
Und wir gehören nicht dazu?
Predigt zum 1. Sonntag nach Trinitatis, 10. Juni 2007
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
V. Reihe: Matthäus 9,35-38;10,1-7
Simon, genannt Petrus, und Andreas, sein Bruder; Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und Johannes, sein Bruder;
Philippus und Bartholomäus; Thomas und Matthäus, der Zöllner; Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus;
Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn verriet.
Wir gehören nicht dazu.
Zum Glück nicht, denn dieser Auftrag, mit dem die 12 da ausgesandt
werden, klingt wie eine maßlose Überforderung. Das Himmelreich
verkünden, Tote auferwecken, Aussätzige rein machen, böse Geister
austreiben....
Die Männer, denen so etwas zugemutet wird, müssen schon ganz besondere
Menschen gewesen sein.
Nicht so wie wir hier, heute. Und außerdem, unsere Kirchen haben doch
eher mit schwindenden Zahlen zu kämpfen, unser Problem ist doch nicht
so sehr, dass die Ernte zu groß ist, also die Menschen sich drängeln
würden nach Kirche, nach Glauben, nach dem Hören von Gottes guter
Nachricht.
Zwölf Namen sind uns überliefert von damals, große Namen, auf die wir
mit großem Respekt und großer Ehrfurcht blicken. Auf englisch würde
man sagen, sie alle sind: larger than life – größer als das Leben,
über-lebensgroß.
Na, vielleicht doch nicht alle, wenn man den Verräter Judas Iskariot
abzieht bleiben 11 Namen von bewundernswerten Männern!
Simon genannt Petrus – na ja, das war doch auch der, der Jesus in der
Gefahr im Stich ließ, behauptete: ich kenne den gar nicht, nie
gesehen! In der Nacht, im Hof des Hohepriesters, als Jesus verhaftet
worden war, als Petrus zwar neugierig war, was geschehen würde, aber
vor allem Todesangst hatte. Der Hahn krähte dreimal und Petrus merkte,
was er getan hatte.
Er hatte seinen Mund vorher sehr weit aufgerissen, hatte behauptet:
für dich Jesus, gehe ich in den Tod! Und nun hatte er Jesus verleugnet
und sich selbst verraten.
Und das nicht zum ersten Mal. Wagemutig ließ er sich von Jesus rufen,
über das Wasser zu gehen, bekam mittendrin Angst, versank in den
Wellen und wäre ertrunken, wenn Jesus ihn nicht gehalten hätte. Petrus
konnte vor dem, was er selbst gesagt hatte, nicht bestehen.
Bleiben also noch 10 Namen. Matthäus zum Beispiel. Ein Kollaborateur
mit den Besatzern, Zöllner von Beruf, da gehörte es dazu, nach oben zu
buckeln und nach unten zu treten. Von den Armen zu nehmen und den
Reichen zu geben. Auch er keine Zierde der Apostelschar.
Aber wir haben ja noch neun andere Namen.
Jakobus und Johannes, zwei Brüder. Zusammen mit ihrer Mutter wollten
sie sich schon einmal Ehrenplätze im Himmelreich reservieren, die
Logenplätze sozusagen. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Der frühe Vogel
fängt den Wurm. Das hab ich mir doch wohl verdient! Arrogant und
überheblich wollten Jakobus und Johannes über den anderen stehen. Sie
hatten wenig von dem begriffen, was Jesus erzählt und gelebt hat.
Da waren‘s nur noch sieben. Wie etwa Thomas. Der nicht glauben konnte,
was er nicht selbst sah. Der nicht glauben konnte, was er nicht selbst
mit seinen Händen begreifen konnte. Thomas, der Zweifler.
Und wir gehören nicht dazu?
Im Kreis dieser Apostel fühle zumindest ich mich ganz gut aufgehoben.
Jesus wählt Judas, Matthäus, Jakobus, Johannes, Maria, Petrus und
Thomas aus. Ausgerechnet ihnen traut er zu, in seinem Namen zu
handeln.
Nicht etwa in Ermangelung besserer Alternativen.
Ausgerechnet ihnen vergab er den wichtigsten Auftrag, den er überhaupt
vergeben konnte: von Gott reden. Mitten im Alltag, mitten in der Welt.
Und so zu handeln, dass ihre Rede von Gott auch anschaulich und
verständlich würde. Sie sollten die Menschen befreien von dem, was
krank macht, niederdrückt und verzweifeln läßt.
Und wie ist es den Jüngern ergangen mit diesem Auftrag?
Sie sind jämmerlich gescheitert, an vielen Ecken und Enden.
Weil sie nicht für möglich hielten, dass Gott wirklich Leben ändert.
Weil sie es sich nicht zutrauten, in Gottes Namen zu handeln.
Aber auch nach ihrem Scheitern entläßt Jesus sie nicht aus dem Dienst.
Sagt er nicht, na ja, war ja auch vielleicht eine Überforderung,
bleibt mal schön zusammen hier, in unserer kleinen schützenden
Gemeinschaft von Jüngern.
Er mutet ihnen weiterhin die Realität zu. Er schickt sie weiterhin in
den Alltag, in die Welt, um von Gottes befreiender Wirklichkeit zu
erzählen, sie zu leben und in ihrer Vollmacht zu handeln.
Und wir gehören nicht dazu?
Die Ernte ist nicht weniger geworden. Menschen sind immer noch ohne
Orientierung, wie zerstreute Schafe, Menschen leiden immer noch unter
Unterdrückung und Unrecht, unter Besatzern, Menschen sind immer noch
verzweifelt, krank und unfrei.
Die Ernte ist nicht weniger geworden. Wir dürfen nur nicht die
Unterkunft der Arbeiterinnen und Arbeiter mit dem Erntefeld
verwechseln. Die Ernte ist weiterhin groß, aber die Arbeiter sind
weniger geworden.
Können wir sagen, wir gehören nicht dazu? Weil wir uns für unfähig
halten, für zu klein, zu alt, zu jung, zu wenig, zu unwürdig? Oder
weil wir keine Worte für Gott finden, oder doch auch zweifeln?
Gehören wir deshalb nicht zu denen, die in Gottes Namen mitten in die
Welt hinein geschickt sind?
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 13.06.07