V.Reihe: Lukas 1,67 - 79
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder!
Zunächst: ein gutes Neues Jahr! Sie wundern sich über diesen Wunsch?
Aber am ersten Advent beginnt in der Tat ja das neue Kirchenjahr - und
nicht am Neujahrstag, wo das neue Jahr des gregorianischen Kalenders
beginnt. In der Tat beginnt alles neu damit, dass Gott in unsere Welt
kommt und nicht, dass wir Menschen einen neuen Kalender an die Wand
hängen. Denn das heißt Advent: Ankunft Gottes in unsere Welt. Nicht wir
kommen zu Gott, sondern genau umgekehrt: Gott kommt zu uns. Heute
beginnen wir - sozusagen offiziell - mit der Vorbereitung auf das Kommen
Gottes. Das Licht des Lebens, Jesus Christus, kann auch unsere
Dunkelheiten erhellen. Dieses Licht ist stärker als unsere
Traurigkeiten, unsere Zweifel, stärker auch als die Tretmühle unseres
Alltages.
Zacharias, der Priester im Tempel, der schon zusammen mit seiner Frau
Elisabeth die Hoffnung auf ein Kind aufgegeben hat, er findet neue, noch
nie da gewesene Worte, Gott zu preisen, seinem Dank und seiner Freude
Ausdruck zu geben. In der alten Christenheit und in den Klöstern heute
noch wird jeden Morgen das "Benediktus" gebetet, der Lobgesang des
Priesters Zacharias, der sich zusammen mit seiner Frau Elisabeth über
die ganz und gar unerwartete Geburt seines Sohnes Johannes freut, den
sie später „den Täufer" nennen werden - Johannes der Täufer, der
Vorläufer Jesu.
„Zacharias, der Vater Johannes des Täufers, wurde vom heiligen Geist
erfüllt, weissagte und sprach:
Gelobet sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst
sein Volk und hat uns aufgerichtet eine Macht des Heils im Hause seines
Dieners David - wie er vorzeiten geredet hat durch den Mund seiner
heiligen Propheten -dass er uns errettete von unseren Feinden und aus
der Hand aller, die uns hassen, und Barmherzigkeit erzeigte unsern
Vätern und gedächte an seine heiligen Bund und an den Eid, den er
geschworen hat unserm Vater Abraham, uns zu geben, dass wir, erlöst aus
der Hand unsrer Feinde, ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang in
Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen.
Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen.
Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest, und
Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in Vergebung ihrer Sünden, durch
die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird
das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen
in Finsternis und Schatten des Todes,
und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.“
Der „Lobgesang“ des Zacharias enthält auch Töne, die gar nicht so
grenzenlos glücklich klingen. Zacharias sieht seinen Sohn in der Folge
der Propheten des alten Bundes, also derer, die Gottes mächtiges Kommen,
sein befreiendes Handeln, gegen allen Augenschein, auch gegen alle
Machthaber in damaligen Zeiten, ankündigten. Nur sind damals fast alle
dieser Propheten getötet worden we¬gen ihrer Botschaft. Und Johannes der
Täufer erregt ja auch riesigen Widerspruch und muss am Ende für seinen
Mut mit dem Leben bezahlen. Ahnt Zacharias, sein Vater, schon dieses
Schicksal voraus?
In der Tat: Die Vorbereitung auf das Kommen Gottes, die Adventszeit, ist
ja auch Bußzeit, deshalb ist die Farbe der Antependien Violett wie in
der Passionszeit oder am Buß- und Bettag. Gott kommt - er kommt zu
denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes. Er kommt durch
unsere Traurigkeiten, unsere Zweifel hindurch - so wie wir es gesungen
haben: "Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern... auch
wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein." Gott kommt - aber er
kommt ganz anders als wir das erwarten. Auch anders als Zacharias, der
Priester, das erwartet hat. Er kennt die Verheißungen des alten Bundes:
Gott kommt in seinem Messias als mächtiger Friedensbringer auf die Erde.
Mit einem Schlag, so die Hoffnung, schafft er seinem auserwählten Volk
politische Macht und Gerechtigkeit. Und jetzt ist diese Heilszeit da:
Gott kommt. Aber Gott kommt ganz anders! Nicht als politischer
Freiheitskämpfer, sondern als Kind in einer armseligen Krippe und später
auf einem Esel reitend in die Hauptstadt Jerusalem, in der er eben nicht
das ewige Friedensreich aufrichtet, sondern einen schmählichen Tod am
Kreuz von Golgatha stirbt.
