
Singen im Gottesdienst
Predigt am Sonntag Estomihi, 18. Februar 2007
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Predigt: Singen im Gottesdienst
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
eines Morgens Aufregung im Himmel: Irgendetwas ist anders beim Gesang
der Engel. Was da sonst immer rund und voll und stimmig klang, ist auf
einmal schwach und ein bisschen piepsig. Was ist los? Kein Wunder: die
Engel singen nur mit einem Viertel der Besetzung. Und schneller fertig
sind sie auch. In der halben Zeit. Gott tippt Petrus auf die Schulter
und schaut fragend. Souverän antwortet Petrus: „Effiziente
Sparmassnahmen. Auf ein Viertel des Personals angepasst und noch Zeit
gewonnen für zusätzliche Aufgaben. Einsparungen müssen sein – auch im
Himmel, Chef.“ „Um neun in mein Büro“, sagt Gott nur und lässt seinen
TOP-Manager stehen.
Um neun staunt Petrus nicht schlecht. Gottes Büro ist voller Menschen.
Papst Gregor erkennt er, den mit den Chorälen, Sie wissen schon.
Martin Luther, Johann Sebastian Bach, Paul Gerhardt, Jochen Klepper
und viele andere. „Sparmassnahmen?“ fragt Gott. „Dr. Martinus Luther,
wenn Sie denn mal etwas dazu sagen wollen …“ Verlegen drückt der
Reformator seinen Hut in der Hand. „Hier stehe ich ..“ murmelt er
leise vor sich hin. „Nun aber bitte …“ Dann sagt er folgendes:
„Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“
„Na ja, ein bisschen akademisch“, sagt Gott, „aber wir wissen, was du meinst. Nun, aber Meister Bach.“ Der Musiker und Komponist ist auch ein wenig aufgeregt und sagt in besten Sächsisch:
„Und soll aller Musik Finis und End Ursach anders nicht als nur zu Gottes Ehre und Recreation des Gemütes sein. Wo dies nicht in Acht genommen wird, da ist’s keine eigentliche Musik, sondern nur teuflisches Geplärr und Geleier!“
„Ein bisschen altmodisch ausgedrückt, aber ich könnt’s nicht besser sagen. Noch etwas?“
„Wer singt, betet doppelt!“
meldet sich ein gelehrt aussehender alter Mann zu Wort. „Ja, ja,
das auch, Bischof Augustinus von Hippo, das auch, wir hören es nicht
zum ersten Mal.“
Gott schaut Petrus an.
„Ich meinte es doch nur gut ..“ setzte er an. „Gut gemeint ist das
Gegenteil von gut gemacht. Piepsige Chöre, Anpassen an ein unteres
Niveau dort, wo die Grundfeste des Glaubens auf dem Spiel stehen …“
„… Du Kleingläubiger!“ hat Petrus plötzlich wieder im Ohr. Er
schleicht bedröppelt aus dem Büro. Seit diesem Tag singen die Engel
wieder in voller Besetzung und voller Länge.
„Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“
Mit diesen Worten hat Martin Luther die Wirkung der Gesangs
beschrieben. Das eine war die Buchdruckkunst, das andere waren die
Kirchenlieder, die das reformatorische Gedankengut unters Volk
brachten.
Mit dem Lied „Wir glauben all an einen Gott“ lernte das Volk den
Inhalt des Glaubensbekenntnisses. Durch das Lied „Dies sind die
heilgen zehn Gebot“ wurde es mit den 10 Geboten als Gottes Hilfen zum
Leben vertraut gemacht. Und das Lied „Vater unser im Himmelreich“
half, das Vaterunser als wichtigstes Gebet der Christenheit zu
erfassen. Die Reformation war auch und vor allem eine Singbewegung.
Durch das Singen neuer Lieder erreichte reformatorische Theologie die
Massen, deren Sache es nicht ist, theologische Diskussionen zu führen,
die aber einen Mund zum Singen und ein offenes Herz für die Botschaft
von der Rechtfertigung aus Gnaden haben. Und so wurde das Singen
geradezu zum Spezifikum protestantischer Frömmigkeit. Protestantismus
und Kirchenmusik gehören untrennbar zusammen. Und das Wort aus Psalm
98 „Singet dem Herrn ein neues Lied" ist für unsere evangelischen
Kirchen ein programmatisches Wort geworden.
