
Ein wenig mehr von der Ruhe und Gelassenheit Jesu
Predigt und Fürbitten zum 4. Sonntag nach Trinitatis -
1. Juli
2007
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
V.Reihe: Johannes 8,1-11
Jesus aber stieg auf den Ölberg. Am nächsten Morgen ging er wieder in den Tempel. Das ganze Volk kam zu ihm, und er saß da und lehrte sie. Da führten die Schriftgelehrten und Pharisäer eine Frau herein, die man beim Ehebruch ertappt hatte. Sie stellten sie vor ihn hin und sagten: „Lehrer, diese Frau wurde beim Ehebruch ertappt. Mose hat uns im Gesetz aufgetragen, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du dazu?“ Das war eine Fangfrage, die einen Vorwand für die Anklage liefern sollte. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger etwas auf den Boden. Als sie weiter in ihn drangen, richtete er sich auf und sagte: „Derjenige von euch, der ohne Sünde ist, soll als erster einen Stein auf sie werfen!“ Dann bückte er sich wieder und schrieb weiter. Als sie seine Worte hörten, gingen sie beschämt davon, die Ältesten zuerst.
Jesus blieb allein zurück, die Frau stand immer noch vor ihm. Er richtete sich auf und sagte zu ihr: „Frau, wo sind denn die Ankläger? Hat dich keiner verurteilt?“ Sie antwortete: „Keiner, Herr.“ Da sagte Jesus: „Auch ich verurteile dich nicht. Nun geh und sündige nie wieder.“
Gott, segne dein Wort an uns allen. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
Ein Mönch begegnete eines Tages einem Menschen, der ihm erzählte, wie
gut er sei: Den Armen gebe er einen Teil seiner Güter - er setze sich
für die Gefangenen ein - und die Kranken besuche er zweimal die Woche.
Der Mönch hörte zu und sagte:
„Gut bist du! Doch gehe hin und frage: Deine Frau, was sie von dir
hält, deine Kinder, was sie über dich denken, deine Verwandten, was
sie von dir erwarten, deine Nachbarn, was sie untereinander über dich
erzählen und deine Kollegen, wie sie von dir reden,
alsdann komm und sage mir, wie gut du bist.“
Ein guter Mensch sein, wer wollte das nicht. Nicht so sein wie die
anderen, sondern besser, moralischer. Wissen, was sich gehört und mit
gerechter Empörung beim Namen nennen können, was die anderen falsch
machen.
Aber was ist, liebe Schwestern und Brüder, wenn wir selbst anderen
Unrecht tun mit unseren Urteilen, den Vorurteilen und dem Verurteilen?
Der Stein, den wir gegen die anscheinend offensichtlich Schlechten
schleudern, er fällt auf uns selbst zurück.
Wer richtet, der wird gerichtet.
Brauchen wir also gar keinen Richter? Das darf doch nicht wahr sein!
Keine Angst, natürlich ist Gerichtsbarkeit nötig. Nur ist das heute
gar nicht das Thema. Die Gerichtsbarkeit überlassen wir lieber den
Juristen, die verstehen mehr davon. Hier und heute ist ein ganz
anderes Richten gemeint. Jesus interessiert ja gar nicht die
juristische Seite des Strafdelikts „Ehebruch“. Er weiß wohl, dass die
Pharisäer und Schriftgelehrten ihn auf ein juristisches Glatteis
führen wollen, aber er lässt auf diese Ebene gar nicht ein. Er
zeichnet dabei in aller Ruhe, unaufgeregt und wie abwesend in den
Sand. „Schuldig“ ist die junge Dame sicherlich. Jesus malt in den
Sand. Keine Entschuldigung bringt er vor. Nicht die gesellschaftlichen
Umstände, nicht die mangelhafte Erziehung. Zum Thema Ehebruch hat er
in der längst alles gesagt: „Du sollst nicht ehebrechen“ - das Gesetz
soll erfüllt werden, aber bitte richtig: „Wer eine Frau ansieht, sie
zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem
Herzen.“ Wer von diesen aufgebrachten Männer, aufgestachelt von Hass
und eigenen Komplexen, versteckt hinter der Maske des guten und
gerechten Menschen, der doch angeblich nur die „Gerechtigkeit“ will,
wer von diesen selbsternannten „Richtern“ ist eigentlich besser als
diese Frau, die dort augenscheinlich der Strafe nicht mehr ausweichen
kann. Bei ihr ist nur offenkundig geworden, was in den Herzen der
anderen vielleicht viel hässlicher und dunkler schlummert und die
Seele vergiftet. Und alle hasserfüllte Aufmerksamkeit gilt nur dieser
offensichtlichen Gesetzes-übertreterin, man kann ja damit wunderbar
ablenken von den eigenen Abgründen in sich.
