
Den Blick in den Spiegel aushalten
Predigt zum Sonntag Reminiszere, 4. März 2007
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes
in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.
Der Predigttext steht im Johannesevangelium im 8.Kapitel:
Jesus sagt: „Der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, und was ich von ihm gehört habe, das rede ich zu der Welt.“ -
Sie verstanden aber nicht, dass er zu ihnen vom Vater sprach. Da sprach Jesus zu ihnen: „Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, dass ich es bin und nichts von mir selber tue, sondern wie mich der Vater gelehrt hat, so rede ich. Und der mich gesandt hat, ist mit mir. Er lässt mich nicht allein; denn ich tue allezeit, was ihm gefällt.“
Als er das sagte, glaubten viele an ihn.
Liebe Schwestern und Brüder,
Jesus spricht über sich. Er weiß genau zu sagen, wer er ist. Jesus
lebt in Übereinstimmung mit sich selbst und mit seinem himmlischen
Vater. Die Menschen verstehen ihn einmal überhaupt nicht, dann wieder
glaubten viele an ihn.
Jesus übt bis heute eine große Faszination auf Menschen aus, weil er
weiß, wer er ist. Weil er sagen kann, woher er gekommen ist, was sein
Sinn im Leben ist und wohin er unterwegs ist. Das ist ein alter
Menschheitstraum, dies zu wissen. Schauen wir doch einmal in unseren
Spiegel, liebe Schwestern und Brüder: wissen wir genau, wer wir sind?
Halten wir doch diesen Blick in das eigene Gesicht einmal länger aus:
Wer blickt uns da an? Kennen wir uns wirklich, können wir auch von uns
sagen, wir wüssten den Sinn unseres Leben - und wir wüssten auch, wie
unser Lebensweg weiterverlaufen wird, welches Ziel wir anstreben?
Wer bin ich? Ein Blick in den Spiegel, in das eigene Selbstbildnis ist
nicht leicht zu ertragen. Das ist eher unangenehm.
„Ein weiser Mann wurde einmal gefragt, warum er trotz seiner vielen
Beschäftigungen und Termine immer so gesammelt sein könne. Er sagte:
„Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn
ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich
spreche, dann spreche ich ...“ Ungeduldig wurde nachgefragt: „Das tun
wir auch, aber was machst du darüber hinaus?“ Der weise Mann
antwortete: „Darüber hinaus tue ich nichts. Aber ihr: Wenn ihr betet,
dann seid ihr schon wieder bei euren Geschäften. Wenn ihr sitzt, dann
steht ihr schon. Wenn ihr steht, dann lauft ihr schon. Wenn ihr lauft,
dann seid ihr schon am Ziel “ Hoffsümmer 1, 178
Ist das nicht eine treffende Beschreibung unserer Lebensweise, liebe
Schwestern und Brüder? Wie oft leben wir eben nicht im Einklang
miteinander. Noch während wir etwas tun, eilen unsere Gedanken weit
voraus oder zurück, geht uns so vieles im Kopf herum, dass es uns gar
nicht gelingt, dem gerecht zu werden, was wir im Moment tun. Und doch
möchten wir anders leben. Doch möchten wir eins sein mit dem, was wir
sagen, fühlen und tun. So wie es Jesus war. Er hatte ein für allemal
für sich geklärt, wer er war. Er wusste wie kein anderer Mensch, wo er
herkam und wohin er ging. So konnte er in jedem Moment ganz in dem
sein, was er tat. In den Begegnungen mit anderen Menschen war er ganz
und gar präsent. Da war nichts wichtiger als diese Begegnung. Da ließ
er sich vom Leid, von der Krankheit, von der Angst seines Gegenübers
so beeindrucken, dass er einfach heilen musste. Weil er sich mit sich
eins wusste, ging eine große Ruhe und Gelassenheit von ihm aus, die
andere nicht einzuschätzen wussten. Jesus wusste stets, wer er war -
und er lebte ohne Kompromisse seine eigene Identität.
Auch wir gäben heute viel, so zu sein. Eben auch immer und jederzeit
zu wissen, woher wir kommen, wer wir sind, wohin wir gehen. Ruhten wir
wirklich in uns selbst, dann wären nicht immer so vom Urteil anderer
abhängig. Es verunsichert uns doch, wenn andere uns schief ansehen,
wenn andere mehr Erfolg und Einfluss haben als wir. Wer kann schon
neidlos mit ansehen, wenn andere moderner, gesünder, mit viel mehr
Anerkennung durchs Leben gehen. Wir beurteilen doch ganz
selbstverständlich uns im Verhältnis zu anderen, messen uns an
Maßstäben, die uns hingehalten werden. Sind gestärkt, wenn wir merken,
andere sind auch nicht besser, sind verunsichert, wenn andere uns
anscheinend überlegen sind.
