Text: V.Reihe: Johannes 12, 44-50

 

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.

Der Predigttext steht im Johannesevangelium  im 12.Kapitel:

 

„Jesus aber erklärte:

‚Wer an mich glaubt, der glaubt in Wirklichkeit an den, der mich gesandt hat.

Und wer mich sieht, der sieht den,

der mich gesandt hat.

Ich bin als Licht in die Welt gekommen, damit diejenigen, die an mich glauben,

nicht in der Finsternis bleiben.

Und wenn jemand meine Worte hört und sie doch nicht bewahrt, so werde nicht ich sein Richter sein.

 

Denn ich bin nicht gekommen,

um die Welt zu richten,

sondern um sie zu retten.

 

Wer mir nicht folgt und meine Worte nicht annimmt, der hat seinen Richter schon gefunden.

Am Jüngsten Tag wird er an dem gemessen werden, was ich jetzt gesagt habe.

Denn ich habe mir meine Botschaft nicht selbst ausgedacht, sondern der Vater, der mich gesandt hat, hat mir aufgetragen, was ich sagen soll.

Und ich weiß, dass von diesem Auftrag

mein ewiges Leben abhängt.

Alles, was ich sage, gebe ich so weiter,

wie es mir der Vater gesagt hat.’

[Übersetzung Klaus Berger/Christian Nord]

 

Gott, segne dein Wort an uns allen. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,

 

heute früh ist noch Weihnachten, aber es ist auch der letzte Tag des Jahres. Heute hören wir noch einmal von dem Weihnachtswunder, nämlich das, was der Engel den Hirten auf dem Felde verkündigt hat: „Denn euch ist heute der Heiland geboren.“ An ganz zentraler Stelle im Johannesevangelium nimmt Jesus selbst diese Botschaft auf: „Denn ich bin nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten.“ Auf Griechisch heißt dieser Satz: έγώ ού κρίνω αύτόν ού γάρ ήλθον ϊυα κρίνω  τόν κόσμον, άλλ’ ίνα σώσω τόν κόσμον.

(Ego ou krino auton ou gar älton hina krino ton kosmon all hina soso ton kosmon.)

Auch wenn Sie nichts verstanden haben, ein paar Worte könnten doch bei Ihnen hängen geblieben sein: „Ego“ für “Ich“ und zweimal das Wort „Kosmon“ – der „Kosmos“, also die ganze Welt. Ich, sagt Jesus, ich bin gekommen, die ganze Welt zu retten – und nicht nur ein paar besonders auserwählte Menschen.“ Den ganzen Kosmos, die ganze Welt zu retten – darum geht es an Weihnachten. Alle Menschen – nicht nur die uns sympathischen; die gesamte Schöpfung, auch die Tiere, die Pflanzen. ..

Vielleicht ist Ihnen auch das Wörtchen σώσω beim Hören hängengeblieben. das heißt nicht „so so …“, sondern hat dieselbe Wurzel wie „σώτηρ“ der „Retter“ – oder wie es bei Martin Luther heißt: Der Heiland. Der Heiland ist der, der rettet. Der alles, was Hilfe braucht, heil macht, ganz macht, wieder zurecht bringt. Dazu ist Gottes Sohn Mensch geworden. Dafür ist Jesus auf die Welt gekommen. Seine Botschaft ist: σώσω! Ich rette! Ich heile! Und nicht: κρίνω! Was ist das schon wieder? „Krino“ – davon kommt das Wort „Kritik“, „Krino“ heißt: unterscheiden, kritisieren, richten.

 

In Jesus ist der Heiland, nicht der Richter der Menschen gekommen.

Das ist eine ganz wichtige und sensationelle Erkenntnis, liebe Schwestern und Brüder! Na ja, denken Sie, so sensationell neu ist diese Erkenntnis nun auch wieder nicht. Ja, als Satz, den man schon mal irgendwann gehört hat, sicher nicht, aber als entscheidende Erkenntnis, die Grundlage des eigenen Lebens und des eigenen Glaubens ist – da ist dieser Satz von einer ungeheuren Bedeutung.

