
Einen Funken mehr Vertrauen
Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis - 12. August 2007
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
V.REIHE: JOHANNES 4, 19-26
DIE FRAU AUS SAMARIEN spricht zu Jesus: „Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Unsre Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll.“ Jesus spricht zu ihr: „Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr wisst nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden. Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“
Spricht die Frau zu ihm: „Ich weiß, dass der Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn dieser kommt, wird er uns alles verkündigen.“ Jesus spricht zu ihr: „Ich bin’s, der mit dir redet.“
Friede sei mit und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
Jesus redet in aller Öffentlichkeit an einem Brunnen mit einer Frau
aus Samarien. Das hört sich noch gar nicht so sensationell an: ist es
aber. Einem gläubigen Juden war es nämlich streng genommen verboten,
mit einer Frau – sogar mit seiner eigenen Ehefrau – auf der Straße zu
reden. Und zwischen den Samaritern und den sonstigen Juden bestand
sowieso das große Schweigen, zu abgrundtief waren die Unterschiede in
Glaube und Lehre. Für die einen war das zentrale Heiligtum der
Garizim, für die anderen der Tempel in Jerusalem. Und wegen dieser
Streitigkeiten brannte schon mal eines der Heiligtümer ab. So war das
damals, so ist das leider auch noch heute. Streit und Hass aus
Glaubens-Fanatismus ist mit das Schlimmste, was es zwischen Menschen
gibt. Glaubens-Fanatismus macht blind, ist immer Gotteslästerung,
unmenschlich, aber leider auch immer noch wirksam, wirkt wie ein
schleichendes Gift über Generationen hinaus. Jesus – und ist es
wichtig zu betonen: der JUDE Jesus – überwindet dieses schlimme Gift
auf eine verblüffend einfache Weise: Er unterhält sich einem Menschen,
mit dem man eigentlich nicht sprechen darf. Der Mensch, die
menschliche Begegnung, sie steht über allem Trennenden. Eigentlich
etwas, was jede Religion im Zentrum ihrer Lehre kennt - Jesus wendet
dies einfach an. Setzt es in die Tat um. Er fragt, ist interessiert,
ist offen, ist ganz bei sich und erzählt von sich. Keine Spur von
Belehrung ist in seinen Worten, kein erhobener Zeigefinger. Er teilt
mit, was ihn ausmacht, wer er ist: nämlich der Weg, die Wahrheit und
das Leben. Ganz unspektakulär. Er bringt der Frau die Wahrheit,
nämlich sich selbst, so nahe, dass die ihn versteht.
Was ist aber nun die Wahrheit? Wer hat Recht? Damals die Samariter mit
ihrem Garizim – oder die Judaä mit Jerusalem? Jesus beantwortet die
Frage nicht. Wer so fragt, will nicht Trennung überwinden, sondern
Recht behalten. Will nichts dazulernen, will keine neue Perspektive,
will nicht „dass der Himmel sich öffnet“ und sich eine neue
Wirklichkeit erschließt, sondern will einfach nur, dass es weiter
Gewinner und Verlieren gibt – und alles so bleibt, wie es ist.
Glaube aber – in welcher Religion auch immer – schaut über den
Horizont. Erweitert die begrenzte Sichtweise des eigenen Ichs, das
nicht aus der eigenen Haut kann. Gott ist Geist – Gott ist ganz
anders. Gott überwindet das Trennende, das Unversöhnte. GOTT ist die
Wahrheit – und eben nicht die EIGENEN Ideen und Überzeugungen, so
ehrenhaft die auch immer sind.
Im Glauben sind Engel möglich, die beschützen und bewahren, da gibt es
die Visionen von einem neuen Himmel und einer neuen Erde, da gibt es
starke Hoffnung auf ein Leben ohne Gewalt und ohne Hass, da zerfließen
Mauern und Grenzen. Solcher Glaube ist in allen Religionen zu finden –
nur wir er viel zu wenig gelebt.
Auf der Suche nach solchem Glauben, der einem einen festen Stand gibt,
gegen alle Vorurteilen, gegen allen Hass an die eine beschützende,
kräftige und zukunftsweise Macht allumfassender Liebe einzutreten –
auf der Suche nach solchem Glauben sind wir doch alle. Wo ist der, der
uns den Weg zu solchem Glauben zeigt?
Jesus sagt: Ich bin’s. Das ist nicht ausschließend gemeint. Das ist
eine Einladung, ein Angebot. Jesus sagt: Schau auf mich. Erkenne dich
in deinem Suchen in mir wieder. Erkenne dich mit deiner Geschichte in
mir. Auch ich bringe meine Geschichte mit. Sie ist nicht so ganz
anders als deine Geschichte.
Als Christen sind wir Teilhaber an der Geschichte Gottes mit seinem
Volk. Daran, dass er einen Bund, einen Vertrag geschlossen hat. Aber
keinen Vertrag, wie wir ihn kennen: Beide Seiten verpflichten sich zu
etwas und wenn jemand seinen Verpflichtungen nicht nachkommt, wird der
Vertrag hinfällig. Gottes Vertrag ist einseitig. Gott hält seine
Verpflichtungen. Er rettet und segnet - und der Vertrag ist eben nicht
aufgehoben, wenn wir wieder einmal versagen.