Tiefster Grund für das Singen in der jüdisch-christlichen Tradition
ist nicht allgemeine Lebensfreude etwa von Volksliedern oder
Karnevalsschlagern nach dem Motto: „Wir kommen alle, alle in den
Himmel“, sondern das, was Paul Gerhardt in einem seiner Lieder so
ausgedrückt hat: „Das, was mich singen machet, ist, was im Himmel
ist.“ Glaubendes Singen öffnet sich für den unsichtbaren Gott. Unser
Singen bietet Klangbilder für den unsichtbaren Gott. Im Singen
entdecken wir Gottes Wirklichkeit und uns als einen Teil in ihr. Im
Singen erkennen wir uns als Geschöpfe Gottes, als Teile seines
Gottesvolkes, als Menschen, die schlechthin abhängig sind von einem
Gott, der uns durchs Leben begleitet und der uns und dieser Welt Heil
schenkt.
Solch ein zu Gott hin geöffnetes Singen ist in einem gewissen Maße
zweck- und absichtslos. Und die höchste Form solchen Singens ist die
Liturgie, die Anbetung. In der singenden Anbetung erweitern wir
unseren menschlichen Horizont, setzen wir uns der Wirklichkeit Gottes
aus. Sind wir gottesgegenwärtig. Um uns einzuüben in eine solche
Gottesgegenwärtigkeit, können wir in unserer evangelischen Kirche von
anderen Kirchen lernen; müssen wir der Anbetung mehr Raum in unseren
Gottesdiensten geben, müssen wir Formen der Anbetung Gottes entwickeln
oder übernehmen, seien es nun Gesänge aus Taizé, seien es liturgische
Gesänge aus der katholischen oder orthodoxen Tradition oder seien es
Anbetungslieder, wie sie in charismatischen Gemeinden üblich geworden
sind. Der Stil der Anbetung ist nicht entscheidend, „dem Herrn singen“
- das kann genauso geschehen durch einen Rap wie durch einen Choral.
Auch die Worte sind nicht das Entscheidende beim Singen. Auch ein
Kindermutmachlied mit dem nicht inhaltsreichen Refrain „La, la, la,
la, la“ kann ein Lied für Gott sein, ein Lied, mit dem wir uns ihm
öffnen. Und vergessen wir nicht: Dem Herrn singen, das kann selbst mit
frömmsten Texten misslingen. Auch eine Johannespassion kann zum bloßen
Konzertgenuss verkommen. „Dem Herrn singen“ - das geht nur, wenn sich
das Herz der Singenden diesem Herrn öffnet und seinen Wundern.
„Und soll aller Musik Finis und End Ursach anders nicht als nur zu Gottes Ehre und Recreation des Gemütes sein. Wo dies nicht in Acht genommen wird, da ist’s keine eigentliche Musik, sondern nur teuflisches Geplärr und Geleier!“
So sagte es Meister Bach.
„Singet dem Herrn ein neues Lied. Denn Gott hat unser Herz und Mut
fröhlich gemacht durch seinen lieben Sohn, welchen er für uns gegeben
hat zur Erlösung von Sünden, Tod und Teufel. Wer solches mit Ernst
gläubet, der kanns nicht lassen, er muss fröhlich und mit Lust davon
singen und sagen, dass es andere auch hören und herzukommen...Solches
Singen vertreibt den Teufel und macht die Leute fröhlich.“ Noch einmal
Martin Luther. Damit erinnert er nachhaltig daran, dass eine singende
Kirche immer eine Kirche sein wird, die sich der Wunder Gottes und des
durch Gott gewirkten Heils erinnert. Dass sie immer eine Kirche sein
wird, die durch ihr Singen andere für das Heil öffnet. Dass sie immer
eine Kirche sein wird, die aus ihrem Singen die Kraft gewinnt, sich
für das Heil der Welt aktiv einzusetzen. Nicht nur die Reformation der
Kirche damals begann mit dem Singen, sondern auch die Erneuerung der
Kirchen heute und das Wirken der Kirchen hinein in diese Welt beginnt
mit unserem Singen. Darum: Singet dem Herrn ein neues Lied und lasst
uns einstimmen in den Jubel der Engel Gottes und der himmlischen
Heere.
Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.
(Angeregt wurden Teile der Predigt durch eine Andacht von Almuth Reihs-Vetter auf einer Pfarrkonferenz 14.2.07 in Bad Driburg und einer Predigt von Bischof Ulrich Fischer 25.5.2006 in Heidelberg)
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 18.02.07