Liebe Gemeinde,

haben Sie Ihren Weihnachtsbaum schon abgeschmückt, gestern vielleicht, am Samstag? Oder steht Ihr Baum noch? Haben Sie ihn stehengelassen, gerade auch bis gestern, bis zum 6. Januar, bis zum Epiphaniastag?

Epiphanias- Fest der Erscheinung des Herrn. Jesu Herrlichkeit, seine Gottessohnschaft, das Licht, das er bringt, wird deutlich offenbar- in seiner Taufe. Eigentlich ist es der alte Weihnachtstermin, bis die Westkirchen den 24. Dezember zum Weihnachtstag machten. Und so wird in den Kirchen des Ostens bis heute am 6. Januar die Geburt Jesu gefeiert.

Die Sternsingerinnen und Sternsinger unserer katholischen Nachbarn bringen auch zu uns an diesem Tag noch mal etwas Weihnachten.

C-M-B: Caspar, Melchior, Balthasar, könnte man meinen. Aber ihre Botschaft lautet: Christus mansionem beneficat. Christus segne dieses Haus. Weihnachten bringt Segen für das ganze nächste Jahr.

Also, liebe Gemeinde, ich weiss nicht, wieviel „Weihnachten“ bei Ihnen noch ist. Aber ob viel oder wenig: Die Überschrift für unseren heutigen Predigttext lautet so oder so: Kaum ist das Kind auf der Welt, wird es auch schon getauft.

Und so verlassen die Worte aus dem Johannnesevangelium die Bilder und Gefühle der Weihnachtszeit, führen uns statt in kalte Nächte auf Feldern in Bethlehem in die Hitze eines Sommertages am Jordan.

Ich lese aus Joh 1, 29-34:

Am nächsten Tag sieht Johannes, daß Jesus zu ihm kommt, und spricht: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt! Dieser ist's, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der vor mir gewesen ist, denn er war eher als ich. Und ich kannte ihn nicht. Aber damit er Israel offenbart werde, darum bin ich gekommen, zu taufen mit Wasser. Und Johannes bezeugte und sprach: Ich sah, daß der Geist herabfuhr wie eine Taube vom Himmel und blieb auf ihm. Und ich kannte ihn nicht. Aber der mich sandte, zu taufen mit Wasser, der sprach zu mir: Auf wen du siehst den Geist herabfahren und auf ihm bleiben, der ist's, der mit dem heiligen Geist tauft. Und ich habe es gesehen und bezeugt: Dieser ist Gottes Sohn.

Liebe Gemeinde,
Jesus ist erwachsen geworden. Und jetzt ist es kein Engel vom Himmel, der ihn ankündigt, sondern ein Mensch. Johannes der Täufer, so wird er genannt nach dem, was er tut: Menschen untertauchen, bereit machen für ein neues Leben.

Vielleicht denken Sie jetzt an den Johannes der anderen Evangelien. Der ist ein feuriger, flammender Bußprediger. Dieser Johannes hier spricht anders: nicht drohend, sondern erklärend. Er gibt weiter, was ihm im Glauben deutlich geworden ist. Jesus ist,so wie er zum Jordan kommt, viel mehr als alles, was vorstellbar ist. Johannes der Täufer, der mit seinem Zeigefinger unübersehbar auf Jesus deutet- aus diesem Evangelium stammen die Darstellungen auf Kirchenfenstern und Bildern.

Diesem Johannes und seinen Worten bin ich- und vielleicht geht es Ihnen auch so- diesem Johannes bin ich viel näher als dem Bußprediger. Dieser hier sagt über Jesus- ein paar Sätze vor unserem Text: „Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“

Immer wieder, je und je, Gnade wie wir sie brauchen, für alle. Ich finde diesen Satz klasse.

Und auch Johannes Art, über seinen Glauben zu sprechen, finde ich bemerkenswert. Zweimal sagt er über Jesus: Ich kannte ihn nicht- und dann geht sein Glaube weiter, ergreift ein Stück mehr Erkenntnis.

Glaube wächst: damals bei Johannes und heute bei uns.

Von diesem Täufer stammt auch das Bild vom Lamm: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt“. Gleich beim Abendmahl werden wir es singen.

Gottes Lamm, Gottes Opferlamm. Viele Theologen-mehr als Theologinnen- haben etwas dazu gesagt. Viele Christinnen und Christen haben inzwischen Mühe mit dieser früher so selbstverständlichen Redeweise. Ich schließe mich dabei nicht aus.

Vielleicht machen einige wenige Gedanken das Bild verstehbarer, besser nachzufühlen.

Jesus als wehrloses, vor allem: als schuldloses Lamm, als Opfer: das bedeutet ganz sicher: Gott steht auf der Seite der Opfer. Wo immer Menschen gequält, erniedrigt, gefoltert oder getötet werden, ist Gott bei ihnen, nicht bei den Tätern: das gilt in den KZs des dritten Reiches genauso wie in Guantanamo, das gilt damals so so gut wie heute. Für uns als Christinnen und Christen heißt das aber auch: Wo immer Menschen zu Opfern gemacht werden, ihrer Würde beraubt, müssen wir im Namen Jesu unsere Stimme erheben, im großen und im Kleinen, in der Politik und in der Nachbarschaft.

Jesus als Opferlamm: das heißt aber auch: Gott gibt sich selber hin, uns zugute. Denn: wo wir andere zu Opfern machen, wissentlich oder unwissentlich- und wie oft geschieht das- sind wir auf Vergebung angewiesen, auf Gottes Gnade. Und dabei wird kein böser Gott durch dieses Opfer gnädig gestimmt. Sondern im Gegenteil: der gnädige Gott lässt es mit dem Tod dieses Einen, mit seinem eigenen Tod, für uns alle gut sein.

Dass jemand sich so ganz hingibt für andere, das kennen wir vielleicht eher aus Filmen oder Büchern. In allem, was Harry Potter geschieht, ist die Hingabe seiner Eltern für ihn das Lebensbestimmende. Aber auch im wirklichen Leben kommt es vor, so beim Kreis um den 20. Juli 1944.

Dass Jesu Hingabe „für uns“ über Zeiten und Räume hinweg gilt, das erfahren wir im Glauben. Wir erfahren es miteinander beim Abendmahl. Und Gott hat es uns bei unserer Taufe versprochen und geschenkt.

Johannes sagt, nach der Taufe Jesu, die Jesus mit dem Geist Gottes erfüllt: Dieser ist Gottes Sohn.

Paulus sagt: Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.

Mit unserer Taufe, an die der heutige Sonntag eben auch erinnern will, haben wir Gottes Geist bekommen. So werden wir zu Schwestern und Brüdern Jesu, zu Gottes Kindern und seiner Familie.

Wie sollte Gott seinen Kindern nicht beistehen, sich nicht für sie hingeben, sie nicht lieben und ermutigen?

Steht Ihr Weihnachtsbaum noch, liebe Gemeinde?

Sie können ihn getrost abschmücken. Das Licht, das er verbreitet hat, tragen Sie bis zum nächsten Weihnachtsfest mit sich.

Sie sind, wir alle sind getauft.

In unserem Taufwasser spiegelt sich das Licht Gottes wieder.

Im Taufwasser haben wir etwas von dem Licht der heiligen Zeit, von dem Geist bekommen, der uns zu Kindern Gottes macht, zu Schwestern und Brüdern Jesu.

Frohe Epiphaniaszeit wünsche ich uns allen. Amen.

 

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© Ev. Kirche Bad Lippspringe 16.01.07