Das Ungewöhnlichste überhaupt ist nämlich: Gott kommt zu uns und nicht:
wir kommen zu Gott. Zacharias ist Priester. Er be-schäftigt sich sein
Leben lang mit der Frage: „Was ist Gottes Wille, was müssen wir tun,
damit wir ein Gott genehmes Leben führen, wie können wir uns Gott
nähern?“ Sein Bild ist das Bild vieler Menschen: Da ist der große
allmächtige Gott im Himmel - und da sind wir schwache, sündige Menschen.
Wie kommt das zusammen? Und Zacharias und Elisabeth sind gottesfürchtige
Menschen. Sie wissen, wie schwer der Weg der Menschen zu Gott ist, ja,
dass es eigentlich unmöglich ist, als Mensch den Weg zu Gott zu finden.
Und nun geschieht das gänzlich unerwartete: Gott kommt zu ihnen - Gott
kommt zu uns Menschen. Und er kommt eben nicht als mächtiger Feldherr,
sondern er kommt in unsere Dunkelheiten. Gott befreit uns von unserem
sinnlosen Streben, es aus eigener Kraft schaffen zum wollen. Er kommt
selbst - und will nichts anderes, als dass wir ihn einlassen.
Ja, liebe Schwestern und Brüder, es ist schwieriger, sich von Gott alles
schenken zu lassen, als selbst hinzugehen und aus eigener Kraft etwas
aufbauen zu wollen. Der Lobgesang, das Benediktus des Zacharias schließt
mit der uns allen bekannten Bitte: "... und richte unsere Füße auf den
Weg des Friedens." Wir sind es gewohnt, auf eigenen Füßen stehen zu
wollen und zu müssen. Unsere Erziehung, unser Gewissen sagte uns: setze
Dich ein für andere, tue das, was Deinem Nächsten nutzt! Das ist ja auch
richtig so, aber manches Mal macht es uns auch ganz schön müde und
traurig, wenn wir feststellen, wie mühsam all unser Bestreben ist. Oft
ge-nug versagen wir schon in den kleinen Dingen.
Die Bitte des Zacharias drückt eine neue Blickrichtung aus: nämlich sich
nicht auf eigene Fähigkeiten verlassen und statt dessen alles von Gott
erwarten zu wollen. Freilich kommt der Friede nur durch unsere Kraft,
unsere Hände und Füße. Aber wir sind es nicht, die uns selber schicken -
sondern Gott schickt uns, Gott setzt auf den richtigen Weg. Nicht wir
ziehen uns am eigenen Schopf aus dem Sumpf unserer trüben Gedanken,
unserer Verzweiflungen und Sorgen, sondern Gott ist es, der zieht.
Advent heißt: Gott kommt zu uns - nicht wir kommen zu Gott. Zacharias
hat darüber nur staunen können. Seiner Frau und ihm wird ein Kind
geschenkt, das zwar einen Leidensweg gehen wird, aber doch auserwählt
wird, Vorläufer des Messias' zu sein. So wie ihnen - und auch Maria und
Josef - ein Kind ge¬schenkt wird, so wird auch uns das Heil der Welt
geschenkt. Gott kommt - nicht weil wir seine Ankunft verdient, nicht
weil wir ihn so freundlich gerufen hätten, nein, er kommt, weil er
kom¬men will. Er kommt allein aus Liebe, weil er es noch einmal mit uns
versuchen will. Vielleicht können wir heute wirklich nicht mehr tun, als
eine erste Kerze anzuzünden und zu warten. Zu warten, dass es in uns
ruhig wird, dass wir vorbereitet sind auf sein Kommen. Zu warten, dass
die rastlose Unruhe weicht, es immer selbst aus eigener Kraft schaffen
zu müssen. Gott kommt, er ist auf dem Weg zu uns. Das ist die Aussage,
die wieder in uns wirken will, die Platz greifen möchte, damit sie
stärker wird als alles Kreisen um sich selbst, alle Traurigkeit, alles
Dunkle.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure
Herzen und Sinne durch Jesus Christus, unsern Herrn. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 03.12.06