übersetzt: Meister - , "wo ist deine Herberge?" Er aber sprach zu ihnen:
"Kommt und seht!"
Sie kamen und sahen's und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde. Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus. Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: "Wir haben den Messias gefunden" , das heißt übersetzt: der Gesalbte. Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er:
"Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen" , das heißt übersetzt: Fels.
Gott, segne du unser Reden und unser Hören. Amen.
Ein Legende erzählt: Als Christus zum Himmel aufgefahren war, fragten ihn die
Engel, wie es denn nun mit seinem Reich auf der Erde weitergehen solle. "Ich
habe doch meine Jünger auf Erden", antwortete Christus. Aber die Engel sahen,
wie unbedeutend, wie schwach und verzagt die Jünger waren, und fragten
erschrocken: "Herr, hast du denn wirklich keinen anderen, keinen besseren
Plan?" Und Christus entgegnete: "Nein -einen besseren Plan habe ich nicht, nur
meine Jünger."
Heute morgen, in unserem Predigttext, liebe Schwestern und Brüder, wird uns
erklärt, wie es denn zu dieser fragwürdigen Jüngerschar gekommen ist, die in
einer langen Kette bis auf den heutigen Tag diesem Christus nachgefolgt ist
und andere zu Nachfolge eingeladen hat.
Fragwürdig war diese Schar von Anfang an, denn als die ersten beiden
Jüngeranwärter, von Johannes dem Täufer geschickt, zu Jesus kommen, werden sie
zunächst mit einer Frage empfangen:
"Was sucht ihr?"
Das ist der erste Satz, den Jesus im Johannesevangelium spricht: ausgerechnet
eine Frage! Die beiden suchten das "Lamm Gottes", den "Messias", der ihrem
Leben Sinn verlieh, der von allem Bösen errettete, schlichtweg der Wahrheit,
dem Kern des Glücks. Und Jesus bietet keine fertigen Antworten, er packt
keinen Plan aus und sagt den beiden, wo es langgeht. Die Frage gilt uns heute
morgen hier in Bad Lippspringe, genauso:
"Was sucht ihr?"
Ihr seid hier in einer christlichen Kirche. Warum eigentlich? Was erwartet Ihr
von diesem Gottesdienst? Was hat Euch heute morgen hierher getrieben? Nur
Langeweile oder ein moralischer Druck - das wäre sehr schade. Oder ein
Bedürfnis? Und wenn - was für ein Bedürfnis? Ich stelle diese Fragen nicht,
liebe Schwestern und Brüder, um Gewissenserforschung zu betreiben. Ich will
nur deutlich machen, dass wir alle - jede und jeder auf eigene Art - Suchende
sind, unterwegs auf einem Weg, dessen Ziel und Sinn wir oft nicht begreifen.
Als solche Suchende spricht Jesus uns an. Der Kirchenvater Augustin schrieb:
"Geschaffen hast du uns zu dir, und ruhelos ist unser Herz, bis dass es seine
Ruhe hat in dir." Das ist eine gewagte Aussage: Unsere Ruhelosigkeit, unser
Suchen - das ist ein verstecktes Suchen nach Gott - und nur wer Jesus
Christus, den Sohn Gottes findet, findet auch die Ruhe des Herzens.
Die beiden Jüngeranwärter jedenfalls wollen ganz bewußt in diesem auch etwas
fragwürdigen Jesus von Nazareth die Ruhe, die Antwort auf alle Fragen finden:
"Wo ist deine Herberge?" Merkwürdige Frage. Aber doch verständlich, wenn wir
begreifen, dass die beiden in der Person Jesus die Antwort und die Ruhe finden
wollen. Und wenn mich ein fremder Mensch besonders fasziniert, wenn ich mehr
von erfahren möchte, dann muß ich doch wissen, wo er herkommt, wo er zu hause
ist.
Halten wir fest: Jesus spricht uns Menschen als Suchende, als Ruhelose an. Er
will keine fertigen, ausgewiesen Tüchtige Nachfolger. Er will solche, die noch
den Mut haben, die richtigen Fragen zu stellen, nämlich die, die sie im
Innersten bewegen. Und Jesus gibt keine fertigen Antworten. Er bietet statt
dessen sich selbst an, seine Person und sagt: Ich bin die Antwort, ich bin die
Ruhe! Und es gibt nur einen Weg, dies zu verstehen:
"Kommt und seht!"
Es gab einmal eine internationale Jugendtagung, auf der man beriet, wie das
Evangelium am besten verbreitet werden könne. Man sprach von Werbung,
Propaganda, von Literatur und Computer und vielem anderen mehr, was das
20.Jahrhundert an Wundermitteln bietet. Da meldete sich ein junges Mädchen aus
Afrika zu Wort und sagte: "Wir schicken in die Dörfer, die wir für das
Evangelium gewinnen möchten, keine Schriften. Wir schicken eine gläubige
Familie dorthin, damit die Dorfbewohner sehen, was christliches Leben ist."
