
Leben nach Gottes Recht
Predigt zum Vorletzten Sonntag des Kirchenjahres - 18. November 2007
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
V. Reihe: Jeremia 8,4-7
Sprich zu ihnen: So sagt Gott: Wenn Menschen fallen, stehen sie dann nicht wieder auf? Oder wenn sie sich abkehren, 'kehren sie dann nicht wieder um? Warum verharrt sie - die Stadt Jerusalem und dieses Volk - abgewandt in dauernder Abkehr? Warum halten die Menschen fest an der Täuschung und weigern sich umzukehren? 'Ich habe aufmerksam zugehört: Unrechtes sprechen sie, niemand bereut sein böses Tun etwa mit den Worten: Was habe ich getan? Sie alle laufen unumkehrbar dahin wie ein Pferd, das im Kampf voranstürmt. Selbst der Storch am Himmel kennt seine festen Zeiten. Turteltaube, Schwalbe und Drossel halten ihr Kommen pünktlich ein. Mein Volk aber kennt die 'Rechtsordnung 'GOTTES' nicht.
Wir schreiben das Jahr 599 vor Christus. Und wir befinden uns in
Jerusalem. Der Prophet Jeremia war wahrscheinlich keiner, dem die
Herzen im Sturm zuflogen. Ein Eiferer war er. Einer, der sich allen
entgegenstellte. Mit harten und oft schroffen Worten wagte er es, sich
seinem König, den herrschenden Priestern, den verbeamteten
Kultpropheten entgegenzustellen.
Ein Visionär, mit unbequemen Visionen. Ein Realist, wie die Geschichte
zeigen sollte. Ein Mann voller Leidenschaft, voll Ekstase, aber auch
voll tiefer Trauer und Depression. Das alles war Jeremia. Kein
bequemer, kein einfacher Zeitgenosse.
In Jerusalem pulsiert das Leben, da spricht Jeremia vom Untergang. Die
Schaukelpolitik des Königs Jojakims von Juda zwischen den Großmächten
Babylon und Ägypten scheint doch von Erfolg gekrönt. Der Jerusalemer
Tempel steht fest gegründet, religiöser, wie politischer Machtfaktor,
die Welt des Volkes scheint in schönster Ordnung. Was will also dieser
Querulant, dieser Jeremia, mit seinem Gott, der so weit entfernt
scheint.
Er konfrontiert sie mit harten Worten, mit einem kraftvollen Bild, das
sich in die Gedanken eingräbt: „Sie alle laufen unumkehrbar dahin wie
ein Pferd, das im Kampf voranstürmt.“ Machtvolle, neuste
Waffentechnik, ein einzelner kann dem nichts, aber auch gar nichts
entgegensetzen, wird einfach umgerannt. Ein Pferd, das im Kampf
voranstürmt – getrieben von dem, was es gelernt hat, getrieben von
seinem Herdeninstinkt, durch die eigene Panik taub und blind gemacht
gegen alles, was sich auf seinem Weg befindet, kennt es nur eine
Richtung. So ist die Stadt Jerusalem und dieses Volk?
Ja, so kommt sie mir vor die Stadt Jerusalem und beide Völker, die
heute 2600 nach Jeremia in ihr leben.
Die einen suchen ihr Heil in bewaffnetem Kampf, in grausamen
Anschlägen, die die Unschuldigen treffen, oder nehmen eine Haltung
ein, für alles, was geschieht, die Besatzer anzuklagen, völlige
Aufgabe der eigenen Verantwortlichkeit, der eigenen Fähigkeiten.
Die anderen tanzen um das Goldene Kalb „Sicherheit“. „Sicherheit“
führt dazu eine Mauer zu bauen, die mitunter 9 Meter hoch Familien
voneinander trennt und alte Menschen daran hindert, rechtzeitig ein
Krankenhaus zu erreichen. „Sicherheit“ führt dazu, anderen Menschen
immer mehr von ihrem Land, ihrer Freiheit und ihrer Würde zu rauben.
'Ich habe aufmerksam zugehört: Unrechtes sprechen sie, niemand bereut
sein böses Tun etwa mit den Worten: Was habe ich getan? Sie alle
laufen unumkehrbar dahin wie ein Pferd, das im Kampf voranstürmt.
Und wir, wo sind wir hier wie die Menschen, die nicht aufstehen, an
welcher Täuschung halten wir fest? Wo stürmen wir voran wie ein
Schlachtross?
Ich fürchte, auch wir sind schnell in einer Haltung die sagt: ich kann
gar nichts tun, verantwortlich sind immer die anderen, in unserem
persönlichen Leben, wie in unserer Verantwortung für die Geschicke
dieser Gemeinde, dieser Stadt, unseres Landes. Verantwortlich oder
besser „Schuld“ sind doch „die da oben“.
Auch mit dem Argument „Sicherheit“ lassen wir uns leicht überzeugen.
Unsere Ausweispapiere und unsere Grenzen müssen technisch hochgerüstet
werden, ausspionieren und abhören von Telephonen und Computern muss
natürlich gestattet werden, wahrscheinlich fangen wir auch wieder an,
einer den anderen zu bespitzeln, wenn es nur der Sicherheit dient.
Die Zahl der Straftaten insgesamt in Deutschland ist um 400.00 Fälle
zurückgegangen, weniger geworden, aber es lässt sich natürlich besser
Politik und besser Geschäfte machen mit dem wachsenden Gefühl der
Unsicherheit.
„Warum halten die Menschen fest an der Täuschung und weigern sich
umzukehren?“
Die Rechtsordnung Gottes, die Jeremia in unserem Bibeltext einfordert
– für mich findet diese Rechtsordnung Gottes einen ihrer wichtigsten
Ausdrücke in der Würde des Menschen, der als Ebenbild Gottes
geschaffen wurde. Diese Würde zu wahren, Gottes Ebenbild in den
Menschen zu sehen, das heißt nach Gottes Recht zu leben.
Alte und behinderte Menschen sind dann nicht nur die „zu Pflegenden
und zu betreuenden“.
Kinder nicht nur Verfügungsmasse für die Volkswirtschaft der Zukunft.
Und wir, wir wären dann nicht mehr die, die sich abwenden in dauernder
Abkehr.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 18.11.07