
Der Rhythmus der Hoffnung
Predigt zum Ewigkeitssonntag - 25. November 2007
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
V. Reihe: Markus 13, 31-37
Jesus sprach zu seinen Jüngern:
Himmel und Erde werden vergehen;
meine Worte aber werden nicht vergehen.
Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im
Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.
Seht euch vor, wachet!
denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.
Wie bei einem Menschen, der über Land zog und verließ sein Haus und
gab seinen Knechten Vollmacht, einem jeden seine Arbeit, und gebot dem
Türhüter, er solle wachen: so wacht nun; denn ihr wisst nicht, wann
der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den
Hahnenschrei oder am Morgen, damit er euch nicht schlafend finde, wenn
er plötzlich kommt.
Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet !
Gott segne unserer Reden und Hören. Amen.
„Seitdem mir der Doktor gesagt hat, wie krank ich bin, ist nichts mehr
wie es war!“ Das sagte ein Mann, der gerade von seinem Arzt die
niederschmetternde Diagnose erhalten hat, dass er an einer tödlichen
Krankheit leide. Mit einem Schlag ist nichts mehr wie es war. All die
Ziele, all die Pläne, die er gehabt hat, zerplatzen wie Seifenblasen.
Aber auch seine Familie ist mit betroffen - auch für sie hat sich
alles geändert. Was so sicher schien für alle Ewigkeit, ist mit einem
Mal auch für die Familie zusammengebrochen. Alle scheinen vor dem
Nichts zu stehen.
Es gibt diese Situationen, da meinen wir, Himmel und Erde vergehen. Da
ist nur noch der Schmerz, alles Gewohnte, Vertraute ist zuende. Heute
ist Ewigkeitssonntag, der letzte Sonntag im Kirchenjahr, der Sonntag
des Gedenkens an die Verstorbenen. Manche von Ihnen hat vielleicht das
Abschied-Nehmen-Müssen völlig unvorbereitet getroffen und Ihr Leben
ist bis heute noch ganz ohne festen Grund und feste Bahn.
Auch für die erste Christenheit bedeutete der Tod und die Auferstehung
Jesu eine totale Veränderung ihres ganzen Lebens. Diese Veränderung
war so radikal, dass sie mit einem raschen Ende der gesamten Welt
rechneten: Himmel und Erde werden vergehen - und zwar ganz bald. Heute
sind fast 2000 Jahre vergangen und die Welt existiert noch. Und heute
gibt es immer noch Menschen, die das Ende der Welt in ganz naher
Zukunft erwarten. Sie meinen, dafür Zeichen und Hinweise zu entdecken.
Unser Predigttext wendet sich an solche Menschen. Er vergleicht sie
mit Angestellten eines Herrn, die für eine vorübergehende Abwesenheit
dieses mächtigen Mannes ihrer Arbeit nachgehen sollten. Insbesondere
der Türhüter bekam die Aufgabe, wachsam zu sein für die Rückkehr des
Herrn, die zu jeder Tages- und Nachtzeit erfolgen konnte. Denn fand
dieser Herr seine Angestellten schlafend vor, dann war es um sie
geschehen.
Wir Menschen wissen nicht, wann das Ende dieser Welt sein wird. Es ist
meiner Meinung nach müßig darüber zu spekulieren, wann es sein wird.
Es kommt sowieso dann, wenn wir am wenigstens damit rechnen. Wir alle
wissen nicht, ob wir noch den nächsten Morgen erleben werden. Mit
unserem Tod ist das Ende unserer Welt da. Und dieser Tod kann viele
Formen haben. Für den Mann war die Diagnose des Arztes schon wie der
Tod: „Du hast nicht mehr lange zu leben.“ Für die Ehefrau, deren Mann
verstorben ist, ist die Einsamkeit und das Loslassen-Müssen wie ihr
Tod, nicht weniger. Uns betrifft die Endlichkeit des Lebens viel
stärker als wir es immer wieder erfolgreich zu verdrängen versuchen.
„Wachet“ ist der Auftrag an die Menschen. Der hebräische Hintergrund
dieses Wortes („Shakad“) bedeutet: Wachsam sein, eifrig auf etwas
bedacht sein, strebsam sein, über etwas wachen, für etwas Sorge
tragen. Der Gegenbegriff „Schlafen“ meint: die übertragene
Verantwortung nicht wahrnehmen, dem Hausherrn und seiner Sache
gleichgültig sein.
Unserer Predigttext sagt deutlich: Macht euch nicht Gedanken darüber,
wann und wie es sein wird, wenn Himmel und Erde vergehen, macht euch
lieber Gedanken darüber, wie ihr die Zeit bis dahin lebt: mit wachem
Herzen, eifrig und sorgsam lebend, verantwortungsvoll und für andere -
oder egoistisch, verantwortungslos und Gott und den Menschen gegenüber
gleichgültig.
