
Trost, der wirklich trägt
Predigt zum Sonntag Exaudi, 20. Mai 2007
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
V. Reihe: Johannes 15, 26-16,4
Wenn aber der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir. Und auch ihr seid meine Zeugen, denn ihr seid von Anfang an bei mir gewesen.
Das habe ich zu euch geredet, damit ihr nicht abfallt. Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen. Es kommt aber die Zeit, daß, wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst damit. Und das werden sie darum tun, weil sie weder meinen Vater noch mich erkennen. Aber dies habe ich zu euch geredet, damit, wenn ihre Stunde kommen wird, ihr daran denkt, daß ich's euch gesagt habe. Zu Anfang aber habe ich es euch nicht gesagt, denn ich war bei euch.
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
um Trost soll es also heute gehen. Um Trost und um den „Geist der
Wahrheit“. Trost finde ich gut. Wie oft möchte ich andere Menschen,
die traurig sind, trösten. Wie oft sehne ich mich nach Trost und bin
glücklich, wenn ich einen Menschen finde, der mich trösten kann. Aber
wie oft sehne ich mich vergeblich nach solchem Trost, der wirklich
trägt.
Und der Tröster, von dem Jesus spricht, er scheint ja wirklich etwas
bewirken zu können. Dieser Tröster, der „Geist der Wahrheit.“
Ich stelle mir die Situation vor, damals. Jesus erklärt seinen
Jüngern, dass er bald von ihnen gehen wird. Die Jünger sind traurig,
voller Angst, denn mit Jesus verlieren sie doch den Sinn ihres Lebens.
Alles, was sie bisher ausgemacht hat, drohen sie zu abgeben zu müssen.
Und dann dieser Trost, der Geist der Wahrheit.
Wenn wir verzweifelt sind, in Not geraten, was tröstet uns dann? Was
ist dieser „Geist der Wahrheit“, dass er sogar in der Stunde der
absoluten Todesgefahr trägt und rettet?
Ich habe lange über diese Frage nachgedacht, und ich will keine
vorschnelle Antwort geben, die allzu leicht in der Sprache der Bibel
über die Lippen geht. Zu oft habe ich erlebt, wie solche Sprüche nur
vertrösten, enttäuschen, entmutigen können.
Ich möchte von den Müttern lernen, wie sie ihre Kinder trösten, die
weinen, weil sie hingefallen sind, Angst haben oder einfach nur
traurig sind. Die Kinder kannst du nicht vertrösten mit ein paar
klugen Sprüchen, die musst du in den Arm nehmen, denen musst du eine
Geschichte erzählen, die sie so fesselt, dass sie ihren Schmerz
vergessen.
Ich habe eine solche Geschichte gefunden. Es ist eigentlich eine
dunkle Geschichte, die sich gar nicht unmittelbar erschließt. Wie eben
der „Geist der Wahrheit“, der auch nicht unmittelbar zugänglich ist.
„Eines Tages kam der kleine Prinz zu einigen Bauleuten. „Wer seid
ihr?“ fragte der kleine Prinz. „Wir sind die Bauleute des Reiches
Gottes“, sagten die Bauleute.
Ach, ihr seid ja ganz schön dreckig und verschwitzt, dachte der kleine
Prinz, nicht gerade so, wie ich mir solche Bauleute vorgestellt habe.