"Kommt und seht!" - nicht die Theorien, nicht die noch so gebildeten Worte
sind das entscheidende, sondern das Sehen. Hier zeigt sich gleichzeitig die
ganze Fragwürdigkeit der Jüngerschaft. Was sehen wir denn auf den ersten Blick
in der Kirche, der Gemeinschaft der Nachfolger? Wir sehen großen Reichtum bei
den mitteleuropäischen Kirchen, viel Geld, aber wenig Freude, wenig
Miteinander. Jugendliche, junge Erwachsene, Menschen, die aufmerksam durchs
Leben gehen, fühlen sich wenig eingeladen von einer engen und geschlossenen
Gemeinschaft. Schwarz trägt der Pastor im Gottesdienst als sei jeden Tag
Karfreitag und als ob nicht jeder Gottesdienst Feier der Auferstehung sei,
Ostern, Beginn des neuen Lebens, Ermutigung und Freude.
Wer kommt und sieht, wirklich mit dem Herzen sieht, der kann auch wirklich
ankommen, sich zu Hause fühlen, denn das ist : "wir haben gefunden." Unser
Herz hat Ruhe in dir.": Ich bin zu hause.
Wir können dies Zuhause-Angekommen-Sein auch beschreiben als:
Hier kann ich mich wohl fühlen.
Ich kann ich selbst sein.
Meine Fragen bekommen eine Antwort.
Ich habe ein Ziel vor Augen.
Ich bin angenommen.
Mir gefällt es hier.
Ich brauche nicht Theater zu spielen.
Ich kann alles sagen.
Ich habe noch etwas zu erwarten.
Es ist keiner vollkommen und muß es auch nicht sein.
Wir sind gemeinsam unterwegs.
Zum Schluß unseres Predigttext erfahren wir, wie die Sache weitergegangen ist.
Menschen, die dieses Zuhause-Angekommen-Sein erfahren, laden andere dazu ein.
Auf diesem Weg kommt auch Simon Petrus dazu, sicher einer der fragwürdigsten
Jünger. Der mit den größten Sprüchen, mit den eindrucksvollsten
Lippenbekenntnissen, aber vor allem der, mit der größten Feigheit. Als er auf
dem Meer geht, zweifelt er an Jesus und droht zu versinken. Als er auf dem Hof
des Hohenpriesters sitzt in der Nacht als Jesus verhaftet wurde, leugnet er,
diesen Mann zu kennen, weil er lieber seine eigene Haut retten will und vieles
mehr. Und ausgerechnet Petrus soll der Fels sein, das Vorbild, der erste unter
den Nachfolgern. Man möchte wie am Anfang der Predigt Jesus fragen: "Herr,
hast du denn wirklichen keinen besseren Plan, als deine Sache in die Hände
solcher Jünger zu legen?"
Liebe Schwestern und Brüder, Jesus wählt ausgerechnet den fragwürdigen Petrus
als 1.Jünger, weil er einer von uns ist. Weil er uns meint, jede und jeden von
uns, dass wir ihn, die Antwort auf alle Fragen, finden, dass wir zu ihm nach
Hause kommen können und sehen, wie groß die Geborgenheit, der Frieden, das
Glück seiner Nähe ist. Wir brauchen keine selbsternannten Führer, keine
Herren, die uns sagen, wo es langgeht. Wir brauchen keine Programme, keine
Ideologie, die uns erlösen können. Die Erlösung ist vielmehr längst geschehen,
die vorbehaltlose Gemeinschaft ist vielmehr schon längst da, die Gemeinschaft
mit Gott und die Gemeinschaft miteinander.
Jesus ergreift Partei für die Fragwürdigen, für die äußerlich Ohnmächtigen,
die Suchenden, Unbeachteten, Wehrlosen. Und er mutet diesen Menschen zu,
ihrerseits ihre Ohnmacht entschieden zu bejahen, selbst nicht nach Macht und
Reichtum zu streben, sondern - auch wenn es manchmal schwerfällt, immer
fragwürdige Gesellschaft zu bleiben. Warum? Gott will nicht, dass die
Nachfolger Christi sich selbst an die Stelle von Jesus Christus setzen wollen.
Dass sie sich für das Heil der Welt halten, anstatt allein auf Christus zu
verweisen. Dies haben Kirchen immer wieder versucht und versuchen dies immer
noch. Es ist eine Geschichte von Schuld und schlimmen Unheils.
Solange Gott solche Menschen wie Petrus, seinen Bruder und seine Freunde
beruft, solange bleibt seine Gemeinschaft fragwürdig. Aber nur so können auch
wir, liebe Schwestern und Brüder in diese Gemeinschaft finden. Nur so können
wir kommen und sehen: Es geschieht immer wieder, dass Gottes Liebe stärker ist
als alle innere Zerrissenheit, alle Unruhe des Herzens, dass wir nach Hause
finden.
So finden durch uns Menschen zum Glauben. Und ganz gewiß ist: Wenn wir einmal
versagen, läßt uns Gott bestimmt nicht fallen.
Amen.