Liebe Gemeinde,
kennen Sie das auch: Manchmal, wenn wir Worte hören, nur Worte, aber
Worte, die von Herzen kommen- dann gehen diese Worte auch zu Herzen.
Dann geschieht das wirklich, von dem die Worte ja eigentlich nur reden
können.
„Ich liebe dich“- Hat das einmal jemand zu Ihnen gesagt? Und im Hören
dieser Worte, im Leuchten unserer Augen, im Ziehen in unseren Bauch
wirkt dieser Satz, entsteht ein weiter Raum, gefüllt mit – Liebe.
„Ich denke an dich“: die Einsamkeit weicht zurück vor einem Mantel aus
Nähe, der sich um uns legt. „Ich denke an dich.“
Und so ist auch das Jesaja-Wort für heute- vielleicht kann geschehen,
ein wenig, aber zu spüren, wenn es spricht und wahr wird: „Tröstet mein
Volk, spricht euer Gott“.
Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr, daß ihre Knechtschaft ein Ende hat, daß ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden. Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hat's geredet.
Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk! Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.
Liebe Gemeinde,
„tröstet mein Volk“- so spricht einer, der es gut mit uns meint. „Redet
mit Jerusalem freundlich“- so freundlich ist der, der da spricht,
selber.
Konnten Sie es hören? Dass da einer spricht, der zu mir steht? Der mir
zuhört; mich auffängst und aufrichtet? Einer, der mir Leben und Neues
zutraut- in allem Verletzten und Verlorenen.
Denn: Trost braucht, wer etwas verloren hat: einen Menschen, den wir
lieben. Verloren vielleicht: die Gesundheit, die uns am Leben teilhaben
lässt in aller seiner Fülle. Verloren vielleicht: einen Lebensplan, eine
Hoffnung, die uns die Richtung gab, ein Ziel, zu dem wir streben.
Trost braucht, wer etwas verloren hat.
Jesaja, der Prophet, der Ansager des Willen Gottes, spricht seine Worte
zu Israel, dem Volk, das wahrhaftig viel verloren hat. Der Herrscher
Babylons, Nebukadnezar, hat die jüdische Oberschicht deportiert ins
Zweistromland, in den heutigen Irak, in die babylonische Gefangenschaft.
An den Wassern Babylons trauerten sie dem Verlust von Heimat und Tempel
nach, bis ihre Tränen zu Ende geweint waren und fast jede Hoffnung auf
Rückkehr in das Land der Väter geschwunden war. Generationen vergingen.
Da macht das Gerücht die Runde, dass der Perserkönig Kyros Babylon
besiegen wird. Und wirklich: Der neue Herrscher lässt die Nachfahren der
Gefangenen, der Exilierten, in die alte Heimat ziehen. „Rede mit
Jerusalem freundlich. Und prediget ihr, das ihre Knechtschaft ein Ende
hat“. Jesajas Trost ist im Herzen und im Leben Israels wahr geworden.
Gott hat sein Volk nicht vergessen. „Das Gras verdorrt, die Blume
verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich“. Am Ende bleibt
Gottes Wahrheit- er steht zu seinem Volk.
Und wir heute, liebe Gemeinde? „Tröstet mein Volk“- so spricht einer,
der es gut mit uns meint. Aus dem Wesen, dem Herzen Gottes kommt dieses
Wort.
Ich treffe auf Menschen, die mir erzählen.
Von der Freundlichkeit Gottes, die sie erlebt haben in ihrem Leben, von
Gott, der bei ihnen war, in schwerer Krankheit, zu ihnen gestanden, bei
ihnen gestanden hat. Menschen erzählen mir vom Trost Gottes.
Menschen kommen zu mir, die suchen diesen Trost. Sie suchen die
Freundlichkeit Gottes, sie suchen Gott und seine Nähe. Vielleicht
besonders im Advent, gerade an Weihnachten. Wo viele andere so froh, so
getröstet sind.
Dann gehen wir gemeinsam auf die Suche. Wir versuchen zu zweit, Gottes
versprochenen Trost zu finden. Und wenn wir losgegangen sind, dann
finden wir meist, eigentlich immer, erst einmal etwas anderes, etwas,
wovon die Worte Jesajas auch sprechen: Berge, Täler, Hügel.
Wir finden Berge, Berge aus Sorgen. Und wir finden Täler, Abgründe, die
das Leid eingekerbt hat. Wege scheint es oft nicht zu geben zwischen
diesen Bergen und Abgründen. Die Richtung ist schwer zu halten. Wo ist
Trost? Was kann den Menschen, was kann Ihnen, was kann mir helfen, ihn
zu finden? Wie können wir Gott und seinem Trost den Weg bahnen, bei
anderen, bei uns?
Andere zu trösten, das mag leichter sein. Freundlich miteinander reden,
die Trauer der anderen anhören, nicht kleinreden, nicht sagen: Kopf,
hoch, wird schon wieder. Lieber fragen: Was macht dich traurig? Was
brauchst du jetzt? Die Antwort hören: Dass da ein Mensch ist, der micht
hört und hält, ein Mensch an meiner Seite, der mit mir aushält. Das ist
oft wohl genug. Im kleinen, menschlichen, so tröstlich handeln wie Gott:
das bricht auch Gott bei anderen Bahn. Das macht Sorgenberge kleiner,
macht Abgründe überquerbar.
Und wenn wir selber Trost suchen? Dann gilt wohl: Zuerst dem Abgrund der
Trauer einen Namen geben. Was einen Namen hat, erschreckt weniger. Dem
Berg der Sorgen eine Höhe zumessen. Was abgemessen ist, kann nicht mehr
wachsen.
Auch: Freundlich mit mir selber sprechen. Tränen zulassen, damit ich
wieder lächeln kann.
Und manchmal: einfach aushalten, was vielleicht kaum auszuhalten ist.
Denn am Ende bricht Gott sich selber Bahn. „Alle Täler sollen erhöht
werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was
uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; denn die
Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden.“.
Für uns Christinnen und Christen ist Weihnachten der Anfang dieses
Weges, auf dem wir dann gehen können.
Liebe Gemeinde,“tröstet, tröstet mein Volk, spricht der Herr!“ Dieses
Wort tröstet uns, und es macht Mut dazu, andere zu trösten.
Und jetzt im Advent sind auch andere Tröster unterwegs: Lichter, Lieder,
Musik. Gottesdienste und Gebete brechen einen Weg zu Gott und für Gott.
Umarmungen und Worte, die das bringen, was sie sagen. Worte, die wie
Engel vom Himmel kommen: Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott.
Seine Worte werden wahr.
Das kann ein neuer Anfang werden, ein neuer Weg, eine ebene Bahn, auf
die unser Gott uns bringt. Dort treffen wir ihn. Er kommt uns entgegen.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 20.12.06