II. Reihe: Apostelgeschichte 2,41a.42-47
Früher, liebe Gemeinde,
ja früher, da war alles besser!
Die Welt war überschaubarer, die Menschen freundlicher im Umgang miteinander, die Haustüren mussten nicht abgeschlossen werden, die Jugendlichen waren bescheidener und höflicher, die Umweltzerstörung gab es noch nicht, auch nicht so viele Kriege. Die Kirche war noch Kirche im Dorf und galt noch etwas. Die Gottesdienste waren feierlicher und man kümmerte sich umeinander.
Früher, ja da war alles besser!
Ich bin mir sicher, liebe Gemeinde, diesen Satz kennen Sie und die allermeisten werden ihn auch schon gedacht oder gesagt haben. Ich übrigens auch. Mit ein bißchen Wehmut in der Erinnerung.
Früher ...
Von einem solchen Früher berichtet uns der Evangelist Lukas in unserem heutigen Predigttext, einem Stück aus der Apostelgeschichte. Er berichtet von der ersten Zeit der ersten Gemeinde in Jerusalem. Pfingsten war gerade vorbei, aber die Begeisterung hatte sich erhalten. Lukas schreibt:
Alle also, die das Wort des Petrus aufgenommen haben, wurden getauft. Sie beschäftigten sich mit dem, was die Apostel und Apostelinnen sie lehrten und hielten fest an der solidarischen Gemeinschaft, teilten das Brot und beteten zusammen. Es wuchs die Ehrfurcht vor Gott im Leben aller, und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostelinnen und Apostel. Alle, die glaubten, hielten zusammen und teilten alles, was sie hatten. Und wenn Menschen unter ihnen in Not waren, verkauften sie sogar ihren Grundbesitz und ihre Güter und verteilten den Erlös an sie; und täglich kamen sie von einer gemeinsamen Leidenschaft erfasst im Tempel zusammen und erfüllt von Glück und Klarheit teilten sie ihr Essen in den einzelnen Häusern miteinander, und sie lobten Gott in liebevoller Gegenseitigkeit mit dem ganzen Volk Israel. Gott führte die Geretteten täglich zusammen.
(aus: Lesungen in gerechter Sprache)
Kirche mit Zuwachs - nicht Klagen über Kirchenaustritte
Zeichen und Wunder, die geschehen, da bewegt sich etwas und die Menschen erfahren sofort, warum es sich lohnt, zu glauben und zur Gemeinde zu gehören - nicht Kirchenmüdigkeit und Sinnfrage.
Solidarität, eine diakonische Kirche, die die Hilfe unbürokratisch als ihre ureigenste Sache ansieht - nicht Verweis der Notleidenden an die zuständige Beratungsstelle.
Begeisterung für theologische Fragen und Freude an den Gottesdiensten - nicht müdes Abwinken: das geht uns schon längst nichts mehr an und leere Kirchen.
Das waren gute Zeiten damals! Früher, als es eben noch alles besser war.
Und heute? Was hindert uns denn eigentlich daran, es so zu tn wie die Urgemeinde, so zu leben und zu glauben, zu beten und zu feiern, alles miteinander zu teilen?
2000 Jahre unserer Geschichte hindern uns, denn wir können beim besten Willen nicht 2000 Jahre Kirchengeschichte mit guten Zeiten der Begeisterung, Befreiung und Hinwendung zu Gott, aber auch mit dunklen Zeiten der Kreuzzüge, der Hexenverbrennungen und des Fanatismus ungeschehen machen. Wie in unserem eigenen Leben können wir die Zeit der Christenheit nicht zurückdrehen.
Und einmal ganz genau hingeschaut erliegt auch der gute Lukas dem wehmütigen Nachsinnen des „Früher war alles besser“ - ohne das es wirklich alles immer und überall besser war.
Diese ersten Christinnen und Christen waren eine verschwindend geringe Minderheit, sie hatten nichts zu melden zwischen der jüdischen Mehrheitsreligion und den Götter-Kulten der römischen Machthaber.
