
Spielverderber
Predigt zum Sonntag Judika, 25. März 2007
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Die Hohenpriester und die Pharisäer versammelten den Hohen Rat und sprachen: “Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen. Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute.” Einer aber von ihnen, Kaiphas, der in dem Jahr Hoherpriester war, sprach zu ihnen: “Ihr wisst nichts; ihr bedenkt auch nicht: Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe.” Das sagte er aber nicht von sich aus, sondern weil er in dem Jahr Hoherpriester war, weissagte er. Denn Jesus sollte sterben für das Volk, und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammen zu bringen. Von dem Tage an war es für sie beschlossen, dass sie ihn töteten.
Gott segne du unser Reden und unser Hören. Amen.
Ganz ehrlich, liebe Schwestern und Brüder, ich habe mit dem Gedanken
gespielt, diesen Spielverderber-Text zu ersetzen. Lieber über etwas
Anderes, Angenehmeres zu sprechen. Etwas, was mehr zu einem so schönen
Tag passt. Ich bin nicht gern ein Spielverderber. Vielmehr finde ich,
es gibt schon soviel Freudloses im Leben, da ist auch einmal erlaubt,
Schönes unbeschwert zu genießen. Fast hätte ich diesen Text beiseite
gelegt. Dass ich es nicht getan habe, liegt an diesem Wort:
“Spielverderber”. Es war so ein Gedankenblitz: War Jesus nicht
eigentlich damals für die Menschen auch ein “Spielverderber”?
Zumindest hat er die Menschen in ihrer Ruhe gestört. Kranke hat er
geheilt, und das sogar am Feiertag, die ärztliche Kunst und die
religiösen Ordnungen in Frage gestellt, die Ehebrecherin damals im
Tempel nicht verurteilt und damit die Moral untergraben, die Händler
mit der Peitsche aus dem Tempel getrieben, deren Tische umgestoßen -
weil aus Gottes Haus eine Räuberhöhle gemacht hatten. Und dann hatte
er noch das Gottesbild völlig verändert: Gott sollte man als “unseren
Vater” anbeten dürfen, er kümmerte sich besonders um die Kleinen, um
die Kinder, um die Armen, um die Außenseiter. Und er ersparte es
seiner Mitmenschen nicht, eben dies auch zu tun. Sich nicht auszuruhen
auf eigenen Lorbeeren, sondern ehrlich zu sich zu sein, zu fragen, wo
denn diese Lorbeeren herkommen und ob es nicht in Gottes Sinne sei,
davon etwas abzugeben an die, die auch - und besonders - Gottes Kinder
sind!
Die Machthaber damals spürten genau: Dieser Jesus verändert unsere
Spielregeln. Der hält sich gar nicht an die ungeschriebenen Gesetze
von Macht und Moral. Dem geht es um Gottes Willen, dem geht es um
menschliche Gerechtigkeit. Der nennt Unrecht beim Namen und hat keinen
Respekt von den Mächtigen seiner Zeit. Und das Gefährliche war: Gerade
die einfachen Menschen, das “Volk” läuft ihm nach, fühlt sich
angesprochen.
Kein Einzelschicksal: Wenn einer die Finger in die Wunde legt, wenn
sich einer mit den Mächtigen seiner Zeit anlegt, dann kriegt er
gewaltigen Ärger. Das hat man nicht so gerne, dass da jemand die
eigenen Kreise stört. Da wird nicht lange gefackelt: lieber weg mit
dem einen als sich selbst verunsichern lassen. In Diktaturen wird so
verfahren, aber auch in unserem Land. Am Arbeitsplatz, im
Freundeskreis. “Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.” Und wenn dann
noch jemand Recht hat und wirkliches Versagen anprangert, für den
wird’s dann auch wirklich gefährlich. Das war vor 2000 Jahren so, da
ist heute noch so.
Jesus, der Spielverderber. Der eben nicht gute Miene zum bösen Spiel
macht. Der mutig und schonungslos für Gerechtigkeit, für die Menschen
und gegen jede Unterdrückung eintritt. Er gefährdet die Ordnung. Die
Ordnung, in der alles unter den Teppich gekehrt wird, was manchmal
auch nicht so gut ist.
Das, was Jesus inhaltlich gesagt hat, wird gar nicht geprüft. Ob er
nicht vielleicht Recht haben könnte, ist nicht wichtig. Seine Person,
seine Unerschrockenheit, die sind gefährlich. Der muss weg. “Es ist
besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze
Volk verderbe.” Ein furchtbarer Satz. Der Tod Jesu war kein
Betriebsunfall, er war die Konsequenz seines ganzen Lebens. Er hat die
Spielregeln der Macht nicht akzeptiert, sondern kannte nur die Liebe
und Barmherzigkeit Gottes.
Und doch - ohne es zu wissen, hat dieser furchtbare Satz auch eine
gute, hilfreiche Bedeutung. “Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe
für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe.” Wie gut, dass Jesus
der Spielverderber geblieben. Wie gut - für uns alle gut - dass Jesus
bei sich geblieben ist und bei seiner bedingungslosen Liebe zu seinem
himmlischen Vater. Er hat sich geopfert. Er war der eine Mensch, der
lieber gestorben ist als das alte Spiel von Macht und Ungerechtigkeit
abzusegnen. Es war die Lieblosigkeit der Menschen, die ihn ans Kreuz
brachte. Er hat dies auf sich genommen - und er hat die Schuld
bezahlt. Er stirbt - und Menschen erkannten darin: “Das war ja
wirklich Gottes Sohn!” Und es bleibt nicht bei dem Tod, sondern Gott
weckt seinen Sohn auf von den Toten, und schenkt so uns allen neues
Leben.
Auch ich möchte manchmal lieber dem Thema Schuld, Leid und Tod
ausweichen. Es ein bisschen angenehmer, leichter machen. Aber darin
steckt auch eine Gefahr: Wenn wir aus Jesus nur den freundlichen,
netten und sanftmütigen Mann der leisen Töne machen, dann verliert er
auch etwas Entscheidendes: Er ist kein Spielverderber mehr. Die Welt
mit ihrem Hass, mit ihrer Gewalt, mit dem ständigen Sieg der Stärkeren
über die Schwächeren, sie könnte prima weitermachen, wie sie ist. Auch
einer Taufe fehlte etwas: durch die Taufe hat ein Mensch Anteil am
Bund Gottes mit den Menschen. Und dieser Bund muss ein starker Bund
sein, er muss stärker sein als alles, was das Leben einschränkt und
bedroht. Und da gibt es leider in unserer Welt so einiges.
Um so wichtiger ist zu wissen, dass Jesus neue Spieregeln eingeführt
hat: Der Kleinste gibt das Tempo an, Glaube, Liebe, Hoffnung regieren
die Welt und nicht Geld, Macht und Dummheit, jeder Mensch ist gleich
wichtig, Gerechtigkeit und Frieden müssen wachsen und nicht Profit und
Eigennutz. Und wem das nicht passt - und da gibt es einige, denen das
nicht passt - der muss wissen, dass er sich damit gegen Jesus und sein
Evangelium stellt.
Auf Jesus schauen, in seinem Tod und seiner Auferstehung die Erlösung
zu begreifen - das ist eine gute Entscheidung, glauben Sie’s mir. Und
wenn dann denen, die nur an sich selbst glauben wollen, das Spiel
verdorben wird - nun ja, das wäre doch nicht schlimm, oder?
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 26.03.07