
Er steht zu uns, so wie wir sind
Predigt zum Sonntag Misericordias Domini - 22. April 2007
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
V.Reihe: Johannes 21,15-17
Friede sei mit euch und Gnade in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.
Der Predigttext, liebe Schwestern und Brüder, steht bei Johannes im
21.Kapitel:
Als Jesus mit seinen Jüngern das Mahl gehalten hatte, spricht er zu Simon Petrus: „Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber als mich diese haben?“ Er spricht zu ihm: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.“ Spricht Jesus zu ihm: „Weide meine Lämmer!“ Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: „Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?“ Er spricht zu ihm: „Ja, Herr,du weißt, dass ich dich lieb habe.“ Spricht Jesus zu ihm: „Weide meine Schafe!“ Spricht er zum dritten Male zu ihm: „Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?“ Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Male zu ihm sagte: hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: „Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe.“ Spricht Jesus zu ihm: „Weide meine Schafe!“
Soweit unser Predigttext. Gott, segne dein Wort an uns allen.
Liebe Schwestern und Brüder,
der Jünger Petrus sitzt draußen auf dem Hof des Hohen Rates, während
drinnen Jesus verhört und verurteilt wird. Da spricht ihn eine Magd
an: „Du bist doch einer von diesen Jesus-Leuten!“ Und der Jünger
Petrus lügt und sagt: „Ich weiß nicht, was du sagst.“ Aber noch eine
andere Magd erkennt ihn und fragt ihn, zu wem er gehöre. Und der
Jünger Petrus, der vorher Jesus versprochen hatte, notfalls mit ihm zu
sterben, sagt wiederum: „ich kenne diesen Menschen Jesus nicht.“ Und
andere werden aufmerksam. Sie bilden einen Kreis um ihn und sagen:
„Gib es doch zu, du bist auch aus Galiläa, deine Sprache verrät dich.“
Aber Petrus verflucht sich, lügt und schwört: „Ich kenne diesen
Menschen nicht!“ Da kräht der Hahn. Und mit einem Mal wird es Petrus
klar: so wie es ihm angekündigt war, hat er dreimal seinen Herrn
verleugnet. Und er geht und beginnt bitterlich zu weinen.
Zu weinen, weil er so kläglich versagt hat. Dass er so mutig war in
seinen Ankündigungen und so feige in seinen Taten. Dass ihm sein
eigenes Leben so viel mehr wert war als die Treue zu Jesus.
Er weiß, er ist schuldig geworden. Er hat das Vertrauen, das Jesus in
ihn gesetzt hat, damals, als er zu ihm sagte: du bist Petrus, auf dich
will ich meine Kirche bauen!, bitter enttäuscht.
Er ist schuldig geworden, schuldig, weil ihm seine eigene
Bequemlichkeit, seine Unversehrtheit, wichtiger waren als die
Nachfolge Jesu.
Vor Gott unsere Schuld bekennen, dabei geht es in erster Linie nicht
um unsere moralischen kleinen oder großen Verfehlungen, sondern um
etwas viel Umfassenderes: wir können sooft das Gute, das Richtige tun,
das, was anderen und letztlich auch uns selbst hilft und dient,
stattdessen tun wir aus Nachlässigkeit, auch Bequemlichkeit und aus
Angst, selbst zu kurz zu kommen, gerade dieses nicht, sondern das, was
anderen schadet. So werden wir schuldig aneinander. Wir werden
schuldig vor Gott, weil wir eben nicht das Gute tun, was wir tun
könnten.
Wir bekennen unsere Schuld, und wir können uns auch die Vergebung
zusprechen lassen. Aber auf welche Weise vergibt uns Gott? Das können
wir an Petrus sehen. Denn auch ihm hat Gott vergeben. Dreimal, genauso
oft Petrus seinen Herrn verleugnet hat, fragt ihn der auferstandene
Jesus: hast du mich lieb? Und mit jeder Frage betrübt er Petrus mehr.
Schmerzhaft wird er daran erinnert, dass er schon öfter behauptet hat,
er würde Jesus lieben, aber genauso oft hat er schließlich versagt. Er
wird traurig, weil er seine eigene Unzulänglichkeit, seine Grenzen,
seine Schattenseiten aufgezeigt bekommen.
