
Viele Engel sind euch gegeben: Aber ihr seht sie nicht
Predigt zum Ostersonntag, 8. April 2007
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes
in Jesus Christus, unserm Herrn.
Liebe Schwestern und Brüder,
es ist die zarteste aller Auferstehungsgeschichten, um die es jetzt in
der Predigt gehen soll: Johannes 20. Maria von Magdala begegnet dem
Auferstandenen. Direkt vor ihr hatte der Lieblingsjünger Jesu die
leere Grabkammer entdeckt - und sofort an die Auferstehung Jesu
geglaubt. Auch Simon Petrus betrat bereits das Grab - und geht einfach
nach Hause. Nun bleibt Maria von Magdala allein zurück. Sie ist eine
der Frauen, die zum engsten Freundeskreis Jesu gehörten. Offenbar hat
sie sich entscheiden, Jesus nachzufolgen, nachdem der sie von 7
Dämonen geheilt hatte. Bis zuletzt hat sie ihm die Treue gehalten,
blieb noch unter dem Kreuz in seiner Nähe. Sie gehörte wohl zu den
wohlhabenden Frauen, die Jesus und seine Freunde ernährten. Der
Kirchenvater Augustin nannte sie „Apostola Apostolorum“, stellte sie
auf eine Stufe mit Petrus. Maria von Magdala ist einer der
Schlüsselfiguren für die Bedeutung von Frauen in der
Kirchengeschichte. An ihr wird deutlich, dass die Frauen in der alten
Kirche Apostelinnen, Zeuginnen und Leiterinnen der Gemeinden waren.
Nun zu unserem Predigttext. Ich lese ihn in einer Übertragung, die der
ursprünglichen Bedeutung der griechischen Vorlage besser gerecht wird
als uns bekannte Übersetzungen:
Die Jünger (=der Lieblingsjünger und Petrus) gingen nach Hause zurück. Maria aber blieb vor dem Grab und weinte bitterlich, von Kummer und Schmerz gebeugt.
Als sie aufblickte, sah sie plötzlich in der Grabkammer zwei Engel in leuchtenden Gewändern an der Stelle sitzen, wo Jesus gelegen hatte, einen am Kopfende und einen am Fußende. Die Engel sprachen sie an: „Warum weinst du, gute Frau?“ Sie antwortete: „Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wohin sie ihn gebracht haben.“
Dann drehte sie sich um und sah einen Mann dastehen. Es war Jesus, doch sie wusste nicht, dass er es war. Er fragte sie: „Warum weinst du, gute Frau? Suchst du jemanden?“
Sie dachte, es sei der Gärtner, und antwortete: „Herr, wenn du ihn weggetragen hast, sag mir bitte, wo er ist, damit ich ihn holen kann.“
Da sagte Jesus zu ihr: „Maria!“ Sie machte einen Schritt auf ihn zu, um ihn kniefällig zu verehren, und rief: „Rabbuni!“ Das ist hebräisch und heißt: „Lehrer“. Jesus aber bat sie: „Noch nicht anbeten, bitte! Denn noch bin ich nicht zum Vater hinaufgestiegen. Aber lauf zu meinen Brüdern und sag ihnen, dass ich hinaufgehen werde zu meinem Vater, zu eurem Vater, zu meinem Gott, zu eurem Gott.“
Da ging Maria aus Magdala zu den Jüngern und sagte: „Ich habe den Herrn gesehen.“ Und sie berichtete, was er ihr aufgetragen hatte.“ (Übersetzung Klaus Berger, 1999)
Soweit unser Predigttext: Gott, segne du unser Reden und unser
Hören. Amen.
Was Auferstehung bedeutet, liebe Schwestern und Brüder, lässt sich
weniger in strengen dogmatischen Sätzen aussagen als an solchen
vielschichtigen Begegnungs-Geschichten nachempfinden. Da begegnet der
Maria Magdala zunächst nackte Verzweiflung. Das Liebste, was sie
hatte, ist ihr genommen worden. So stark war ihre Bindung an Jesus,
dass sie sich nicht schnell über den Verlust hinwegtrösten lässt. Sie
glaubt nicht an eine Auferstehung. Sie will nur noch Jesus ihren
letzten Liebesdienst erweisen: noch einmal seine Nähe suchen, seinen
Leichnam mit Öl salben.
Verzweifelt weint sie. In sich gekrümmt. Da sitzen zwei Engel im Grab.
Zu Kopf- und zu Fußend. Am Anfang und am Ende die Engel. Schutzengel,
Engel der Seelsorge. Sie lassen der Maria ihre Trauer. „Warum weinst
du, gute Frau?“
Wir alle, liebe Schwestern und Brüder, kennen Momente der nackten
Verzweiflung. Des Abschied-Nehmen-Müssen von einem geliebten Menschen.
