II. Reihe: Römer 6,3-8
Liebe Gemeinde,
am vergangenen Mittwoch war Zeugnistag. Die großen Ferien haben begonnen, aber
vorher eben der Tag der Leistungsabrechnung. Wer die Erwartungen erfüllt hat,
darf obenauf sein, die Ferien genießen. Was aber mit denen, die die Leistung
nicht erbracht haben?
Wer seine Leistung nicht bringt, verliert Anerkennung, verspielt Zuneigung und
verschwindet am besten von der Bildfläche. So zumindest war es zu beobachten
bei der Fußball-Europameisterschaft in Portugal. Nach der ersten Niederlage
wurden „unsere Jungs“, oder „die deutsche Hoffnung“ oder „Rudis Elf“ plötzlich
zu Versagern, Faulpelzen, Nichtskönnern.
Zähle ich nur etwas, wenn ich etwas leiste? Was ist dann mit denen, die nichts
leisten, nicht mehr leisten, nicht leisten können? Was macht mich, mein Leben
wertvoll?
Ein Pfarrerkollege hat dazu eine Geschichte ins Internet gestellt, die mich
nachdenklich gemacht hat: - eine Geschichte aus der DDR-Zeit.
„Frau Rick ist eine ältere, ganz freundliche Frau. Ich sehe sie öfters und wir unterhalten uns. Als der Sommer begann, habe ich Frau Rick gefragt: „Wohin fahren sie denn dieses Jahr in Urlaub?“ Und sie hat gesagt: „Wir fahren dieses Jahr nicht weg. Wir haben die Entdeckung gemacht, dass es eine Möglichkeit gibt, Ferienkinder aus Ungarn einzuladen. Da haben wir uns auch gemeldet und uns ein Ferienkind für die vier Wochen gewünscht. Und ich weiß auch schon, was ich mir wünsche: So einen kleinen, pfiffigen Jungen, schwarzhaarig, mit glitzernden Augen, das kann ich gut leiden. Und dann werden wir auf der Saale Kahn fahren und zur Rudelsburg wandern, und wir gehen in die Eisdiele. Das wird prima.“
Ein paar Wochen später, Ferienanfang, kommt mir Frau Rick entgegen, neben ihr ein langes, blondes Mädchen. Frau Rick ist ganz brummig und grüßt nur so vor sich hin. Aber dann bleibt sie doch stehen und sagt: „Judith, geh mal ein paar Schritte voraus.“ Und nun platzt es aus ihr heraus: „Also so etwas. ich komme gerade vom Bahnhof, wie Sie sehen. Und als der Zug einfährt und die Türen aufgehen, kommen die Kinder alle heraus, und es gab genau solche Jungs, wie ich mir einen gewünscht hatte. Plötzlich kommt die Leiterin mit diesem Mädchen an, stellt sie neben mich und sagt: „Das ist Ihr Ferienkind.“ Und ich sage: „Haben Sie denn nicht…?“ „Doch, doch,“ sagt sie, „alles in Ordnung. Nehmen Sie sie nur mit.“ „Na,“ sagt Frau Rick, „Sie soll mit den Nachbarskindern spielen, da geht die Zeit auch rum.“ Das hört sich recht traurig an, war aber nicht zu ändern.
