
Das Kreuz
Predigt am Karfreitag - 6. April 2007
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das heisst: Schädelstätte, gaben sie Jesus Wein zu trinken mit Galle vermischt; und als er's schmeckte, wollte er nicht trinken. Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum. Und sie saßen da und bewachten ihn. Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes: dies ist Jesus, der Juden König.
Und da wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken. Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steigt herab vom Kreuz! Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: anderen hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben. Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: ich bin Gottes Sohn. Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.
Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Rund um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: er ruft nach Elia. Und zugleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. Die anderen aber sprachen: Halt, lass sehen ob Elia komme und ihm helfe! Aber Jesus schrie abermals laut und verschied.
Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von obenan bis unten aus. Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen. Doch als aber der Hauptmann und, die mit ihm Jesus bewachten, das Erdbeben sahen und, was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!
Gott, segne du dein Wort an uns allen. Amen.

Nun ist es da, liebe Schwestern und Brüder: das Kreuz. Angekommen nach
den fast sieben Wochen, die seit dem Aschermittwoch, dem Beginn der
Passionszeit, vergangen sind; angekommen ist Jesus auf der letzten
Station seines furchtbaren Kreuzweges; angekommen ist auch seit
gestern dieses Kreuz hier an der Wand, das die Umgestaltung unserer
Kirche vollendet.
Sie haben dieses Kreuz bestimmt schon betrachtet. Sie haben sich ein
Urteil über Form, Farbe und Material gemacht; ein Urteil zwischen
Zuneigung oder Ablehnung. Aber es geht ja nicht um dieses Kreuz. Es
geht um das Kreuz Jesu Christi, das eher betrachten und über dessen
Sinn wir nachdenken wollen.
Zwei Balken, die sich treffen: ein horizontaler Balken, der den
Horizont dieser Welt darstellt. Wenn die Augen nur an diesem
horizontalen Balken des Kreuzes entlanggehen, dann drückt die Bewegung
des Kopfes ein Nein aus. Wenn wir nicht über den Horizont dieser Welt
hinaus sehen können, dann können wir nur den Kopf schütteln über all
die Ungereimtheiten, die hoffnungslosen Rätsel auch unseres Lebens.
Der Künstler, der dieses Kreuz gestaltet hat, Tobias Kammerer, der
auch diese vier Fenster entwarf, hat etwas sehr wichtiges über die
beherrschende Farbe Blau an dieser Stelle gesagt. Er verbindet nämlich
Blau eben nicht mit dem Himmel, der Treue oder etwas nur Gemütlichem.
Blau ist als Farbe sehr weit entfernt von Rot, der Farbe der
Leidenschaft und der Liebe, und vor allem sehr weit entfernt von Gelb,
der Farbe der Sonne und der Farbe für Gott. Blau hat auch etwas sehr
Kaltes. Blau kann aus sich heraus keine Wärme ausstrahlen. In den
Fenstern, die für die Schöpfung Gottes stehen, kommt nach und nach das
Grün für das Leben, und vor allem das Orangegelb für Gott und das
Purpurrot für die Ewigkeit hinzu.
Ans Kreuz gebracht hat Jesus die Lieblosigkeit der Menschen. Sein Tod
war kein bedauerlicher Unfall, sondern die Konsequenz seiner Liebe
allein zu seinen himmlischen Vater. Jesus musste sterben, weil die
Liebe Gottes eine Bedrohung für die Mächtigen der Welt darstellt. Und
die Menschen dachten, wenn Jesus stirbt, dann hat ein für alle Mal
Gottes Liebe in der Welt verloren.
Jesus ist das Sterben alles andere als leicht gefallen. Er hat tiefe
Gottverlassenheit gespürt, unsagbare Schmerzen erlitten und auch große
Zweifel gehabt, ob sein Sterben überhaupt sinnvoll ist.das Ende seines
Lebens ist ein gellender Schrei. Sein Tod ist nicht der Tod eines
Helden, sondern eines wie ein Verbrecher hingerichtet verzweifelten
Menschen.
Aber das Kreuz hat ja noch einen anderen Balken: den senkrechten
Balken. Wenn wir ihm mit den Augen nachgehen, ergibt sich eine andere
Bewegung: von oben nach unten und wieder nach oben: ein Ja.
Erst wenn wir über den Horizont dieser Welt hinaus sehen, wenn wir
Gottes Liebe erkennen, sein Ja zu uns, dann begreifen wir das ganze
Kreuz. Das Kreuz im Schnittpunkt von Ja und Nein, von Mensch und Gott.