Jesus behält die Ruhe. Er zeichnet noch immer im Sand.
„Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“
Nein, nicht einer unter uns wäre berechtigt, den ersten Stein zu
werfen. Und wer meint, er oder sie wäre doch ohne Sünde, - dieser
Mensch bestimmt nicht. So erzählt eine Legende: „Die Gerechten stehen
eng gedrängt vor der Pforte des Paradieses, trippelnd vor Ungeduld,
begierig einzutreten, ihrer Plätze gewiss. Doch plötzlich entsteht
Unruhe unter ihnen. „Was, auch denen wird vergeben?“ fragen sie, als
sie eine Schar von merkwürdigen, auffälligen Typen erblicken. „Wir
kennen diese Verbrecher!“ Empörte Rufe: „Sollen wir uns dafür im Leben
gequält haben!“ Schmährufe gegen Gott werden laut. Und in der gleichen
Sekunde sind SIE es, die verdammt sind.
Neue, andere zu verurteilen, das steht nur einem zu: nämlich Jesus
Christus. Und dieser eine, der so uninteressiert ist an der Meinung
der aufgehetzten Menschenmenge, der wäre allein berechtigt, Sünder zu
bestrafen. Doch er sagte: „Ich verdamme dich auch nicht.“ Er, der
einzige, der dazu berechtigt wäre. Und er ermöglicht damit der Frau
ein neues, befreitet Leben: „Gehe hin und sündige hinfort nicht mehr.“
Nicht, als sei dies eine Bedingung, die an die Vergebung geknüpft
wird, so im Nachhinein sozusagen. Nein, die Vergebung geschieht
bedingungslos uns der Mensch kann nichts dazutun. Sie ist Geschenk.
Diese Vergebung ist nicht mehr und nicht weniger als die Versöhnung
mit Gott. Wir haben die Wahl, ob wir uns in der Rolle dieser
Ehebrecherin vor Jesus hineinfühlen oder in der Rolle der
Steine-Werfenden Menge. Ganz gleichgültig, ob wir eine Ehe gebrochen
haben oder nicht - niemand von uns könnte sich davon freisprechen,
dass er oder sie im eigenen Leben und vor allem in den eigenen
Gedanken nicht auch anderen Anlässe gegeben hätte, mit Steinen
beworfen zu werden. Deshalb gilt auch uns der Satz: „So verurteile ich
dich nicht. Gehe hin und sündige hinfort nicht mehr.“ Jeder Mensch
bekommt das Angebot der Vergebung. Jedem Menschen - und nicht nur
einmal, sondern immer und immer wieder - gilt die Einladung: „Geh,
lass dich versöhnen mit Gott, mit Gott, der die Liebe ist und der dich
annimmt, so wie du bist. Unvollkommen, schuldig geworden, ängstlich,
gescheitert, am Ende, wie auch immer. Ich meine es ganz ernst mit dir:
Ich verurteile dich nicht, dir gilt die Vergebung. Gott will sich
wieder mit dir versöhnen.“ Dieses Angebot galt der jungen Frau. Was
hat sie daraus gemacht? Haben ihr andere geholfen, wieder den Weg in
die Gemeinschaft zu finden? Haben die, die ihre Steine aus der Hand
gelegt haben, ihr geholfen, ihre Probleme zu lösen? Sind auch wir
bereit, unseren Beitrag zu leisten, wenn es gilt, Zeugnis abzulegen
für die Versöhnung mit Gott? Vergessen wir nicht, liebe Schwestern und
Brüder, wie sind Botschafter an Christi Statt. Und Botschafter an
Christi Statt heißt - wo er vergibt und nicht verdammt, auch selbst
nicht zu verdammen. Nicht die Steine wieder vom Boden zu heben und auf
die von der heuchlerischen Menschenmenge heute Gehetzen zu werfen.
