Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
III. Reihe: Dtn 7, 6-12
Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker - denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. So sollst du nun wissen, daß der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, daß du danach tust.
Liebe Gemeinde, Dich hat Gott auserwählt zum Volk des
Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Denn du bist ein heiliges
Volk.
So ein Kernsatz des heutigen Predigttextes aus dem 5. Buch Mose. Das
auserwählte Volk – das läßt zunächst einmal an das Volk Israel denken, dem
dieses Wort ja auch gesagt ist. Damals, vor mehr als 2500 Jahren.
Das auserwählte Volk, auch ein Streitpunkt in heutiger Zeit, mit dem im Nahen
Osten Politik gemacht wird, der Herrschaftsanspruch begründen soll, und in
Vielen Neid und Wut hervorruft.
Das auserwählte Volk – ein Begriff, der seit Jesus, dem Christus, dem Retter
auch für die nicht-jüdischen Völker, auch für uns gilt. In der Taufe hat Gott
auch mit uns einen Bund geschlossen, mit der Taufe sind auch wir auserwählt
und heilig. Nicht anstatt Israel, sondern mit ihm zusammen.
Erwählung und Heiligkeit. Große Worte, aber was heißt denn das eigentlich? Was
bedeutet es für uns?
Wir sind erwählt – jetzt kommt es nicht mehr darauf an, was wir tun oder
lassen. Wir sind heilig, und das heißt dann doch wohl auch unantastbar!
Viele von uns sind oder waren verheiratet. Ein eher alltägliches Beispiel für
Erwählung, denn irgendwann einmal haben Sie Ihren Partner/Ihre Partnerin
ausgewählt. Ein Beispiel aber auch für einen Bund, den Bund der Ehe, den Sie
eingegangen sind. Schon in der Bibel wird das Verhältnis Gottes mit seinen
Menschen manchmal mit einer Ehe verglichen. Jetzt stellen Sie sich vor, Sie
sagten: Erwählung bleibt, Bund ist Bund, ich kann von jetzt ab leben ohne
Rücksicht. Ich bin erwählt, ich bin großartig, alles, was ich tue ist richtig.
Sie merken schnell, wie unrealistisch, ja sogar dumm das ist. Erwählung
bedeutet eben gerade eine besondere Verbindung und Verpflichtung, keinen
Freifahrtschein.
Erwählung geschah auch nicht aufgrund von besonderen Qualitäten der Erwählten.
Gott erwählt Menschen nicht, weil sie großartig, besonders fromm und
glaubensstark, ohne Fehl und Tadel sind. Das 5. Buch Mose überliefert: Gott
sagt: ich habe dich erwählt, weil du das kleinste Volk unter den Völkern bist.
Gott erwählt schlicht und einfach aus Liebe.
Gott erwählt die unterdrückten Sklaven in Ägypten und ermutigt sie für die
Freiheit, an diese Erwählung werden im 5. Buch Mose die Israeliten erinnert,
die im Exil, fern von der Heimat, in Babylonien sitzen, ohne Macht, ohne
Perspektive.
Die Erwählung wird ausgeweitet durch Jesus, der als verurteilter Verbrecher am
Kreuz starb und gilt somit auch uns – wahrlich nicht alle Heldinnen und
Helden. Aber geliebt – und das ist mehr!
Heilig sind wir. Heilig, weil wir Gottes Eigentum sind, so wie wir eben sind.
Das heißt allerdings nicht: unantastbar. Auch als die Erwählten und Heiligen
sind wir nicht vor allen Gefahren geschützt, nicht vor allem Unbill gefeit,
nicht unverwundbar. Unsere Taufe ist kein magisches Siegel für Wohlergehen und
Glück.
Das haben viele von uns, das hast Du Marianne vor zwei Jahren, bitter erfahren
müssen. Auch als Kinder Gottes, als sein Eigentum sind wir bedroht von
Schmerzen und Krankheit, von Verzweiflung, Dunkelheit und auch vom Tod.
Und trotzdem, Gott hält seinen Bund, er bleibt seiner Wahl treu, auch wenn wir
das nicht immer oder gar nicht spüren. Gott ist an unserer Seite.
Ein Gespräch mit dir, Marianne, hat mich daran erinnert. Du hast erzählt, das
du im Rückblick auf diese letzten zwei Jahre eben nicht nur an das Dunkel, an
die Schmerzen und die Angst denken kannst. Da sind auch die Erinnerungen an
gute Momente, trotz allem. Die Erfahrung, dass Familie zusammenhält und trägt,
gerade dann, wenn es schwierig wird. Die Erfahrung, das Freunde da sind,
Menschen, die da sind, wenn man sie braucht. Die da waren, als du sie
gebraucht hast. Und nicht zuletzt deine Worte klingen mir noch nach, das Gott
dir seine Engel geschickt hat zur rechten Zeit: nicht die in den weißen
Flügelgewändern, sondern einfach Menschen. Wahrscheinlich ist es heute vielen
hier nicht bewußt, dass sie mit einer Botschaft von Gott zu dir unterwegs
waren: mit der Botschaft nämlich – Hab keine Angst, ich, Gott, bin bei dir, du
bist nicht allein, ich kenne dich mit Namen, du bist mir nicht gleichgültig.
Und unsere Reaktion auf die Erwählung, auf den Bund, den Gott mit uns
geschlossen hat? „So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte,...“
formuliert das 5. Buch Mose, denn denen, die es aufgeschrieben haben, ist
wichtig, das das Volk Israel die Gesetze, die in der Heimat galten, auch in
der Fremde nicht vergisst. Das das Volk sich nicht verliert an all das, was
auf sie einstürmt.
Unsere Reaktion auf die unsere Erwählung und Gottes Liebe: vielleicht die
Einsicht, das wir nicht alles schaffen können, aber auch nicht müssen!
Das Nachdenken über unsere Aufgabe, die wir mit unserem Leben erfüllen sollen.
Und sicher der Dank an Gott, der uns dieses Leben geschenkt hat. Der treu an
unserer Seite steht. Amen.