
Korn, das in die Erde
Liedpredigt über Eg98 zum Sonntag Lätare, 18. März 2007
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
viele Menschen haben in der Passionszeit ihre Mühe mit den traditionellen Bildern, wie sie uns auch in den Passionsliedern begegnen: Gotteslamm, Schmerzensmann, Würgebank.
Da scheint das Lied, das wir gerade gesungen haben, sehr viel eingängiger und verständlicher zu sein.
Wir haben diese Melodie gehört. Sie kommt mir vertraut vor und fremd zugleich: wie sich von einem Ton zum anderen die Stimmung verschiebt, wie aus dem traurigen Moll mit einem Mal Dur-Klänge erwachsen, verhalten zwar, doch irgendwie fröhlich und hoffnungsvoll. Leicht kommt die Melodie daher, kurz und prägnant; kaum hat sie angefangen, ist sie schon zu Ende, um sich dann aber aufs neue fortzusetzen, sicher und gewiss. Dieses Lied zur Passion ist wie die Lebenszeit selbst, mit ihren Höhen, mit ihren Tiefen und mit ihrer Schnelligkeit, die schlagartig Gewesenes vor Augen stellt und mich zugleich fragen lässt, wie es weiter geht. Woher komme ich, wo gehe ich hin?
Der Gegensatz zwischen Leid und Hoffnung muß selbst gefüllt, erfahren und durchlebt werden.
Dabei ist auch das Bild vom Weizenkorn, das in die Erde fällt, ein altes, uraltes, biblisches Bild. Im ersten Testament begegnet uns der Weizen als Bild der Fülle, des erfüllten Lebens, des Heils Gottes: wer mit Weizen gesättigt wird, dem fehlt es an nichts.
Im Neuen Testament wird dann sprichwörtlich die Spreu vom Weizen getrennt, die Menschen, die sich um nichts kümmern, von denen, die nach Gottes Willen leben. Das Wort Gottes wird mit dem Weizen verglichen, den ein Bauer auf seinem Acker einsät. Und Jesus selbst, der Sinn seines Todes und seiner Auferstehung wird mit dem Weizenkorn verglichen, das erst im Acker begraben werden muss, um danach zu wachsen und viele Körner hervorzubringen – Nahrung für den Hunger nach Leben so vieler Menschen. Wir haben es im Wochenspruch am Anfang des Gottesdienstes gehört.
Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt,
Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt -
Liebe lebt auf, die längst erstorben schien:
Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.
In Jesus hat Gott seine Liebe zu uns Menschen begreifbar, angreifbar und verletzlich gemacht.
Und die Mächtigen oder auch die Menschen wie Sie und ich, wer weiß, haben diese Chance ergriffen.
Gottes Liebe war zu anders als die Regeln der Macht. Zu unsicher, zu unverfügbar, zu allumfassend. Dieser Gott, von dem Jesus da erzählt, den er lebt, ist so völlig anders als der Gott, an den wir uns gewöhnt hatten, den wir gerne hätten, also: „Ihr habt die Gotteslästerung gehört. Was ist euer Urteil? Sie aber verurteilten ihn alle, daß er des Todes schuldig sei.“ (Mk 14,64)
Im Be- und Verurteilen sind wir zügig mit Stäben bei der Hand, die schnell brechen.
Wie gut, dass die Angelegenheit mit Jesus sich so schnell erledigen ließ. Schon am Abend konnte er in ein Grab gelegt werden, der schwere Stein, mannshoch, verschloss das Dunkel sicher und zuverlässig. Diese unkalkulierbare Liebe, die selbst denen geschenkt wurde, die es nach einhelliger Meinung nicht wert waren, die offenkundig nichts geleistet hatten, (die Kinder und die Kranken, die Frauen und die Sünder, um nur einige zu nennen) war gut hinter Stein und Tod verschlossen.
Besitzen Sie einen Acker? Einen Garten? Oder einen Balkonkasten? Aus unserem Garten kann ich Ihnen folgende Erfahrung wiedergeben und ich weiß, sie ist nicht singulär: Erledigt! Denke ich, nachdem ich in mühevoller Kleinarbeit ein Stück Erde ordentlich gejätet habe. Alles im Griff! Aber kaum noch einmal hingeschaut, da wächst und sprießt es wieder. Besonders jetzt im Frühling!
Das, was wie Tod aussieht, ist in Wahrheit der Keim zu neuem Leben.
Über Gottes Liebe brach die Welt den Stab,
wälzte ihren Felsen vor der Liebe Grab.
Jesus ist tot. Wie sollte er noch fliehn?
Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.
Gestein, Gestrüpp und Dornen, verloren und gefangen – die Klagemauer der Konfirmandinnen und Konfirmanden spricht von vielem, was uns gefangen hält.
Beispiele
Es ist schwer, dabei an der Liebe Gottes nicht zu zweifeln. Schwierig,
dieser Liebe noch etwas zuzutrauen und nicht zu glauben, die Liebe
Gottes sei wirklich hinter dem schweren Rollstein im Tod gefangen.
Ich bewundere Geduld und Vertrauen der Landwirte. Einsäen und tage-
manchmal sogar wochenlang geschieht – nichts! Viel investiert an Mühe
und Arbeit, Zeit und Geld. Und dann liegt alles wie tot.
Immer wieder neu verstehe ich, was Loslassen bedeutet. Man muss
weggeben, ohne etwas dagegen tun zu können. Ich kann nur darauf
vertrauen, dass nichts und niemand verloren ist. Und: dass Neues aus
der Tiefe werden wird.
Das, was wie Tod aussieht, das in die Erde gesäte Korn, ist in Wahrheit der Keim zu neuem Leben.
Im Gestein verloren Gottes Samenkorn,
unser Herz gefangen in Gestrüpp und Dorn -
hin ging die Nacht, der dritte Tag erschien:
Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 19.03.07