Ich möchte Ihnen erzählen, liebe Schwestern und Brüder, wie die
Geschichte von dem erkrankten Mann weiter gegangen ist. In der Tat ist
bei nichts mehr geblieben wie es war. Nach dem ersten Schock hat er
seine innere Lähmung überwunden und begonnen - vielleicht zu ersten
Mal - mit großer Intensität zu leben. Er hat Wesentliches von
Unwesentlichem trennen gelernt. Geistesgegenwärtig lebte er ganz neu
auf, hellwach und aufgeweckt sah er seine Familie mit ganz anderen
Augen und konnte ihnen so viel geben wie in all den Jahren davor
nicht. Als er starb, sagte die Ehefrau: „Es war eine Gnade, dass wir
diese letzte Zeit miteinander hatten.“
„Der Rhythmus der Seele ist wie der Rhythmus des Atems“ schrieb die
Mystikerin Hildegard von Bingen. Der Rhythmus von Einatmen und
Ausatmen, von Aufnehmen und Loslassen von Festhalten und Freigeben ist
der Rhythmus des Lebens. Es ist gar nicht schwer, dies zu begreifen
für jemanden, der Jetzt und Hier lebt. Der wach ist und nicht sein
Leben verpasst, weil er nur in der Vergangenheit oder in der Zukunft
leben will. Leben gibt es nur in der Gegenwart. In der
Geistesgegenwart. Mit wachen Augen und sorgsam im Umgang mit sich und
anderen.
Sich nicht Panik machen zu lassen vor einem etwaigen Untergang der
Welt. Sondern von der Begrenztheit des Lebens zu wissen und dennoch
ganz besonnen und sorgsam sein Leben zu führen. Nicht im Verdrängen
der Angst und des Leides, sondern im Wissen, das beides auch Teile des
Lebens sind und überwunden werden können.
Das geht aber alles nicht ohne Hoffnung. Nicht ohne des Glauben daran,
dass hinter und über allem, die große segnende Kraft steht, die wir
Gott nennen. Sich nicht einlullen lassen durch Konsum, Fernsehen und
Bequemlichkeit, sondern die Hoffnung zu wagen und sein eigenes Leben
zu leben - jeden Tag als Geschenk zu begreifen, das Gott uns macht.
Ich wünsche Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, dass Sie den „Rhythmus
des Lebens“ als den Rhythmus der Hoffnung hier und jetzt in ihrem
Leben spüren können. Dass Sie sich einlassen können auf den großen
Zusammenhang von Festhalten und Loslassen, von Werden und Vergehen,
von Tod und Auferstehung. Es ist viel leichter, wenn Sie begreifen:
Sie müssen viel weniger tun und viel mehr zu lassen.
Sie müssen viel weniger leisten und viel mehr leben.
Leben - mit wachen Augen das Geschenk des Leben auskosten. Hören Sie
mit mir auf diese Geschichte:
Ein junger Mann kommt zu einem Rabbi mit der Frage: „Was kann ich tun,
um die Welt zu retten?“ Der Weise antwortet: „So viel, wie du dazu
beitragen kannst, dass morgens die Sonne aufgeht.“ „Aber was nützen
dann all meine Gebete und meine guten Taten, mein ganzes Engagement?“
fragt der junge Mann. Darauf der Weise: „Sie helfen dir, wach zu sein,
wenn die Sonne aufgeht.“
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
Eurer Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.
Kollektengebet Ewigkeitssonntag
Gott, unsere Zeit ist in deinen Händen:
und du wartest auf uns;
du hast den Stein weg gewälzt vom Grab.
Und im Morgendämmern ahnen wir
Leben aus der Auferstehung.
Noch unter Tränen hören wir
Worte des Lebens.
Noch beschattet vom Dunkel des Todes
sehen wir den neuen Morgen dämmern.
öffne uns die Augen. Amen.
FÜRBITTEN EWIGKEITSSONNTAG
Gott, da stehen wir vor dir.
Was können wir erwarten?
Einen neuen Himmel?
Eine neue Erde?
Ach, uns liegt die alte Erde
auf der Seele,
eine Last, die wir kaum tragen mögen.
Im Gebet, im Ruf zu dir,
spüren wir, woran wir zu tragen haben:
die Menschen,
die keine Kraft mehr finden für eigene Wege;
die Menschen, die keine Worte haben für ihren Schmerz;
die Menschen, die keine Bilder lernten für ihre Hoffnung.
Sie alle bringen wir vor dich.
Im Gebet, im Ruf zu dir,
spüren wir, worauf wir warten können;
wir träumen:
Du kommst. Und wir hätten die Gewissheit:
Du willst bei uns wohnen.
Deinen Frieden gibst du uns, machst uns die Erde neu.
In der Stille bringen wir vor dich, was durch deine Verhei゚ung neu
werden soll:
- S T I L L E -
Gott, du bist der Grund unseres Lebens. Du bist das Licht unserer
Seele. Lass es in uns und in dieser Welt hell werden, wenn wir jetzt
miteinander dein Mahl feiern, das du gestiftet hast durch Jesus
Christus, deinen Sohn, unsern Herrn, der mit dir im Heiligen Geist
lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 25.11.07