
Christus, der Arzt, der heilen kann
Predigt zum 12. Sonntag n. Trinitatis - 26. August 2007
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
V. Reihe : Markus 8,22-26
Jesus und seine Jünger kamen nach Betsaida.
Und sie brachten zu ihm einen Blinden und baten ihn,
dass er ihn anrühre.
Und er nahm den Blinden bei der Hand
und führte ihn hinaus vor das Dorf,
tat Speichel auf seine Augen,
legte seine Hände auf ihn und fragte ihn: „Siehst du etwas?“
Und er sah auf und sprach:
„Ich sehe die Menschen, als sähe ich Bäume umhergehen.“
Danach legte er abermals die Hände auf seine Augen.
Da sah er deutlich und wurde wieder zurechtgebracht,
so daß er alles scharf sehen konnte.
Und er schickte ihn heim und sprach:
„Geh nicht hinein in das Dorf.“
Jesus ist zu Beginn unserer Geschichte mit seinen Jüngern auf der
Durchreise durch das kleine Dorf Betsaida. Die Einwohner haben sich
versammelt und stellen ihm einen Blinden gegenüber: den soll er
heilen, eben so im Vorübergehen seine Wunderkräfte beweisen. Da steht
plötzlich dieser arme Mann, ganz allein Jesus gegenüber.
Auf der anderen Seite die Menschenmenge, erwartungsvoll und neugierig.
Nun mach mal! Nun hilf diesem armen Menschen!
Kennen Sie nicht auch so eine Situation? Da stehen wir plötzlich einem
Menschen gegenüber, der Hilfe braucht. Da ist die Nachbarin, um die
sich keiner kümmert und jemand sagt zu ihnen: „Gehen Sie doch einmal
hin!“ Da ist der Arbeitskollege, der Schulkamerad, der Probleme hat,
und die anderen sagen: „He, lad ihn doch mal ein, du machst das
schon!“ Wir zögern, spüren den Erwartungsdruck, wissen nicht recht:
sollen wir etwas tun? Was denken die Leute über uns? Sehen wir doch,
wie Jesus sich verhält: er nimmt den hilflos herumstehenden Blinden an
der Hand und führt ihn vor das Dorf, weg von den Menschen. Einen
hilflosen Menschen muss am zunächst bei der Hand nehmen, muss sich und
den anderen wegbringen von den Erwartungen, der Neugierde der anderen.
Das ist das Naheliegendste und Einfachste dazu. Manchmal ist dieses
„Bei-Der-Hand-Nehmen“ schon der Beginn der Heilung. Auf jeden Fall
wird da Heilung möglich, wo man sich aufeinander einlässt, sich Zeit
für einander nimmt.
Jesus heilt, indem er seinen Speichel auf die Augen des Blinden tut,
seine Hände auf ihn legt und fragt: „Siehst du etwas?“ Das mit dem
Speichel soll uns nicht stören, das gehörte damals zur ärztlichen
Kunst. Wichtiger ist die Frage Jesus: „Siehst du etwas?“ Bei unseren
Ärzten ist es genau anders herum. Die fragen: „Na, wo fehlt es uns
denn?“ Und es ist wohl noch keiner auf den Gedanken gekommen, diesen
armen Blinden zu fragen, was er sieht.
Doch Jesus, der Arzt, der heilen kann, tut dies. Und deshalb, liebe
Schwestern und Brüder, ist dies eben eine Heilungs- und keine
Krankheitsgeschichte. Jesus fragt nicht dem, was der Mensch kann - und
nicht nach seinem Mangel. „Ich sehe die Menschen umhergehen, als sähe
ich Bäume.“ So antwortet der Blinde.
Ja, ich kann sehen, begreift er. Jesus, der Arzt der heilen kann, der
ihn bei der Hand genommen hat und ihm damit Vertrauen geschenkt hat,
er zeigt ihm: „DU KANNST.“ Und der Blinde sagt eben nicht: „Meine
Sicht ist noch mangelhaft“ - sondern begreift: „ICH SEHE. Ich sehe
Menschen. Ich erkenne das Wesentliche.“
Liebe Schwestern und Brüder, wie oft sehen wir mit unseren gesunden
Augen eben nicht das Wesentliche. Wie oft sehen wir die Menschen
nicht, die mit uns leben. Gesundsein und Heilsein sind zwei ganz
unterschiedliche Dinge. Jesus, der Arzt, tut unendlich viel mehr als
nur das Organ Auge zu reparieren.
Heilen heißt, den Menschen das Wesentliche erkennen zu lassen. Er ist
- trotz aller Mängel - in Ordnung, angenommen von Gott. Er befindet
sich nicht einer Krankheits- sondern in einer Gesundungsgeschichte.
Auch das unscharfe Sehen ist ein Sehen, ist ein Geschenk, ist ein
Teilnehmen am Leben. Dafür können wir dankbar sein.
Wie oft blicken wir auf unsere Mängel, auf unser Blindsein und meinen,
dies verstecken zu müssen. Merken vielleicht gar nicht, dass wir für
die Liebe, die Lebensfreude, das Vertrauen gar nicht mehr offen sind.
Wir brauchen jemanden, der uns bei der Hand nimmt und erst einmal
dorthin führt, wo wir mit ihm allein sein können. Wo wir uns der Frage
stellen können: „Was sehe ich eigentlich?“ Jesus will bei uns bleiben,
wenn wir den Mut zu dieser Frage haben. Seine Nähe macht, dass wir
nicht erschrecken vor der Dunkelheit, sondern das Licht erkennen, das
jedem von uns scheint: „DU bist ein Mensch, geliebt von Gott. Um dich
herum sind andere Menschen. Sie sind nicht besser und nicht schlechter
als du. Gebrauche den richtigen Maßstab: Du bist heil, ganz. Dein
Wesen ist in Ordnung gebracht.“ Dafür ist Jesus gestorben und
auferstanden. Du meinst, nur unvollkommen zu sehen? Nein, mein Freund,
das Wesentliche ist klar und eindeutig: DU bist ein von Gott geliebter
Mensch.“
Ich bin ganz sicher, liebe Schwestern und Brüder, wir werden alle viel
öfter bei der Hand genommen, für vollwertig und liebenswert erachtet,
als wir wahrnehmen oder uns eingestehen. Statt zu jammern: um uns
kümmert sich ja keiner und immer nur auf eigene Mängel und
Unzulänglichkeiten zu starren, lassen wir uns doch einmal auf diese
Hand ein, die uns führen will: auf Christus, den Arzt, der heilen
kann, der - endlich! - nicht fragt: „Wo fehlt es uns denn?“ sondern
davon ausgeht: es fehlt gar nichts - sag mir, was siehst du? Wer so
nur ein bisschen Mut, ein bisschen Vertrauen aufbringt, wer sich
hineinfallen lässt in die geöffnete Hände Gottes, der erfährt: Ja, ich
kann ja sehen: ich sehe Menschen, lebendige Menschen. Gott sagt JA zu
mir, auch ich JA zum Leben, JA zu mir sagen. So ist es gut, heil zu
werden.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 27.08.07