 

Für den bedeutenden Theologen Friedrich Schleiermacher etwa war das der Schlüsselsatz für seine Lehre, dass die Vorstellung eines richtenden Gottes kein Thema sein dürfe. Und auch für den reformierten Theologen Karl Barth folgt daraus für die reformierte Erwählungslehre: Es gibt bei Gott nur eine Erwählung: nämlich die zum Guten! Einen strafenden, verurteilenden Gott gibt es nämlich nach Weihnachten, nach dem Kommen des Heil-andes nicht mehr.

 

Und jetzt behaupte ich, wird langsam doch die zentrale Bedeutung dieser Worte Jesu deutlich. Zu Beginn sagte ich, diese Sätze stehen an zentraler Stelle im Johannesevangelium. Sie sind nämlich die letzten öffentlich gesprochenen Worte Jesu. In ihnen wird noch einmal der Kern der Botschaft Jesu zusammengefasst. Und wir wissen das von Geschichten, von Briefen, von Theaterstücken oder Filmen: Das, was ganz zu Beginn und das, was ganz am Ende gesagt wird, ist von zentraler Bedeutung: An Jesus könnt Ihr erkennen, wer Gott selbst ist. Jesus predigt nicht sich selbst, sondern Gott selbst. Und Gott ist nicht Richter, sondern Retter.

 

Deshalb ist dieser Predigttext auch so recht geeignet für den letzten Tag des Jahres. Was an Ende steht, sollen wir mit hinübernehmen in das Leben im Neuen Jahr. Nämlich die zentrale Erkenntnis von Weihnachten: Gott ist nicht Richter, sondern Retter.

 

Warum ist das so wichtig? Nun, ganz einfach: Weil wir trotz aller Botschaft von Weihnachten, Ostern, Pfingsten, den Geschichten der Bibel und der Christen immer noch eine andere Vorstellung von Gott haben – und sie auch noch oft genug gepredigt bekommen. Statt σώσω! Ich rette! Ich heile! κρίνω! Ich unterscheide, ich kritisiere, ich richte! Trotz aller Aufforderungen der Bibel: z.B. „Richte nicht, auf dass du nicht gerichtet wirst!“ machen wir kräftig mit, wenn es darum geht, Urteile über andere zu fällen. Wir meinen, Gott müsse doch insofern seine Gerechtigkeit durchsetzen, indem wenigstens bei ihm die Schlechten bestraft werden und die Guten belohnt. Ein Gott, der alle belohnt, passt schon aus pädagogischen Gründen nicht so recht in unser Denken. Es muss doch eine Instanz geben, am besten eine im Himmel, bei der die schlechten Menschen, die gottlosen, die Verbrecher, die Hasserfüllten, ihre gerechte Strafe bekommen – wo kämen wir da hin, wenn es allen bei Gott gut ginge! Ein bisschen Hölle – zweifellos natürlich nur für die anderen, soll es dann doch geben, auch in der Evangelischen Kirche. Ganz versteckt, verdreht wird das gedacht und gepredigt, aber dadurch mit nicht weniger Macht und Einfluss gerade auf das Gewissen der Menschen. Oft schlimmer, als wenn es offen gesagt wird. Mit ein bisschen Angst vor der göttlichen Strafe kann man die Menschen besser zu frommem Handeln erziehen, so etwa die pädagogische Überlegung.

 

Solches Denken ist aber unbiblisch, ungläubig und macht aus Gott einen Götzen. Der Gott der Bibel sagt: σώσω! Ich rette! Ich heile! Und zwar konsequent immer. Für alles andere wäre es nicht nötig gewesen, dass Gott in seiner unendlichen Liebe seinen Sohn hat Menschen werden lassen in unserer so kalten und dunklen Welt. Gott hat Jesus im Stall von Bethlehem zur Welt kommen lassen und keine Art oberstes „Weltverfassungsgericht“ eingesetzt. Es geht auch nicht zu predigen: Gott sei der gnädige Retter, aber manchmal eben auch ein bisschen der unbarmherzige Richter. Es geht nur entweder – oder. Es gibt kein „ein bisschen schwanger.“ Maria hat den Retter, den Heiland zur Welt gebracht. Und sonst nichts. Punkt.

