
Vater unser
Predigt am Sonntag Rogate, 13. Mai 2007
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
V. Reihe: Matthäus 6, 7-13
Vater unser im Himmel.
Liebe Gemeinde, wir haben von Jesus gelernt, Gott als den
himmlischen Vater anzusprechen. Und diese Anrede ist sowohl eine große
Entdeckung, wie ein großes Mißverständnis:
Ein Vater sorgt für seine Familie. Er kümmert sich um seine Kinder. Er
sorgt dafür, dass sie bekommen, was sie zum Leben brauchen. Er wendet
sich seinen Kindern zu. Er trägt sie, wenn sie nicht mehr laufen
können. Er nimmt sie zärtlich in den Arm, wenn sie weinen. Er tröstet
sie, wenn sie Angst haben. Gott ist wie ein solcher Vater. Eben kein
Gott, der auf irgendeiner Wolke thront und belustigt das Treiben
seiner winzigen Menschlein anschaut. Ein Vater, der sie nicht allein
lässt. So einer ist Gott. Einer, der sich ansprechen läßt.
Vertrauensvoll, auf Du und Du, sozusagen.
Soweit die Entdeckung.
Und das Mißverständnis?
Das Gott sei, wie ein menschlicher Vater, mit allen menschlichen
Fehlern, die Väter, wie auch Mütter, nun mal auch haben können. Immer
wieder hören und lesen wir von Kindern, denen von Ihren Eltern
Schlimmes widerfährt und die Dunkelziffer ist groß.
Gott ist keiner, der prügelt, mißbraucht und vernachlässigt. Gott ist
kein Mensch, weder Vater noch Mutter. Gott ist Quelle und Ziel des
Lebens, begleitet und bewahrt.
Geheiligt werde dein Name.
Aber was heißt das: heiligen? Heißt heiligen: Gelegentlich etwas
Besonderes zu tun, eine große Tat zu vollbringen, um Gott zu gefallen?
Oder heißt heiligen, zu beten, sooft und wann immer es geht? Nein, das
beides heißt es nicht.
Der Name Gottes wird geheiligt, wo Menschen im Sinne Gottes leben. Die
Menschen, die im Namen des dreieinigen Gottes getauft sind, in enger
Verbindung zu Gott stehen, sollen dies deutlich machen. Und das
geschieht immer dann, wenn Menschen dem Vorbild Jesu folgen: Wer sich
um den Schwachen kümmert; wer dem Fremden hilft, wer den Kranken
besucht; wer den Straftäter nicht verachtet - der gibt Gott die Ehre;
der heiligt seinen Namen.
Der Name Gottes wird geheiligt durch unser Tun. Nicht durch die großen
Taten, sondern durch die kleinen, alltäglichen Zeichen der Liebe.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.
Das Reich Gottes möge zu uns kommen. In ferner Zukunft wird es
hereinbrechen. Es wird am Ende der Tage der Welt offen legen, was gut
und richtig und was falsch und böse war. Doch noch ist es nicht so
weit.
Wunderbar, dann kann ich getrost darum bitten.
Dein Reich komme, dein Wille geschehe, hier und heute, so dass keine
Kriege mehr Leid über die Menschen bringt. Das der Hunger endlich
endet. Und die Ungerechtigkeit!
Gottes Reich möge kommen, Gottes Wille geschehen. Schon heute.
Es ist schön einfach, es für gut zu halten, dass Gottes Wille so im
Allgemeinen, in der Welt und überhaupt geschehen soll.
Martin Luther nennt diese Bitte allerdings nicht umsonst eine
gefürchtete Vaterunserbitte.
Gott meint nie das Allgemeine. Es geht um Gottes Willen für die Welt,
ja, natürlich. Aber zunächst einmal geht es um Gottes Willen für mich,
mein Leben und Ihres.
Wer betet: Dein Wille geschehe, der bittet darum, selbst verwandelt zu
werden. Laß deinen Willen geschehen in der Welt, Gott, auch durch
mich.
Es kann heißen: Mit den Trauernden trauern. Und ihre Tränen abwischen.
Es kann heißen: Lachen mit den Fröhlichen. Und ihre Freude teilen. Es
kann heißen: Frieden stiften bei den Streitenden. Und sie versöhnen.
Es kann heißen: Teilen mit den Hungernden. Und geben, was ich über
habe. Das Reich Gottes hat viele Namen.
Und weiter: Nicht mein Wille möge geschehen, sondern der Wille Gottes.
Eigentlich widerstrebt mir das: Ich will doch tun und lassen, was ich
will. Da soll mir niemand reinpfuschen. Doch genau darum beten wir.
Darum, von meinem eigenen Willen abzusehen. Mein Leben in die Hand
Gottes zu legen. Was mir geschieht, geschieht nicht ohne den Willen
Gottes. Ich darf auch einmal etwas geschehen lassen. Mit mir, mit den
anderen. Ich muss nicht ständig meinen Willen durchsetzen. Gottes
Wille möge sich verwirklichen in meinem Leben und für mein Leben.