Hast du mich lieb?-Ja, ich möchte gern, aber ich weiß, ich versage
doch wieder.
Aber Jesus, der Auferstandene, nimmt ihm alle Ängste und Traurigkeit.
„Weide meine Lämmer.“ Ich mache dich trotzdem wieder zum Hirten über
die, die mir nachfolgen, meint Jesus damit. ich verstoße dich nicht,
obwohl du mich verraten hast. Das heißt Vergebung: Gott rechnet uns
unser Versagen nicht an.
Nun könnte man meinen, damit ist ja alles gut; wenn Gott uns vergibt,
brauchen wir uns um unser Versagen gar keine Sorgen zu machen. Aber so
geht es nicht. Schuld ist nur vergebbar, wo sie bewusst geworden ist.
Ohne die Traurigkeit über die eigenen Schattenseiten ist die Freude
über die Vergebung nicht erfahrbar. Vergebung ist kein Sonderangebot,
das fast nichts kostet.
Christen bekommen durch die Taufe die Vergebung unserer Schuld als
Geschenk des Auferstandenen. Denn das ist ja das Wesen der Taufe: Gott
macht uns zu seinen Kindern, obwohl wir ihn missachten, nicht ernst
nehmen, versagen und im Unfrieden leben mit unseren Mitmenschen. Und
Glaubwürdigkeit ist nur dann möglich, wo wir gerade unsere Schatten,
unsere Unzulänglichkeiten nicht verstecken. Glaubwürdige Christen sind
wir nur da, wo wir auch Verständnis und Fürsorge für andere
aufbringen, sie so annehmen wie sie sind.
Dreimal fragt Jesus den Petrus: hast du mich lieb? Denn dreimal hat
Petrus seinen Herrn verleugnet. Dreimal vergibt ihm Jesus, dreimal
nimmt er ihm die Schuld, die Petrus betrübt hat und schenkt ihm so
neues Leben, neue Liebe. Billiger ist Vergebung nicht zu haben. Schuld
muss beim Namen genannt werden. Und jedes neue Versagen hat neues
Annehmen der Vergebung zufolge. Aber - nur dies macht unsere
Predigt-Text auch deutlich - deshalb braucht ein Christ keinesfalls
ständig mit zerknirschtem Gesicht und freudlosem Gehabe durch die Welt
zu gehen. Wohl braucht immer wieder neu das Leben aus der Vergebung,
die Annahme der Sündenvergebung. Aber wir dürfen auch wissen, dass in
der Taufe Gott uns ein für alle Mal als sein Kind angenommen hat. Wir
können wohl ungehorsam gegen ihn sein, wir bleiben aber immer ihm
zugehörig. Und so können wir auch immer seiner Vergebung gewiss
bleiben. Immer dann, wenn wir auch bereit sind, zu unseren
Schattenseiten zu stehen und uns nicht selbst rechtfertigen zu wollen.
Deshalb konnte Luther auch sagen: die Buße ist eine fröhliche Sache.
Es ist gut, die Lasten abzulegen loszuwerden, die wir mit uns herum
schleppen als Schuldkomplexe, die wir allzu oft verdrängen und
verstecken. Fröhlich lasst uns die Kinder taufen, in dem Vertrauen,
dass Gott es gut mit ihnen meint, auch wenn die Welt, in die wir diese
Kinder aufwachsen lassen, alles andere als sorgenfrei ist.
Der auferstandene Christus macht uns fähig zu echter und tragfähiger
Gemeinschaft. Nicht, weil wir besser sind als andere, sondern, weil
wir ihn auf unserer Seite haben. Wir selbst sind oft unvollkommen,
manchmal auch feige, voller Angst und auch voller Schuld. Aber als
solche hat uns Gott einfach nur lieb. Er steht zu uns, so wie wir
sind. Als solche, liebe Schwestern und Brüder, lasst auch uns einander
annehmen so, wie wir sind.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserm Herrn.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 22.04.07