
Neues Leben kommt aus dem Hören einer fremden Stimme
Predigt zum Sonntag Okuli - 11. März 2007
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
V. Reihe: Jeremia 20, 7-11a
Du hast mich verführt, Gott, und ich, Jeremia, habe mich verführen lassen. Du hast mich ergriffen und hast mich überwältigt. Ich bin zum Gespött geworden jeden Tag, sie alle verlachen mich. Ja, sooft ich rede, muss ich schreien,“Gewalt und Zerstörung“ muss ich rufen. Denn das Wort Gottes wurde mir zu Schmach und Hohn jeden Tag. Wenn ich aber sagte:“Ich will mich Gottes nicht mehr erinnern und nicht mehr reden in göttlichem Namen“, so war es in meinem Herzen wie brennendes Feuer, eingeschlossen in meinen Gebeinen. Ich mühte mich ab, es zu ertragen, aber ich kann es nicht. Ja, ich habe das Gerede Vieler gehört: „Schrecken ringsum-verklagt ihn- wir wollen ihn verklagen!“Alle Menschen, die mir vertraut sind, sie warten auf meinen Sturz: „Vielleicht wird er verführt, so dass wir ihn überwältigen und uns an ihm rächen können!“Aber Gott ist bei mir, mächtig und stark, deshalb werden straucheln, die mich verfolgen und nichts zu Stande bringen.
Fünfundzwanzig Jahre ist er, ist Jeremia, , liebe Gemeinde, als ihn
Gottes Ruf trifft. Er hat gerade begonnen, seine eigenen Wege zu
gehen, hat sich auf die Suche gemacht nach dem, was sein Leben
ausmachen soll. „Ich bin zu jung“, sagt er, „ich kann das nicht,
Gott“. Und später sagt er :“Du hast mich überredet, ergriffen, mich
überwältigt“. Und dann geht er los, lässt sich von Gottes Geist leiten
und redet- nicht über die Zukunft, sondern „mit offenen Augen“ in der
Gesellschaft seiner Zeit.
Er warnt vor den Bündnissen der kleinen Staaten gegen Babylon, ohne
Erfolg, am Ende wird Jerusalem von Babylon zerstört. Er wütet gegen
die vielen kleinen Kultstätten, die wieder auf den Bergen entstehen,
wo Vater Mond und andere Gottheiten verehrt werden. Und er greift die
religiöse Instanz, den Tempel selber, an. „Ihr solltet besser dafür
sorgen, dass den Armen kein Unrecht geschieht“. Was er auch sagt,
alles macht ihm Feinde. Die Mächtigen binden ihn Tage lang an einem
Stadttor Jerusalems in den Block. Vorbeigehende machen sich lustig.
Sie machen ihn zum Gespött.
Jeremia klagt, streitet gegen Gott und gegen seinen Auftrag.
Konfessionen, Bekenntnisse, fünf Reden im Buch des Propheten Jeremia
erzählen davon, erzählen, wie es Jeremia ergeht mit seiner Berufung.
Eine Wahl hatte Jeremia dabei nicht. Zu laut war die Stimme Gottes in
seinem Ohr, zu sehr brannte Gottes Wort in seinem Herzen wie Feuer.
Jeremia, vielleicht einst ausgezogen, ein friedliches, privates Leben
zu leben, hatte keine Wahl. Er wurde gewählt.
Und doch wird am Ende deutlich: Jeremia findet Sinn und Hoffnung in
dem, was Gott ihm zumutet. Jeremia findet Sinn und Hoffnung im Hören
auf die Stimme Gottes. Er lebt aus einer kämpferischen Beziehung zu
Gott, die sein Herz immer wieder zum Brennen bringt: „Du hast mich
überwältigt, Gott, mich verführt, setzt mich dem Leben aus, und bist
bei mir, Gott, mächtig und stark.“
Und da stehen wir nun, liebe Gemeinde, wir, die wir uns selbst so oft
in unserer Selbstbestimmung, unseren Wahlmöglichkeiten suchen, und da
steht Jeremia, ganz anders als wir, der sich wählen lässt und dann
sich selber findet in seinen Fragen, seinem Klagen und seinem Hören
auf Gottes Wort. Ein mit Gott und seinem Leben versöhnter Mensch. Ein
Prophet.
Wir sind keine Propheten. Oft fehlt uns das Brennen in unserem Herzen.
Ob Gott uns gewählt hat- und wir ihn- das ist uns oft mehr als
fraglich. Verbindet uns etwas mit Jeremia und seinen Erfahrungen mit
Leben und mit Gott?
Ich habe in dieser Woche einen Satz gelesen, der, wenn ich es richtig
verstanden habe, vom Theologen Fulbert Steffensky stammt. Der Satz
lautet:
„Neues Leben kommt aus dem Hören einer fremden Stimme.“
In diesem Satz habe ich etwas gefunden, was mich, bei allem, was mich
von Jeremia trennt, doch mit ihm verbindet.
Jeremia hört die fremde Stimme Gottes, kann sich ihr anvertrauen, sich
mit ihr auseinandersetzen, sein Leben lang, und sich so sicher werden:
Gott ist da.
Neues Leben kommt aus dem Hören einer fremden Stimme. Und das spüre
ich auch: Neues, wirklich lebensschaffendes kann ich mir nicht selber
sagen, finde ich nicht, auch wenn ich noch so tief in mich und meine
Bedürfnisse hineinhorche. Neues sinnvolles Leben schaffe ich nicht,
indem ich dieses oder jenes, diesen oder jenen wähle. Neues Leben
kommt aus dem Hören einer fremden Stimme, der Stimme Gottes, die mir
neues und vertrautes zuspricht.
Und gerade in einer Welt voller unzähliger Möglichkeiten sagt mir die
Stimme Gottes:
Dein Leben darf Brüche haben, Risse, du darfst falsche Wege gehen,
weil du immer wieder umkehren kannst.
Dein Leben darf aus Abschnitten bestehen, aus Teilen, die sich nicht
immer zusammenfügen lassen. Am Ende bin ich der, der alles
zusammenhält.
Und auch, wenn du es nicht spürst, dich mehr sehnst als weißt, mehr
hoffst als glaubst:
Mit deinem Suchen nach Sinn, mit deiner Sehnsucht nach Klarheit habe
ich dich erwählt- als Propheten oder Prophetin und als Kind Israels,
und auch als Bruder und Schwester Jesu.
Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 09.04.07