
Zwanzig Sekunden
Predigt zum Sonntag Invokavit, 25. Februar 2007
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
Lukas 22, 31 – 34
31 Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. 32 Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dereinst dich bekehrst, so stärke deine Brüder. 33 Er aber sprach zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir ins Ge-fängnis und in den Tod zu gehen. 34 Er aber sprach: Petrus, ich sage dir: Der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du dreimal geleugnet hast, dass du mich kennst.
Der Text gibt ein kurzes Gespräch zwischen Jesus und Petrus wieder.
Jesus sitzt nach dem Pessachmahl mit den Seinen noch zusammen. Es ist
kurz vor seinem Tod. Jesus weiß, was auf ihn zukommt. In diesem
Zusammenhang spricht Jesus diese Worte zu Petrus.
Petrus ist von sich überzeugt. Er ist davon überzeugt, dass er bis zum
Letzten - bis in den Tod hinein - bei Jesus bleiben wird. Aber Jesus
weiß es besser: Er sagt dem so sicheren Petrus voraus, dass er ihn
verleugnen, dass er ihn verraten wird. Und - wie wir aus der Bibel
wissen - ist ja genau das dann auch geschehen.
Und trotzdem bin ich ganz sicher: Petrus sagt es nicht einfach so
dahin: "Ich gehe mit dir sogar in den Tod!" Nein - Petrus ist fest von
dem überzeugt, was er da redet. Und dennoch wird er schwach. Verhält
sich feige. Der Petrus, den wir aus den Evangelien als das große
Vorbild kennen: Petrus, der als erster berufen wird, Jesus
nachzufolgen. Petrus, der ja der "Fels" heißt, auf dem die Kirche
aufgebaut werden soll. Dieser Petrus wird den Mann verraten, für den
er sogar in den Tod gehen will. Das scheint unglaublich.
Petrus versagt aus Angst um sein Leben. Weil er fürchten muss, selbst
angeklagt und hingerichtet zu werden.
In unserem Text wird für sein Versagen der Satan verantwortlich
gemacht. Diese Macht, die so verführerisch ist, die den bequemeren und
- wie es scheint - besseren Weg anbietet. Diese Macht ist es, die
Petrus in Versuchung führt, die ihn schwach und feige werden lässt.
Die nichts übrig lässt von dem selbstbewussten Mann, der mit Jesus
überall hin gehen will.
"Simon, Simon, siehe der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den
Weizen."
Der Teufel begegnet uns doch nur noch in Märchen oder in seiner
harmlosen und lustigen Konkurrenz zwischen Engelchen und Teufelchen,
wo er die Lacher auf seiner Seite hat. Den Teufel haben wir doch
längst den jugendlichen Satanisten überlassen, die als Teil des
Erwachsen Werdens, des Aufbegehrens gegen die rationale
Erwachsenenwelt obskure schwarze Messen feiern und Opfer bringen. Der
Teufel ist doch aus unserem aufgeklärten Denken und Glauben längst
ausgewandert, ist nur noch zum Lachen, oder? Haben wir den Teufel
wirklich abgeschafft, oder hat Goethe nicht doch recht mit seinem
berühmten Satz aus dem Faust: "Den Teufel merkt das Völkchen nie und
wenn er es am Kragen hätte." Handelt der Mensch aus eigenem Willen und
in eigener Verantwortung - oder ist er fremd bestimmt, sodass er für
seine Handlungen keine Verantwortung zu übernehmen braucht? Der Text
könnte ja den Eindruck erwecken, dass Petrus gar nicht Herr seiner
Handlungen, seines Verrates an Jesus ist, sondern nur das Opfer des
Teufels. Aber könnte dieser Eindruck nicht zu simpel, eher eine
Ausrede sein? Der Teufel ist gemeinhin gut getarnt, so schnell lässt
er sich nicht entdecken.
Vieles kann und vermag der Mensch und an unserer Einstellung, unserem
Willen und unserer Bereitschaft vor Gott und den Menschen bestehen zu
wollen, ist tatsächlich viel gelegen. Und doch: Es gibt Momente, wo
mit dem guten Willen und mit den besten Vorsätzen nichts getan ist. Es
gibt Situationen, die man aus eigenen Kräften nicht bewältigen kann.
Und das sollen wir gerade als Christinnen und Christen ganz nüchtern
bedenken: Die Welt ist nicht in unsren Händen. Und selbst wir selbst
sind nicht ganz in unsren Händen. Keiner kann für sich seine eigene
Hand ins Feuer legen oder eine lebenslange Garantie für sich geben.
Unser Heil, das Heil der Welt, es liegt nicht in unserer Regie.
Ich denke, das meint Jesus, wenn er hier vom Satan spricht. Denn immer
wenn in der Bibel vom Satan die Rede ist, wird eben kein Teufel an die
Wand gemalt. Satan, das ist die geballte Macht der Entfremdung von
Gott, Satan, das ist der Feind in mir, der eben nicht mit ein bisschen
gutem Willen und ehrlichem Bemühen zu überwinden ist, Satan, das ist
der Spiegel, in den wir schauen und der uns immer ein falsches und oft
ein besseres Bild von uns selbst zeigt.
Doch das ist noch nicht das letzte Wort.
Petrus scheitert, aber er wird im Gebet Jesu aufgefangen und
aufgerichtet: Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht
aufhöre.
Die Zusage seiner Fürbitte verbindet Jesus mit einer Aufforderung:
„Wenn du dereinst dich bekehrst, so stärke deine Geschwister.“ Wir
dürfen also nicht darüber hinwegsehen: Der Weg des Glaubens führt bei
Jesus immer zum Bruder und zur Schwester. Das ist nämlich Jesu eigene
Logik, die dem falschen Selbstbewusst-sein, das Satan verbreitet,
widerspricht: Wenn die Hoffnung des Jüngers allein darin begründet
liegt, dass er nicht allein ist und Jesus ihn nicht im Stich lässt, so
bedeutet dieses hoff-nungsvolle „Ich bin nicht allein“ zugleich die
Verpflichtung nicht allein zu bleiben.
Das allein ist die Existenzberechtigung von Kirche: Das biblische Heil
ist nie nur mein Heil. Es ist das Heil für die Brüder und Schwestern.
Also: „Stärke deine Geschwister!“ Ich bin der festen Überzeugung, dass
wir uns um unsere Kirche keine Ge-danken und Sorgen machen müssen,
solange sie dieses „Stärke deine Geschwister“ hört und tut. Wenn sie
aber in egozentrischer Nabelschau nur um sich selbst kreist, dann hat
sie ihre Existenzberechtigung von Jesus her schon verloren.
Die Geschichte des Petrus ist eine Geschichte des Scheiterns und
zugleich eigentlich eine Hoffnungsgeschichte. Das macht Jesus durch
die Ankündigung des Versagens und der Beauftragung deutlich. Auch wenn
Petrus durch das Sieb seiner eigenen Selbstüberschätzung fällt, so
bleibt ihm die Zusage Christi, der ihn hält. Wenn starker Glaubensmut
und Zuversicht fehlen, dann bleibt das Vertrauen, dass Christus den
Schwachen und Gefährdeten nahe ist. Amen.
Herzlichen Dank an Uta Ziegeler u.a., deren Predigten im Internet
Vorlage und Inspiration dieser Predigt bildeten
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 01.03.07