Unser tägliches Brot gib uns heute
Ist das denn nicht eine mehr als überflüssige Bitte? In unserem
immer noch reichen Land, in dem sich die Mehrheit der Menschen sich
glücklicherweise keine Gedanken machen muss um das, was sie morgen
essen werden, oder trinken, wie sie sich kleiden, oder wo sie wohnen.
Ich höre und bete sie auf zwei unterschiedliche Weisen, diese Bitte um
das tägliche Brot: Sie gibt Orientierung. Bei all unseren
Möglichkeiten sind wir von Gott abhängig, wir sind Bittende. Gott
schenkt Leben, Nahrung, Gemeinschaft, alles, was wir zum Leben
brauchen. Wenn wir beten: "Unser tägliches Brot gib uns heute", dann
erinnern wir uns daran, dass all' dies nicht selbstverständlich ist.
Wir empfangen es aus der Hand Gottes.
Und auch: Diese Bitte verbindet uns mit den Menschen, die tatsächlich
hungern. Da heißt es nicht: Bitte Gott, sorge für meine Nahrung! Unser
tägliches Brot gib uns heute, indem ich dies bitte stelle ich mich
hinein in die Solidarität mit den Hungernden und ich nehme mich selbst
in die Pflicht, die Nahrung, die Gott schenkt, gerecht zu verteilen.
und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Hier ist nicht die Rede von einer Schuld, die von Anfang an auf uns
Menschen lastet. Erbsünde, Gottes donnerndem Gericht, erst einmal
verurteilt und dann, sehen wir weiter...
Aber ehrlich: Ich kann nicht leben, ohne schuldig zu werden. Ich kann
nicht handeln, ohne Fehler zu machen. Ich kann nicht mit anderen
umgehen, ohne sie zu verletzen. Manchmal merke ich das gar nicht.
Manchmal bemerke ich nicht, wenn ich jemanden demütige mit meinen
Worten. Manchmal fällt mir ein Fehler erst auf, wenn es zu spät ist.
Und manchmal tue ich es sogar bewusst. Nein - ohne Schuld kann ich
nicht leben. Mit der fünften Bitte bitten wir Gott, dass er uns
vergibt. Wir bitten, dass wir noch einmal von vorn beginnen können.
Dass ich nicht für immer und ewig auf meine Fehler festgenagelt werde.
Hier ist aber auch nicht die Rede von einem Handel mit Gott: Wenn ich
mal ein Auge bei einem Menschen zudrücke, der an mir schuldig geworden
ist, Gott, dann mußt du mir doch alle Schuld vergeben. Alles fängt bei
Gott an: Gott befreit – und als freier Mensch muss ich nicht andere
Menschen auf ihren Fehlern festnageln.
Und führe uns nicht in Versuchung sondern erlöse uns von dem Bösen,
Für mich persönlich ist dies die schwierigste Bitte von allen. So
erlebe ich Gott nicht, habe ich Gott nie erlebt, dass Gott Menschen in
Versuchung führt, Menschen prüft und testet. Dieses Leben ist nicht
die Teststrecke für Gottes Reich der Himmel.
Aber ich weiß, dass Menschen zu allen Zeiten ihr Schicksal annehmen
konnten, weil sie es als Prüfung erfahren haben, in der sie sich
bewähren können.
Aus ganzem Herzen könnte ich beten: Gott, führe uns aus der Versuchung
und erlöse uns von dem Bösen!
Denn Versuchung ist eine Realität und ich spreche nicht vom Stück
Kuchen zuviel.
Versuchung, das ist Macht zum reinen Machterhalt anzuwenden,
Versuchung ist, mein Licht aus Bequemlichkeit „unter den Scheffel zu
stellen“, Versuchung ist, Schuld immer den anderen zuzuschieben,
Versuchung ist , mich mehr zu lieben als Gott und die Nächsten, oder
viel weniger.
Woher kommt das Böse in der Welt? Woher kommt es, dass ich manchmal
tue, was ich gar nicht will?
Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Es gibt nichts Böses, außer
der Mensch lässt es geschehen und beteiligt sich daran.
denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Nicht von Anfang an gehörte dieser Schluss zum „Vater unser“ dazu.
Erst später, im Lauf des ersten Jahrhunderts schloss die Gemeinde die
Gebetsbitten mit diesem Lob Gottes ab. In einer Zeit, als die
christlichen Gemeinden schon sehr mißtrauisch beäugt oder sogar
verfolgt wurden. Gebetet aus dem Gefühl der Macht – und Wehrlosgkeit,
werden die Worte zum Protest: Dein, Gott, ist das Reich – es gehört
nicht den Römern, nicht den Herren dieser Welt. Dein ist die Kraft –
die Stärke der römischen Legionen, die Hochrüstung bestimmt den Lauf
der Geschichte nur scheinbar.Dein ist die Herrlichkeit – die dekadente
Schönheit von Reichtum, Jugend, Geld ist vergängliche Fassade.
Wer den Lobpreis betet, protestiert im Namen Gottes gegen
menschenverachtende Werte, setzt Liebe gegen Macht, Schwachheit gegen
Stärke und Gottes Herrlichkeit gegen den schönen Schein.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 13.05.07