Jesus durchkreuzt alle diese Vorstellungen, er zerbricht alle
menschlichen Maßstäbe. Deshalb heißt es auch im Text: „Wenn ihr den
Menschensohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, dass ich es
bin...“ Gemeint ist das Kreuz. Selbst die totale Ablehnung Jesu durch
alle Welt, kann ihn nicht zerbrechen. Er weiß, wer er ist und bleibt
sich treu.
Das Wichtigste an unserem Predigttext ist die Aussage: Glaubt dem, der
wie kein anderer in Übereinstimmung mit sich selbst lebte. Glaubt an
Jesus. Denn dadurch wird uns, die wir so unruhig suchen, ein
einmaliger Weg eröffnet. Auch wir können zu uns finden. Solange wir
verkrampft versuchen, aus eigener Kraft uns unsere Identität erst zu
schaffen, werden wir scheitern. Wir werden da wir selbst, wo ein
anderer, ein ganz anderer: DU zu uns sagt. Jesus wusste: Gott hatte zu
ihm DU gesagt, ganz unbegrenzt, ganz uneigennützig. Gott war vor dem
Beginn seines Lebens, er wartete auf ihn nach dem Tode. Aus diesem DU
bezog Jesus die Kraft, er selbst zu sein. Ich bin ich - weil ich ganz
und gar in Einheit mit Gott leben kann.
Es ist dieselbe Kraft, die es auch uns möglich macht, wirklich wir
selbst zu sein. Zunächst gilt es, Abschied zu nehmen von der
Vorstellung, es sei der Vergleich mit anderen Menschen, der uns
Selbstsicherheit und Selbstverwirklichung bringt. Wir orientieren uns
viel zu sehr an religiösen und weltlichen Vorbildern. Gott aber reicht
es vollkommen, dass wir so sind, wie wir sind. Er durchschaut sowieso
unsere Fehler- und das Unglaubliche: er verzeiht sie uns. Ach, wenn
wir Christen doch viel erlöster miteinander und mit uns selbst
umgingen und nicht immer versuchten, einem Vorbild nachzueifern,
welchem auch immer, das wir doch nicht erreichen. Jesus hat es
vorgelebt: Wer in Einheit mit Gott lebt, der lebt auch in tiefer,
friedvoller Einheit mit sich selbst. Und Gott will nicht mehr, als
dass wir endlich „wir selbst“ werden, dass über das DU unser eigenes
ICH zum Leben erweckt wird, dass wir selbst in dem sind, was wir tun,
lassen, wenn wir essen, trinken, beten und sprechen.
So heißt es in einer jüdischen Geschichte: „In der kommenden Welt wird
man dich eben nicht fragen: Warum bist du nicht ein Heiliger geworden?
Warum hast du nicht das Maß erreicht, dass die wahrhaft Gläubigen
gesetzt haben? Sondern man wird dich fragen: Warum hast du nichts das
Maß erfüllt, das Gott dir ganz persönlich gesetzt hat? Warum bist du
nicht das geworden, was du eigentlich hättest werden sollen?“ (Hoffsümmer,
1, 175)
Könnte ich mein Leben noch einmal von vorn beginnen,
würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen.
Ich würde alberner sein, würde ganz locker werden,
nur noch ganz wenige Dinge ernst nehmen.
Ich würde entschieden verrückter sein und weniger reinlich.
Ich würde mehr Gelegenheiten beim Schopfe ergreifen
und öfters auf Reisen gehen.
Ich würde mehr Berge ersteigen,
mehr Flüsse durchschwimmen und
mehr Sonnenaufgänge auf mich wirken lassen.
Ich würde mehr Schuhsohlen durchlaufen,
mehr Eis und weniger Bohnen essen.
Ich würde mehr echte Probleme
und weniger eingebildete Nöte haben.
Wenn ich noch einmal von vorn anfangen könnte,
würde ich mehr verrückte Augenblicke haben –
genau gesagt: Augenblicke,
einen nach dem anderen,
und nichts mehr
von Plänen zehn Jahre voraus.
Könnte ich mein Leben noch einmal von vorn beginnen,
ich würde in aller Herrgottsfrühe
barfuss in den Frühlingsmorgen laufen
Ich würde mehr Fußball spielen,
und vom Karussell würden Sie mich
nicht mehr herunter bringen.
Ich wünsche uns allen, liebe Schwestern und Brüder, Ruhe und
Gelassenheit, den Blick in den Spiegel auszuhalten, die Erkenntnis, je
mehr wir eins sind mit Gott, dass seine Liebe ganz von allein auch
durch uns weiterwirkt. Ich wünsche uns allen den Humor, über die
Maßstäbe der Menschen zu lachen, damit sie so keine Macht mehr über
uns haben. Ich wünsche uns vor allem den Mut und die Hilfe lieber
Menschen, dass wir werden, was Gott will: nämlich wir selbst. Mit all
unseren liebenswerten, aber auch dunklen, mit all unseren starken aber
auch schwachen Seiten.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 04.03.07