II. Reihe: Phil 3,7-14
Liebe Gemeinde!
Das wollen wir wohl alle: Gut dastehen, Anerkennung bekommen, Erfolg haben,
alles richtig machen, es möglichst allen recht machen: In der Schule, bei der
Arbeit, auch in der Gemeinde, in der Familie oder überhaupt im Leben. Da
strengen wir uns richtig an, um Anerkennung und Bestätigung zu bekommen. Und
die Instanz für diese Bestätigung ist oft die Meinung der anderen Menschen.
Und manchmal geht es nicht so sehr um Anerkennung und Bestätigung, sondern um
viel weniger und doch mehr: Falle ich den anderen auch nicht zur Last? Bin ich
gut genug, dass ich vor ihnen bestehen kann? Bringe ich die Leistung, die sie
von mir erwarten? Kann ich noch mithalten, um mir den Beifall der anderen zu
verdienen? Dahinter steht die tiefe Sehnsucht, ein „gutes Leben" zu führen,
wertgeschätzt und angenommen zu sein, geliebt zu werden. Ich denke, wir
brauchen dieses Gefühl alle. Ohne Anerkennung kann kein Mensch leben.
Das Problem mit der Instanz der anderen, vor denen viele gut dastehen wollen
ist, die Angst es nicht oder nicht mehr zu schaffen Manche von uns werden
regelrecht krank und depressiv, weil sie zum Beispiel durch eine Krankheit
nicht die Leistung am Arbeitsplatz bringen können, die sie von sich gewöhnt
sind. Oder sie fühlen sich wertlos, weil sie sich im Alter nicht mehr die
Anerkennung verdienen können, weil vieles nicht mehr so geht wie früher.
Liebe Gemeinde,
Paulus war da ganz ähnlich wie wir. Auch er wollte gut dastehen, alles richtig
machen. Er wolle alles richtig machen, vor den anderen und vor Gott. Er wollte
vor Gott bestehen.
Als ausgebildeter Schriftgelehrter und Pharisäer kannte Paulus sich gut aus
mit allen Gesetzen, Bräuchen und Handlungen, die zu tun waren, um ein
gottgefälliges Leben zu führen. Hundertprozentig sei er in der Befolgung des
Gesetzes gewesen, untadelig, so erzählt er es immer wieder. Nichts hatte er
sich in diesem Sinne vorzuwerfen.
Das lässt sich gut mit unsrem Bedürfnis vergleichen, vor anderen gut dastehen
zu wollen, unsere Sache ordentlich und erfolgreich machen zu wollen. Und in
inneren wollen auch wir- wenn wir ehrlich sind zu uns- vor Gott oft gut
dastehen. Auch da sind wir nicht anders als Paulus.
Und deshalb hat der Wunsch des Paulus, vor Gott gut dazustehen, nicht in
erster Linie damit zu tun, dass er Jude war und damit Anhänger einer Religion,
die wir aus unserer Sicht zu unrecht für eine nur „gesetzliche“ halten. Es hat
vielmehr damit zu tun, dass Paulus ein Mensch war wie wir.
Doch dann kam die große Wende in seinem Leben – radikal und umwerfend. Davon
erzählt er den Menschen in der griechischen Hafenstadt Philippi.
Ich lese den Predigttext in einer neueren Übersetzung (Gute Nachricht):
Aber dies alles, was mir früher als Vorteil erschien, habe ich durch Christus als Nachteil erkannt. Ich betrachte überhaupt alles als Verlust im Vergleich mit dem überwältigenden Gewinn, dass ich Jesus Christus als meinen Herrn kenne. Durch ihn hat für mich alles andere seinen Wert verloren, ja, ich halte es für bloßen Dreck. Nur noch Christus besitzt für mich einen Wert. Zu ihm möchte ich um jeden Preis gehören. Deshalb will ich nicht mehr durch mein eigenes Tun vor Gott als gerecht bestehen. Ich suche nicht meine eigene Gerechtigkeit, die aus der Befolgung des Gesetzes kommt, sondern die Gerechtigkeit, die von Gott kommt und denen geschenkt wird, die glauben. Ich möchte vor Gott als gerecht bestehen, indem ich mich in vertrauendem Glauben auf das verlasse, was er durch Christus für mich getan hat. Ich möchte nichts anderes mehr kennen als Christus: Ich möchte die Kraft seiner Auferstehung erfahren, ich möchte sein Leiden mit ihm teilen. Mit ihm gleich geworden in seinem Tod, hoffe ich auch, zur Auferstehung der Toten zu gelangen.
Liebe Gemeinde, ich habe es schon gesagt: Die Wende, die Paulus in seinem
Leben, Denken und Glauben erlebt, ist radikal. Er geht hart ins Gericht mit
seinen früheren Zielen, Werten und Einsichten: Als Dreck bezeichnet er sein
früheres Leben.
Seine Versuche, durch besondere Leistungen vor Gott glänzen zu wollen, sind
gescheitert. Das wird Paulus deutlicher vor Augen geführt, als den meisten von
uns.