Zwei Tage später gehe ich durch die Fußgängerzone. Da waren die Tische bei der Eisdiele rausgestellt, und an einem der Tische sehe ich: Da sitzt Frau Rick mit Judith, und sie essen Eis, froh und ganz lustig miteinander. Ich dränge mich durch die Tische und frage: „Na, wie geht es Ihnen denn?“
„Ach wunderbar, uns geht es ganz großartig“ Frau Rick sagt: „Judith, geh doch mal ein paar Ansichtskarten kaufen.“ Und dann erzählt sie mir: „Das hat mich doch nicht ruhen lassen. Da bin ich abends noch einmal zu der Transportleiterin gegangen. Die wohnt bei uns in der Nähe. Da hat sie mir erzählt: „Als die Kinder aus dem Zug raus kamen, hat die Judith so vor sich hingesagt: „Die alte Frau dort, die sieht lieb aus - zu der will ich.“
„Seitdem ich das weiß“, sagt Frau Rick, „sieht die Sache für mich ganz anders aus. Da standen ganz andere Eltern. Die hatten Pakete unterm Arm und das Auto schon vor der Tür stehen. Aber zu mir alter, einfacher Frau wollte das Mädchen, obwohl ich gar nichts besonderes bin.“
Seitdem ich das weiß“, sagt Frau Rick, „ist mein Verhältnis zu dem Kind völlig verändert. Ich habe plötzlich verstanden: Wichtig ist nicht, was ich gewollt habe, sondern dass jemand mich gewollt hat. Wichtig war nicht, was ich mir gewünscht habe, sondern dass mich jemand gewünscht hat, obwohl ich doch gar nichts besonderes bin.
Besser kann ich Taufe nicht erklären. Wichtig war, das mich jemand gewollt
hat. Gott hat uns gewollt.
Natürlich hängt das nicht an der Taufhandlung: Gott wird seine Liebe wohl kaum
von den paar Tropfen Wasser abhängig machen, die einem Täufling bei der Taufe
den Kopf benetzen. Die Taufe ist kein magischer Akt, der durch die Anrufung
des dreieinigen Gottes und den Vollzug der Handlung Gottes Haltung zu uns
verändert. Die Taufe ist ein Zeichen, ein Symbol für uns Menschen. Sie zeigt
uns, dass unser irdisches Leben mit dem himmlischen Leben Gottes verbunden
ist.
Der Apostel Paulus schreibt ähnliches an die Gemeinde in Rom. Er schreibt:
Wisst ihr nicht, dass wir alle, die wir auf den Namen Jesu Christi getauft worden sind, auf seinen Tod getauft sind? Durch das Untertauchen bei der Taufe sind wir mit ihm in den Tod begraben, und wie Christus durch Gottes himmlische Macht von den Toten auferstanden ist, so führen auch wir ein neues Leben. Denn so wie wir verwachsen sind mit seinem Tod, so werden wir auch verwachsen sein mit seiner Auferstehung. Dieses wissen wir: wir wurden mitsamt unserer bisherigen Lebensführung mitgekreuzigt, damit wir nicht länger von der Sucht zu sündigen bestimmt sind. Denn nur wer gestorben ist, ist frei von der Macht der Sünde. Da wir nun mit Christus gestorben sind, vertrauen wir darauf, dass wir auch mit ihm leben werden.
Tot für alles, was uns niederdrückt, unfrei macht, verstrickt sein läßt in
üble Strukturen, trennt von Gott. Lebendig für Gottes neue Welt.
Für die Menschen in Rom war das nichts wirklich neues. Auch in den
Mysterienreligionen der Antike, die wir heute als heidnisch bezeichnen würden,
gab es solche Vorstellungen: Durch einen Initiationsritus wurden neu
„Ein-Geweihte“ mit der Kultgottheit verbunden.
Allerdings verspricht Paulus im Gegensatz zu vielen dieser Kulte nicht, dass
aus den Getauften qua Taufe nur strahlende Siegertypen würden. Er sagt nicht,
dass es in der Welt ab sofort gerecht zugeht. Und er sichert auch nicht zu,
dass Christinnen und Christen nichts Schlimmes mehr zustoßen wird.
Die Taufe ist für den Apostel Paulus ein Zeichen, ein Symbol. Symbol dafür,
dass abgewaschen werden kann, was uns von Gott trennt. Das wir Menschen
wenigstens die Möglichkeit haben, nach Gottes Willen zu leben. Und Zeichen,
dass nicht wichtig ist, ob wir unseren Wünschen entsprechen und erst recht
nicht denen anderer Menschen, wichtig ist, das wir Gottes Wunsch-Kinder sind.
Amen