Sondern einzutreten für Versöhnung, für einen wirklichen Neuanfang.
Ohne dies an Bedingungen zu knüpfen - eben wie es Jesus tat, wie es
heute schwer ist und wenig Beifall hervorruft.
Ich wünsche uns allen - bei all den großen und kleinen Skandalen
unserer Zeit, ein wenig mehr von der Ruhe und Gelassenheit Jesu, der
im Sand Figuren und Buchstaben malt und nicht mitbrüllt im ach so
gerechten Zorn aufgeregter Heuchler. Ich wünsche uns allen mehr
Selbstkritik - bei allen den großen und kleinen Skandalen unserer Zeit
und weniger Selbstgerechtigkeit. Denn dann sind wir bessere
Botschafter an Christi Statt, die ernsthaft, aber nicht mit Gesetz und
Härte, sondern mit einer Gelassenheit, die aus dem Herzen kommt,
einladen: „Lasst euch versöhnen mit Gott.“
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.
Fürbitten
Unser Leben - ein Weg: ein langer, schöner und schwerer Weg durch
blühendes und durch ödes Land, nicht immer mit klarem Ziel und oft in
die Irre. Wir danken dir, Gott: Du hast uns nicht allein gelassen auf
dem Weg. Dein Wort hat uns geleitet durch gute und böse Zeiten, auch
durch die Irre: Bleibe bei uns und bring uns ans Ziel. Lass uns die
Hoffnung nicht ausgehen der letzten Strecke des Weges. Umgib uns mit
deiner Liebe, jetzt und in der Stunde unseres Todes. So bitten wir nun
an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott!
Wir bitten dich für die Menschen, die uns begleiten auf unserem Weg,
dass wir in Liebe mit ihnen verbunden bleiben und ihnen beistehen,
wenn sie Hilfe brauchen. Wir bitten für die Angehörigen der
Verstorbenen, dass sie in der Botschaft von der Auferstehung deines
Sohnes Jesu Christi von den Toten Hoffnung für ihr eigenes Leben
annehmen können.
So bitten wir nun an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott!
Wir bitten dich für die die Gemeinde der Christenheit, dass sie den
Fragenden Antwort, den Unsicheren Halt und den Leidenden Trost gibt.
Wir bitten dich für unser Volk und die Gemeinschaft der Völker, dass
alle Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit erfüllt wird.
Wir bitten dich um Fingerspitzengefühl im Umgang mit schwierigen
Menschen, um ein gutes Gedächtnis für die Sorgen, die jemand uns
anvertraut hat, und für die Dinge, die wir zu tun versprochen haben –
aber ein schlechtes Gedächtnis für all das, was uns geärgert hat.
Wir bitten dich um gute Nerven, damit wir uns nicht an Kleinigkeiten
gegenseitig zerreiben, denn du willst keine verärgerten Leute.
Wir bitten dich um ein fröhliches Gesicht und um ein Lächeln, das aus
dem Herzen kommt, denn andere sollen sich an uns freuen können.
Du bist uns zugetan wie ein Freunde; lass uns zu Freunden der Menschen
werden. Lass uns in allem so gesinnt sein, wie Jesus Christus gesinnt
war.
So bitten wir nun an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott!
Amen!
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 01.07.07