Und er sagte: „Mit welchen Änderungen seid ihr denn schon fertig?“
„Mit keinen,“ antworteten sie, „aber wir alle hier sind dabei, uns
selbst und damit alles zu verändern.“
„Mmmh“, sagte der kleine Prinz, „ist denn dann alles noch so wie
früher?“
„Nein“, sagten die Bauleute, „das keineswegs. Früher waren wir
kräftig; heute sind wir schwach. Früher waren wir im Besitz der
Wahrheit; heute suchen wir sie wieder. Früher waren wir satt; heute
sind wir hungrig.“
„Aber“, fragte der kleine Prinz vorsichtig, „seid ihr denn dazu
gezwungen worden?“
„Nein“, lachten die Bauleute, „alle hier sind freiwillig dabei. Und
täglich werden wir mehr.“
„Und wann seid ihr fertig mit eurem Bau?“, fragte der kleine Prinz
zwinkernd. „Dann komme ich wieder und bringe viele Menschen mit.“
„Nein“, sagten da die Bauleute, „du wirst niemanden mehr antreffen
oder ... du wirst niemanden mehr erkennen. Wir verändern uns hier
ständig, und doch bleibt alles ein Geschenk.“ Ach, das verstehe ich
nicht ganz, dachte der kleine Prinz, schon wieder anders, als ich mir
das vorgestellt habe. Aber er sagte: „Darf ich trotzdem bei euch
bleiben?“
„Wir verändern uns hier ständig, und doch bleibt alles ein
Geschenk.“Es gibt einen Aphorismus: „Nichts bleibt, wie es ist. Wie
traurig. Wie tröstlich.“
Der Geist Gottes verändert die Wirklichkeit. Er mutet uns zu, immer
wieder Abschied nehmen zu müssen von Althergebrachtem. Deshalb ist er
der „Geist der Wahrheit.“ Denn die Wahrheit ist: alles ist im Fluss.
Alles verändert sich. Nichts bleibt einfach so, wie es ist. Der Geist
Gottes aber ist ein guter Geist. Er schenkt uns vor allem den Mut,
dieser Veränderung zu trauen. Dass nämlich in allem, was anders, was
neu wird, Gottes Liebe als Geschenk für die Menschen, bleibt. Als
einziges, was bleibt. Und nur denen sichtbar, die offen sind für diese
Liebe Gottes.
Nehmen wir die Kinder, die heute getauft werden sind. Wir können
nichts an ihnen festhalten. Sie werden wachsen, anders werden, nicht
immer so süß und hilflos sein - aber wer sie liebt, geht alle
Veränderungen mit, ja liebt sogar all die Veränderungen. Keiner weiß,
in welche Zukunft hinein die Kinder wachsen werden. Es bedarf einer
Menge Mut, dieser Zukunft zu trauen, eben weil sich so rasend schnell
alles verändert. Deshalb tut es gut, diese Geschichte von den
Bauleuten am Reich Gottes zu hören. Davon, dass eben der Geist Gottes
am Werk ist, der alles neu macht, der Schritt hält mit jeder
Veränderung. „Nichts bleibt, wie es ist. Wie traurig. Wie
tröstlich.“Traurig, weil immer wieder Abschied nehmen müssen von so
vielem Liebgewordenen. Aber eben vor allem: Tröstlich. Der Geist
Gottes gibt Mut: „In jedem Abschied wohnt ein neuer Anfang inne.“ Die
Geschichte Gottes mit den Menschen ist noch längst nicht am Ende, wenn
wir eine Grenze erreichen. Im Gegenteil: Sie fängt dann erst an.
So tröstet Jesus seine Jünger. So kann er heute auch noch trösten.
Besser als ich. Umfassender. Eben weil es diesen Geist gibt, diese
Kraft, die verändern kann. Die aus Trauer Trost macht, die Leid in
Freude verwandelt, die Tränen in Lachen eintauscht.
Ich wünsche uns allen, dass wir das Loslassen lernen, das Vertrauen
darauf, dass Veränderungen Gutes bewirken können, dass auch heute noch
Gottes guter Geist weg aus falschen Sicherheiten hin zur Freiheit, zur
Liebe und zum Geliebt-Werden führen wird.
Ich wünsche es den Eltern und Paten. Ich wünsche es den Trauernden und
Ängstlichen. Ich wünsche es allen, die festhalten wollen, was doch
nicht festzuhalten ist. Traut Gottes gutem Geist, der alles neu macht.
Traut ihm - und er wird euch trösten, wie einen eine Mutter trösten
kann.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 20.05.07