Früh gab es Streit, wer zu bestimmen hat in der Gemeinde. Haben etwa auch Frauen, wie Maria Magdalena, das Recht, öffentlich davon zu reden, was sie von Jesus erfahren haben? Davon, dass auch nicht immer alle alles Geld mit den anderen eilten, berichtet Lukas schon wenig später. Innergemeindlicher Streit zwischen den Starken und den Schwachen im Glauben, Verfolgungen von außen, Ausgrenzungen - das alles ist auch Wirklichkeit in der Urgemeinde.
Was ist dann aber unser Stück aus der Apostelgeschichte? Ist es nur eine zu belächelnde Traumwelt? Nicht wahr, nie so geschehen?
Es ist sicher ein Idealbild, das Lukas hier von der ersten Gemeinde zeichnet und doch ist es auch wahr. Genauso wie das Bild der streitenden und verfolgten Gemeinde wahr ist.
Ich denke, wenn ich unsere Gemeinde, meine Kirche beschreiben sollte, dann würde es sich auch zwischen zwei Extremen bewegen.
Ehrlicherweise müßte ich von den Kirchenmüden erzählen, von den bürokratischen Strukturen, vom fehlenden Geld, Sparmaßnahmen und von den alten oder kranken Menschen, die einsam bleiben, von den Armen, denen keine Gerechtigkeit widerfährt, von den Unterschieden zwischen In- und Ausländern, Männern und Frauen und von noch vielem mehr.
Aber ich könnte auch erzählen von Menschen, die ihren Platz, eine Heimat gefunden haben in dieser Gemeinde. Ich kann erzählen von Menschen, die erfahren haben, das sie in Kirche etwas wert sind, egal, wie gerade ihr Marktwert auf dem Arbeitsmarkt aussieht. Kein Unterschied zwischen Frau oder Mann, reich oder arm, Sklaven oder Freien, Gewinnern oder Verlierern. Ich kann von Menschen erzählen, die ohne viel Aufhebens uns Geld, Kleidung oder Hausrat zur Verfügung stellen, das wir an Bedürftige weitergeben können. Ich erzähle von Menschen in dieser Gemeinde, die ihre Zeit an Einsame verschenken. Ich erzähle von mitdenkenden, mitfragenden Gemeindegliedern, die nicht zu allem Ja und Amen sagen.
Vom Kirchenumbau können wir erzählen. Lange Zeit haben wir gedacht, geplant und auch gestritten, damit unsere Kirche ein Ort für Jung und Alt, Groß und Klein, nah oder distanziert, Gemeindeglied oder Gast wird. Und immer wieder konnten wir dabei entdecken, wie vielen Menschen es eben nicht egal ist, was in ihrer Kirche passiert und die auch da sind, wenn es darauf ankommt.
Sie merken, ich zeichne ein Idealbild, genau wie unser Predigttext aus der Apostelgeschichte. Aber deshalb ist es nicht weniger wahr. All das geschieht, neben vielem anderen, natürlich. Sie blieben beständig in der Lehre und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. All das ist geschehen in Jerusalem vor 2000 Jahren und es geschieht. Nicht alle Zeit, immer und überall. Aber eben doch immer wieder.
Mir macht das Mut, mich erinnern zu lassen, was früher gut war. Genau hinzuschauen, was heute, jetzt und hier gut ist. Und in die Zukunft zu denken mit der Hoffnung, das dieses Gute sich bewahrt und ausbreitet. Fülle ist eine göttliche Eigenschaft. Wir Menschen leben mit und von Zeichen dieser Fülle. Aber diese Zeichen sollten wir nicht verachten und geringschätzen. Diese Zeichen der göttlichen Fülle können uns lehren und ermutigen auch das Undenkbare zu denken und das Unmögliche zu erwarten.
Amen
Und der Geist Gottes, der größer ist als unsere Vorstellungskraft, sei uns Stärke und Hilfe zu allem Guten und bewahre uns in Gottes Liebe. Amen.