Ach, wenn wir doch auch solche Engel sehen könnten, die uns an Stelle
des harten, unausweichlichen Endes einfach ansprechen: „Warum weinst
du?“
Maria sieht die Engel nicht. Sie ist in ihrer Trauer gefangen wie die
Dichterin Nelly Sachs es ausdrückt:
„Ihr Ungeübten
die in den Nächten
nichts lernen.
Viele Engel
sind euch gegeben
Aber ihr seht sie nicht.“
zitiert nach Gottesdienst Praxis Seria A, V.Perikopenreihe 2, S.119
Maria sucht weiter. Gibt nicht auf. Als sei ihr Dunkel noch nicht
dunkel genug. „Mein Herr ist gestohlen, ich finde ihn nicht mehr.“
Und dann steht Jesus selbst vor ihr. Kommt aus dem Garten, deshalb
hält sie ihn für den Gärtner. „Warum weinst du, gute Frau? Suchst du
jemanden?“ so fragt er sie. Ja, Maria sucht. Sie sucht den Toten bei
den Toten, nicht bei den Gärtnern. Nicht bei denen, die kultivieren
und bebauen, die pflegen und sorgsam helfen, neues Leben entstehen zu
lassen. Aber irgendwie sucht sie Hilfe bei diesem Menschen. Bei dem
zweiten Seelsorger, der sie anspricht in ihrer Not. „Herr, wenn du ihn
weggetragen hast, sag mir bitte, wo er ist, damit ich ihn holen kann.“
Wie recht sie hat - ohne es zu wissen. Dieser Gärtner ist ja Jesus
selbst. Er hat seinen eigenen Leib weggenommen auf dem Grab. Er kann
ihn wiederholen. Wieder-holen kann er die Lebensgeschichte zwischen
Jesus und dieser Frau. Er hat die Macht dazu. Er allein. Weil er der
Christus ist.
Jetzt - auf dem Höhepunkt - bricht Jesus die Spannung. Endlich spricht
er das erlösende Wort aus: „Maria!“ „Siehe, ich habe dich erlöst. Ich
habe dich bei deinem Namen genannt, du bist mein.“ „Ich bin der gute
Hirte und die Schafe hören meine Stimme und ich kenne sie.“ Es ist ein
Wiederholen, ein Heimkommen in diesem zärtlichen „Maria“. Es ist ein
Aufrichten von dem Gekrümmt-Sein in tiefer Trauer, ein Aufwachen aus
der tödlichen Lähmung nackter Verzweiflung. Das ist Auferstehung. Das
kann ein Mensch erleben schon vor dem Tod. Diese innige, persönliche
Zuwendung. Es ist, als würde das Tor zum Leben, vom Tod anscheinend
endgültig zugemacht, wieder aufgehen. Und die Welt dahinter ist
schöner als alles, was es bisher gab. Gesegnet die Menschen, die dies
erleben dürfen und bisher durften. Es gibt sie mitten unter uns. Und
sie können zu Engeln denen werden, die noch wie Maria im tiefsten
Dunkel sitzen. Wir müssen diese Engel nur sehen. Mit den richtigen
Augen sehen und begreifen und ihnen zuhören.
Maria will sich zu Boden werfen. „Rabbuni!“ Dieses Wort ist auch für
den Evangelisten Johannes unübersetzbar. So hat Maria Magdalena ihn
immer angeredet. Da schwingt alles mit: „Mein Lehrer, mein Herr, mein
Meister.“ Das ist ein Bekenntnis größter Hochachtung und innigster
Liebe.
Jesus sagt wörtlich, ja, eigentlich bittet er: „Noch nicht anbeten,
bitte! Denn noch bin ich nicht zum Vater hinaufgestiegen. Aber lauf zu
meinen Brüdern und sag ihnen, dass ich hinaufgehen werde zu meinem
Vater, zu eurem Vater, zu meinem Gott, zu eurem Gott.“
Falsch verstanden wäre die Reaktion Jesu, wenn wir meinten, Jesus
weise die Frau zurück. Als wolle er für dogmatische Richtigkeit sorgen
statt Nähe zuzulassen. Im Gegenteil. Ich glaube, es ist für Maria mit
einem großen Glücksgefühl verbunden, so von Jesus aufgerichtet zu
werden. Noch nicht anbeten. Lauf zu den Menschen. Lauf durch die
offene Tür in dein Leben. Es ist dir soviel geschenkt. So viel
Freiheit, so viel Nähe, so viel Liebe. Wir alle haben nun denselben
Gott, denselben Vater. Wir sind endlich vereint. Schwestern und
Brüder. Menschen begegnen sich, leben miteinander, feiern das Leben.