 

Und es braucht auch gar nicht die Vorstellung eines aus dem Himmel heraus strafenden Gottes. Jesus sagt es doch ganz klar, und das löst doch auch das Problem: Die Menschen, die ihn verachten, die ohne Gott leben und ihn lächerlich machen wollen, die sind sich selbst der Richter; die leben an ihrem eigenen vollen, heilen, ganzen Leben vorbei. Es bedarf keiner weiteren Instanz mehr, die sie verurteilt. Es sind die Menschen, die lieber in der eigenen Dunkelheit sitzen bleiben, anstatt dem Licht der Liebe zu folgen. Um sie muss man sich kümmern, ihnen von dem Licht erzählen, ihnen davon etwas vorschwärmen, sie immer neu einladen, sich auf das Licht einzulassen – die, die sich selbst verurteilen zu einem Leben ohne Gott, muss niemand mehr noch einmal bestrafen, wirklich nicht. Das ist nicht Gottes Aufgabe. Genauso wie auch Gott nicht die Welt zerstören will und wird – das tun wir Menschen schon ganz allein. Wir brauchen Gott nicht, dass er etwas zerstört, vernichtet, verurteilt – wir brauchen Gott, dass er uns rettet, unsere Seele und die ganze Welt heil macht, zusammenbringt und unendlich schön werden lässt.

 

Diese Botschaft vom rettenden Gott soll freilich auch bei uns einem Umdenken führen. Was wir brauchen, was uns unendlich wohl tut, das sind doch die guten Worte, das Tröstliche, das Aufbauende. Ich meine nicht das verlogene Schönreden. Ich meine nicht das konfliktscheue Es-Allen-Recht-Machen. Ich meine das wirklich Aufbauende. Wenn Gott ein Gott des Rettens und nicht des Richtens ist, dann sollen auch wir zu solchen Menschen werden, die es gut miteinander meinen, wirklich gut – und nicht in erster Linie aus der Sicht der vermeintlich Überlegenen andere richten. Statt κρίνω! Ich unterscheide, ich kritisiere, ich richte: σώσω! Ich rette! Ich heile! Das Den-Anderen-Verurteilen, für immer in eine Schublade-Stecken, dass sich vor dem eigenen Gewissen gern die Ausrede der „notwendigen Kritik“ gibt, kann schlimm verletzen, und ist oft der Grund für tiefe Gräben. Auch in der Kirche – und zunehmend in der Kirche! -  wird rücksichtsloser, egoistischer und selbstgerechter miteinander umgegangen. Ich nehme mich da gar nicht aus und erschrecke davor. Wen interessiert noch, was ein anderer denkt oder fühlt? Die eigene Meinung wird absolut gesetzt. Natürlich muss Kritik sein, aber – und das wäre mein Motto für das nächste Jahr: „Man sollte dem anderen die Wahrheit wie einen Mantel hinhalten, dass er hinein schlüpfen kann, und sie ihm nicht wie einen nassen Lappen um die Ohren schlagen. (Max Frisch)“.

 

Dafür brauchen wir Experten und Expertinnen: im Aufbauen, im Wertschätzen, im Wahrnehmen und Ernstnehmen. Nicht im Durchsetzen menschenfeindlicher Konzeptionen oder Programme, die am grünen Tisch entstanden sind.

 

„Denn euch ist heute der Heiland geboren.“ :

 

Lasst uns versuchen, uns nicht gegenseitig mit Aburteilungen und Schuldzuweisungen zu übertrumpfen, dass es immer andere sind, die etwas falsch machen und uns arme unschuldige Menschen verfolgen;

 

lasst uns versuchen, uns gegenseitig mit Toleranz, mit Einfühlungsvermögen, Achtsamkeit, und Vergeben zu übertrumpfen, mit dem richtigen Wort zur richtigen Zeit, das ein anderer aufnehmen kann  und ihn aufrichtet.

 

Lasst uns versuchen, noch einmal und noch einmal und noch einmal anderen etwas zu erklären, zuzuhören, Verständnis aufzubringen, sich mutig zu wehren, wenn andere Vorurteile und Aburteilungen vertreten.

 

Lasst uns in einen Wettbewerb treten nicht ums Rechthaben, sondern ums Aufrichten von solchen, die es nötig haben.

 

Das ist im Sinne des Kindes in der Krippe, des Heilands der Welt:

σώσω! Ich rette! Ich heile“ Statt κρίνω! Ich verurteile.

 

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn.

 

Amen. 

 

 

 

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© Ev. Kirche Bad Lippspringe 31.12.06