
Der Augenblick
Predigt zum 9. Sonntag nach Trinitatis - 5. August 2007
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
V. Reihe: Matthäus 13, 44-46
Vom Schatz im Acker und der kostbaren Perle
Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker.
Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte, und als er eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.
Wenn Sie die Lesung des Evangeliums eben jetzt in ihren Worten
zusammenfassen sollten, liebe Gemeinde, was würden Sie sagen?
Keine Sorge, ich werde jetzt nicht direkt fragen.
Ich stelle mir einfach vor, ich säße irgendwo in einer Kirchenbank
zwischen ihnen. Und sollte meine Frage beantworten.
Also, um was ging es da, in diesem Stück Evangelium, aufgeschrieben
von Matthäus. Um einen großen Schatz in einem Acker, würde ich wohl
sagen. Um eine Perle, die unglaublich kostbar ist.
Aber eigentlich sind das Gleichnisse, denn es geht um das Reich
Gottes.
Mein erster Eindruck: unangenehm, dieses Reich Gottes. Denn man muß
sich dafür schon sehr anstrengen, alles aufgeben. Beide, der Mann auf
dem Acker und der Perlenkaufmann verkaufen ihren ganzen Besitz um dem
Reich Gottes näher zu kommen, oder etwa nicht.
Was sagten eigentlich ihre Frauen zu Hause zum Verkauf des ganzen Hab
und Guts? Waren die Kinder glücklich? Oder ist das etwa so: wer Gottes
Willen gehorcht, den kümmern die Menschen nicht mehr?
Also doch wieder typisch weltfremdes Christentum, Kirche, die in der
Realität der Welt nicht standhält?!
Vielleicht haben Sie aber auch besser zugehört, als ich.
Vielleicht haben Sie gehört: es geht gar nicht um eine Anweisung zu
christlichem Leben, nämlich arm und weltvergessen. Es geht um das
Reich Gottes.
Die Gleichnisse erzählen einen kurzen Augenblick:
Wie ist es, wenn man auf das Reich Gottes stößt?
Da wird ein kurzer Moment beschrieben: zwei Menschen stoßen auf etwas,
was ihr Leben von Grund auf verändert. So ist das Reich Gottes. Wenn
man es einmal gefunden hat, ist nichts mehr wie vorher.
Da ist nicht die Rede von übergroßer Mühe, Plage und lebenslangem
Suchen. Die Gleichnisse berichten nur von der Begegnung.
Mitten im Leben, mitten im Alltag, in der dreckigen Krume des Ackers,
auf dem blitzsauberen Tresen des Geschäftsmann ereignet es sich. Das
Glück, das hier beschrieben wird, ist nicht das Glück von eins zu
einer Million im Lottogewinn. Das Glück, der Schatz, die Perle, um die
es hier geht, sind da, müssen nur entdeckt, gepackt und genutzt
werden. Alles andere zählt nicht, nur dies, dieses eine!
Solche Erlebnisse von Begegnung hatten wir alle, da bin ich sicher.
Augenblicke, die uns nicht mehr loslassen.
Eine Liebe auf den ersten Blick vielleicht, ein Gefühl, an einem Ort
zu Hause zu sein. Ein Mensch, von dem wir uns verstanden wissen,
vielleicht ohne ihn gut zu kennen.
Was dann geschehen muss, ist doch ganz logisch, ganz klar.
Der Mann auf dem Acker wäre doch völlig verrückt, wenn er nicht alles
daransetzte, dass der Acker und damit auch der Schatz seiner wird. Und
auch der Perlenhändler wäre kein guter Kaufmann, würde er anders
handeln.
Zu Gott gehören, das ist nichts weltfremdes, entsagungsvolles und
verschrobenes. Es ist die logischste Sache der Welt.
Wurde Jesus Menschen heute vom Reich Gottes erzählen wollen, so würde
er vielleicht davon reden, dass das Reich Gottes einem absolut
sicheren Börsentipp mit einer Traumrendite gleicht, den ein Anleger
erfährt.
Nichts ist danach, wie es vorher war, Gottes Reich setzt in Bewegung.
Noch etwas anderes sagen die Gleichnisse über Gottes Reich der Himmel,
über seine neue Welt: sie ist nicht etwas, womit wir erst nach dem Tod
rechnen sollen. Das Himmelreich bringt Menschen schon hier und jetzt
aus der Bahn. Vielleicht stossen Sie darauf, ohne damit zu rechnen,
oder sie finden ihre lange Suche danach plötzlich mir Erfolg gekrönt.
Es ist unwiderstehlich, das Reich Gottes, ich muss mir also nicht erst
die Mühe machen, Sie aufzufordern, ihren Acker nicht dumpf weiter zu
pflügen, oder den Perlenhandel nicht stur fortzusetzen.
Sie werden es merken, wenn Sie auf Spuren von Gottes neuer Welt hier
und jetzt stossen.
Es sind die Worte, zur richtigen Zeit zum richtigen Menschen
gesprochen.
Es ist der Augenblick, der dazu treibt, für Gerechtigkeit und Frieden
zu handeln.
Möge Gott unsere Nasen auf Spuren seines Reiches der Himmel stossen,
uns begeistern, in Bewegung setzen, Schritte zu gehen in ein Leben,
wie Gott es gemeint hat.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 05.08.07