Lieben sich mit offenem Herzen, ohne Besitzanspruch, ohne sich
festhalten und einschränken zu wollen.
Und Maria Magdalena läuft. Läuft in ihr Leben. Läuft voller Freude.
Auch sie ist auferstanden. Läuft und wird ihren Freunden ein Engel.
Der Liebste, den sie auf Erden hat, er lebt und ist nun immer bei ihr.
Nicht Auferstehung einer guten Sache, einer sinnvollen Idee, sondern
Auferstehung eines Menschen, einer Person - das hat sie erfahren.
Diese Stimme trägt sie, deren Klang sie wieder ins Leben geführt hat,
die Stimme, die ihren Namen gesagt hat.
Aufrecht ist sie nun, die Maria Magdalena. Die Trauer vom Beginn hat
sie niedergedrückt und den Tod suchen lassen. Nun ist sie dem
Lebendigen begegnet und sucht das Leben. Vereint mit ihrem Liebsten,
zusammen mit ihren Lieben.
Auch unter uns, liebe Schwestern und Brüder, gibt es unsagbar
Traurige, die nicht einmal die Engel wahrnehmen, die um sie herum
warten. Öffnen wir diesen Menschen die Augen für solche Engel der
Seelsorge.
Auch unter uns, liebe Schwestern und Brüder, gibt es Menschen, die in
sich verkrümmt den Auferstandenen nicht mehr wahrnehmen, der direkt
vor ihnen steht. Gehen wir sorgsam und behutsam mit diesen Menschen
um. Auch für sie kommt der Moment, da sie ihren Namen hören: „Du,
bitte noch nicht anbeten. Geh hin in dein Leben - zu unseren
Schwestern und Brüdern.“
Auch unter uns, liebe Schwestern und Brüder, gibt es Menschen, denen
der Auferstandene begegnet ist. Sie gehen irgendwie aufrecht und
tragen doch noch die Spuren des überwundenen Leids an sich. Sie
bleiben leidenschaftlich und sehnsüchtig um das Wohl der Menschen
besorgt, manchmal sehen sie aus wie Verlierer.
Aber in ihren Herzen ist das Licht der Auferstehung. Die lebendige
Beziehung zum Urgrund allen Lebens. Sie suchen das Heil ihrer
Schwestern und Brüder und der ganzen Welt. Und von ihnen springt der
Funke über auch in unsere Herzen.
Denn das lehrt Maria Magdalena:
„Ihr Ungeübten
die in den Nächten
nichts lernen.
Viele Engel
sind euch gegeben
Aber ihr seht sie nicht.“
Euch ist das Licht von Ostern aufgegangen.
Engel rufen euren Namen.
Ihr seid gemeint.
Seht den, der zu euch sagt:
So, wie du bist, bist du gut.
Geh hinein in dein Leben -
wie alt oder jung du auch bist.
Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Fürbitten Ostern
Gott,
du hast Jesus nicht im Tod gelassen.
Du hast ihm neues Leben geschenkt in deinem Reich.
Du willst auch uns Hoffnung und neues Leben schenken.
Wir bitten dich:
Sei du bei uns,
wenn wir an Gräbern stehen
und weinen oder trauern
an den Gräbern von Menschen, die uns genommen wurden
an den Gräbern unserer Hoffnung.
Lass allen, die nur auf ihre Gräber starren, Menschen begegnen,
die teilnehmen an ihrem Leid,
die uns nicht allein lassen mit unseren Tränen.
Öffne unsere Augen für die Boten des Lichtes,
deine Engel, die uns beistehen in dunklen Stunden.
Und stärke uns die Gewissheit,
dass dein Leben stärker ist als unser Tod.
Schenk allen, die dich suchen
und der ganzen Kirche
österliche Freude und Zuversicht.
Komm mit deinem Licht überall dorthin,
wo Hass und Gewalt wirken,
wo Menschen und ganze Völker
einander das Leben nicht gönnen.
Du willst,
dass auch die Kinder und jungen Menschen
an dich glauben und den Nächsten dienen.
Wir bitten dich heute besonders für Pierre-Philipp und Vanessa Celine.
Behüte sie an Leib, Seele und Geist.
Stehe ihnen bei mit deinem Trost.
Hilf allen, die Verantwortung für sie tragen,
dass sie die beiden mit der Kraft ihrer Liebe
und ihres Beispiels begleiten,
damit sie Vertrauen gewinnt zu dir.
Und lass uns alle zu Boten deines Lebens und des Friedens werden.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 08.04.07