Paulus begegnet der auferstandene Christus selbst. Wir wissen wenig darüber,
wie diese Begegnung ablief. Wir wissen aber, wie sie auf Paulus gewirkt hat.
Sie schmettert Paulus förmlich zu Boden. Sein Lebensgebäude, gebaut auf dem
Streben nach selbstgemachter Anerkennung durch die Menschen und durch Gott,
fällt in diesem Moment zusammen . Paulus steht buchstäblich erst mal im
Dunkeln. Erst nach drei Tagen kann er wieder sehen, lässt sich taufen als
Zeichen und Bestätigung des Neubeginns.
Seine befreiende Erkenntnis war: Bei Gott kannst du ruhig unvollkommen sein
und bist dennoch anerkannt, wertgeschätzt und geliebt. Du musst dich nicht
selbst gut machen, um zu Gott zu gelangen. Für Gott bist du wertvoll ohne jede
eigene Anstrengung, ohne eigene Leistung, sogar dann, wenn du denkst, du bist
unannehmbar.
Diese wunderbare Gotteserfahrung steht im Hintergrund, wenn Paulus so
begeistert von seinem neuen Leben spricht.
Und wir, liebe Gemeinde?
Können wir auch so entschieden wie Paulus von einem neuen Leben sprechen,
das uns ganz ergriffen hat?
Ja und nein, denke ich. Viele von uns sind als Kinder hineingetauft worden in
unsere Kirche, sind aufgewachsen mit den Geschichten von Jesus und Zachäus,
mit Jesu Liebe zu den Menschen, mit seinen Worten von einem Gott, der uns
Menschen liebt aus Gnade und Barmherzigkeit. Und so ist für uns das, was für
Paulus eine lebensverändernde Einsicht war, manchmal -zu- selbstverständlich.
Ich glaube, liebe Gemeinde: Unser neues Leben vollzieht sich in viel kleineren
Momenten und Umbrüchen als das neue Leben des Paulus. Aber das neue Leben ist
auch bei uns da.
Es ist dann da, wenn auch wir in Momenten unseres Lebens ergriffen sind von
Christus, im Herzen und im Handeln. Es ist da, wenn wir unser Herz einen
Spaltbreit öffnen für die Liebe und Anerkennung, die Gott uns schenkt und
dadurch freier leben können.
Es ist da, wenn wir diese Liebe und Anerkennung weitergeben an die, die hier
bei uns keine Liebe und Anerkennung bekommen.
Neues Leben, das gibt es im großen wie im kleinen: Deshalb sind mir auch die
letzten Worte aus dem Briefabschnitt an die Gemeinde in Philippi ganz wichtig.
Paulus schreibt:
Ich meine nicht, dass ich schon vollkommen bin und das Ziel erreicht habe. Ich laufe aber auf das Ziel zu, um es zu ergreifen, nachdem Jesus Christus von mir Besitz ergriffen hat. Ich bilde mir nicht ein, Brüder und Schwestern, dass ich es schon geschafft habe. Aber die Entscheidung ist gefallen! Ich lasse alles hinter mir und sehe nur noch, was vor mir liegt. Ich halte geradewegs auf das Ziel zu, um den Siegespreis zu gewinnen. Dieser Preis ist das ewige Leben, zu dem Gott mich durch Jesus Christus berufen hat.
Also: Selbst Paulus ist noch nicht am Ziel, selbst Paulus ist noch auf dem
Weg hin zu dem Ziel, das neue Leben ganz zu leben. Vielleicht hat er ja auch
in stillen Stunden bei sich selbst festgestellt, dass wir Menschen kleine
Schritte besser gehen können als große, dass wir mit kleinen Schritten aber
auch zum Ziel kommen.
Und wenn wir meinen, dass das alte Leben uns nicht loslässt? Dass wir das, was
wir im Leben so lange mitschleppen, niemals neu machen können? Zu Gott können
wir kommen so wir wir sind, mit all unseren Ecken und Kanten, mit allem Mist,
der sich im Leben angesammelt hat.
Dazu zum Schluss eine Geschichte aus dem Mittelalter, von Joh nnes Tauler, dem
Mystiker, der hier allerdings sehr handfest schreibt.
Das Pferd macht im Stall den Mist, und wiewohl der Mist Unflat und Gestank an sich hat, zieht dasselbe Pferd denselben Mist mit großer Anstrengung auf das Feld, und daraus wächst edler, schöner Weizen und der edle, süße Wein, der niemals so wachsen würde, wäre der Mist nicht da. Ebenso trag deinen Mist – das sind deine eigenen Schwächen, mit denen du nicht fertig werden, die du nicht ablegen und überwinden kannst – mit Anstrengung und Fleiß auf den Acker des liebevollen Gottes und breite den Mist auf das edle Feld: Ohne Zweifel wächst daraus in demütiger Gelassenheit edle, wonnigliche Frucht.
Amen.
N. B.: Ich danke meinem Kollegen Henning Porrmann für viele Ideen und Formulierungen, auch für die Geschichte am Schluss.