Das Kreuz: das Zeichen des Todes. Ja. Aber auch das Zeichen dafür, wie
Liebe das Leiden aushält, ja sogar den Tod. Und damit ist das Kreuz
auch ein Zeichen für das Leben. Ein Zeichen dafür, dass Liebe stärker
ist als das Leiden, sogar stärker als der Tod.
Nur der waagerechte Balken: ein Minuszeichen. Erst durch den Balken,
der von oben kommt, wird es zum Pluszeichen, zum Zeichen der Liebe,
zum Zeichen des Lebens.
Und so bleibt eben nicht der gellende Schrei das letzte, was wir von
Jesus hören. Da werde die Naturgesetze mit einemmal auf den Kopf
gestellt. Da zerreißt der Vorhang im Tempel, der das Allerheiligste
von den Menschen trennte. Dies ist ein Symbol: Gottes Macht der Liebe
braucht nicht mehr hinter Vorhängen versteckt zu werden. Gottes Liebe
wird offenbar. Ein für alle Mal. Unmissverständlich. Und es ist eben
nicht gelungen, diesen einen Menschen Jesus von Nazareth, der seinem
himmlischen Vater bis zuletzt treu blieb, mundtot zu machen. Da bebte
die Erde, da zerspringen Felsen, da stehen Menschen aus Gräbern auf
-und zwar schon jetzt, und zwar schon hier, mitten im Leben. Und das
geschieht nicht nur äußerlich, sondern auch in den Herzen der
Menschen. Es sind die Henkersknechte, und ausgerechnet Ihr brutaler
und abgebrühter Hauptmann, die zuerst eine Ahnung von der
unglaublichen Macht Gottes bekommen. In ihren harten Herzen zerspringt
etwas und sie sagen den Satz: wahrlich, dieser ist Gottes Sohn
gewesen!
Das Kreuz – nicht schön, aber doch lebensnotwendig. Ein Glaube ohne
Kreuz ist nur etwas für Sonnenschein und gute Tage. Das Kreuz
durchkreuzt gewohntes Leben und die gewohnten Vorstellungen von Gott.
Gott ist im Leid. Gott ist bei den Menschen die leiden. Und weil Jesus
nicht herab stieg vom Kreuz, zerreißt der Vorhang vor dem
Allerheiligsten und springen die Gräber auf: Gott hat den Tod besiegt.
Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Fürbitten Karfreitag
Herr Jesus Christus,
in einer dunklen Stunde
hast du von der Gabe des Friedens gesprochen.
Wir erbitten die Gabe für uns selbst,
damit wir die innere Gelassenheit bekommen,
die uns nicht genommen werden kann,
und fähig werden, deinen Frieden in die Welt zu tragen,
die vom Streit zerrissen ist.
Gib Frieden, Herr, in unserer Zeit.
Wir rufen zu dir:
Herr, erbarme dich!
Wir beten für die,
die Ungerechtigkeit und Verdrehung bekämpfen,
deren ständige Begleiter der Tod ist,
deren nervliche und körperliche Strapazen unerträglich geworden sind,
in denen die Ströme des Mitleids vertrocknet sind,
und deren einziges Ziel es ist, den „Feind“ zu vernichten:
Was auch ihre Hautfarbe sein mag - wir beten für sie.
Wie auch immer ihre Stimme klingen mag - wir beten für sie.
Welche Kennzeichen sie auch immer tragen - wir beten für sie.
Gib Frieden, Herr, in unserer Zeit.
Wir rufen zu dir:
Herr, erbarme dich!
Wir beten für alle,
die unter den Folgen der Kriege leiden,
die weinen oder die nicht mehr weinen können;
die ihre Angst fühlen
oder die jegliches Gefühl verloren haben;
für alle Gefangenen und ihre Kerkermeister;
für alle, die in Ländern leben müssen,
die vom Krieg zerrissen sind,
für alle, die keine Heimat mehr haben.
Gib Frieden, Herr, in unserer Zeit.
Wir rufen zu dir:
Herr, erbarme dich!
Tief verwurzelt in uns ist das Verlangen,
uns durchzusetzen.
Wir verteidigen unsere Ansichten,
wenn wir uns ihrer schämen sollten.
Wir vergleichen unsere besten Eigenschaften
mit den schlechtesten unserer Gegner.
Wir sind nicht bereit, einzugestehen,
dass unsere eigensüchtigen Wünsche
zum Elend anderer beitragen.
Gib Frieden, Herr, in unserer Zeit.
Wir rufen zu dir:
Herr, erbarme dich!
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 08.04.07