Die Taufe ist der neue Bund, der uns heute viel näher liegt als das,
was vor tausenden vor Jahren auf dem Sinai passiert ist. EG 200,
Strophe 4: „Mein treuer Gott, auf deiner Seite, bleibt dieser Bund
wohl feste stehn; wenn aber ich ihn überschreite, so lass mich nicht
verlorengehn.“ Das heißt doch: Solange Gott zu seinem Bund steht, kann
mir nichts geschehen. Da wird er mir seine Engel schicken, und sie
werden mich begleiten und bewahren.
Freilich schickt Gott nicht nur solche Schutzengel, er sagt auch
schon, wo es denn lang gehen soll: Es gibt die 10 Gebote, es gibt die
Heiligkeit Gottes. Gott will ernstgenommen werden: Er hat die Macht,
zu retten und das Böse zu vernichten, er kann das, was gefährlich ist,
zerstören und das, was klein und schwach ist, vernichten. Für die
Juden war allein der Gottesname so gewaltig, dass er nicht
ausgesprochen werden durften. Und niemand kann den Anblick Gottes
ertragen, weil von Gott eine solche unglaubliche Kraft ausgeht, dass
augenblicklich geblendet wird, wer Gott anschaut. Das ist übrigens
beim Gott Jesu Christi ganz genauso. Das muss auch so sein - denn wäre
Gott nur ein alter, lieber Mann mit Bart sonnig lächelnd auf einer
Wolke: er könnte kaum die Schwachen beschützen und die Gefahren
abwenden. Er wäre kein verlässlicher Bundespartner, den man sich als
Retter und Sieger aussuchen würde.
Jesus ist es, der sich selbst anbietet. Mit offenen Armen und offenem
Herzen. Wir sind wie die Frau am Brunnen irgendwo in Samarien.
Eigentlich unmöglich, dass er mit UNS spricht. Eigentlich ein
Tabu-Bruch ohnegleichen. Wir skeptischen, vernunftgeleiteten Menschen
- und dann Gottes Stimme. Eigentlich unmöglich – „doch kein Ding ist
unmöglich, dem, der glaubt“ …
Haben wir doch einfach einen Funken mehr Vertrauen, dass unser Glaube
uns tragen wird. Dass wir nicht Gott missbrauchen müssen, um uns
gegenüber anderen aufzuspielen und ihnen die „Wahrheit“ eintrichtern
wollen. Lasst uns einfach einander begegnen, so wie Jesus und die Frau
am Brunnen. Auf Augenhöhe. Indem wir neugierig zuhören. Kritisch
hinterfragen, aber nicht aburteilen. Dem Geist des Verstehens und der
Versöhnung mehr trauen als dem, was wir gewohnt sind. Nehmen wir uns
und unseren so beschränkten Horizont nicht so wichtig. Vertrauen wir
den gemeinsamen Wurzeln und der gemeinsamen Zukunft. Das ist der
Geist, der das Leben lebenswert macht, weil er uns in den Himmel
schauen lässt.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Jesus Christus unserm Herrn. Amen.
Kollektengebet
Vater im Himmel, du Gott Abrahams, Isaaks, und Jakobs,
Du hast dein Volk Israel zum Zeugen deines Namens in der Welt erwählt
und bleibst ihm treu.
Durch Jesus Christus hast du uns gerufen zum Glauben an dich und uns
zu deiner Kirche gemacht.
Wir bitten dich: Leite uns durch deinen Geist,
damit auch wir erkennen, was zum Frieden dient.
Der du im Heiligen Geist lebst und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen.
Fürbittgebet
So spricht Gott, der Herr: „Ihr sollt mein Volk sein, und ich will
euer Gott sein.“ Lass uns zu ihm beten:
Wir danken dir, Herr, denn du bist freundlich,
und deine Güte währet ewiglich.
Gott, du hast dir in Abraham und Sara das Volk Israel erwählt; du hast
es gesegnet und durch die Zeiten geführt; du hast ihm trotz Unglauben
und Ungehorsam deine Liebe erwiesen - immer aufs neue, bis heute.
Du hast dir in Jesus Christus die Kirche, ein Volk aus allen Völkern,
erwählt; du hast sie gesegnet und durch die Zeiten geführt; du hast
ihr trotz Unglauben und Ungehorsam, auch trotz ihrer Schuld deine
Liebe erwiesen - immer aufs neue, bis heute.
Du bist ein unbegreiflich freundlicher Gott. Hilf uns allen, dein Volk
zu werden, das dir deine Güte dankt durch Taten der Gerechtigkeit und
des Friedens.
Mit Israel, deinem Augapfel, warten wir auf deinen neuen Himmel und
deine neue Erde.
Mit Israel warten wir, dass die Tränen der vielen getrocknet werden,
dass Leid, ja, der Tod ein Ende hat.
Wir bitten dich:
Schon heute schick uns und deiner ganzen Welt Zeichen, dass heute
schon die Tränen getrocknet werden, dass heute schon satt werden, die
wir hungern ließen,
dass heute schon getröstet werden, die, die um einen lieben Menschen
trauern,
dass heute schon umarmt werden, die auf Liebe warten.
Gott, mit Israel deinem Augapfel, warten wir auf deine neue Welt. Hilf
uns, die Wartezeit in deinem Sinne zu nutzen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 12.08.07