
Berührungsängste
Predigt zum Sonntag Septuagesimä, 4. Februar 2007
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm
Herrn. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
er hätte jetzt ein Problem, erzählte mir mein katholischer Kollege.
Gemeindeglieder hätten die Abschaffung des Friedensgrußes während der
Messfeier gefordert. Die Hand geben zu müssen einem Menschen, den man
nicht kennt – das hätte eine zu große Ansteckungsgefahr. Beim
100jährigen Jubiläum des Schützenfestes erzählte er mir dies. Einer
der Friedensgruß-Kritiker saß ein paar Tische weiter und trank gerade
fröhlich aus einem gebrauchten und ungespülten Schnapsglas: Prost!
Mir fiel dazu eine Äußerung eines Presbyters ein – keine Angst, das
war nicht unsere Gemeinde! – der ebenfalls den Friedensgruß beim
Evangelischen Abendmahl abgeschafft sehen wollte: „Da muss man ja
Menschen die Hand geben, die einem gar nicht sympathisch sind; denn
manchmal kann es man gar nicht vermeiden, neben Leuten zu stehen, die
man nicht mag …“.
Ansteckungsgefahren gibt es. Dass sich nicht alle Menschen mögen,
sollte man auch schon ernst nehmen. Die Nähe, die uns im Abendmahl,
manchmal schon im Kirchraum oder in einer Gemeindegruppe „zugemutet“
wird, ist manchen zu viel. „Zumutung“? Ich bleibe bei diesem Wort
hängen. Vielleicht will uns ja Gott etwas „zumuten“? Vielleicht will
er ja, dass wir uns auch einmal überwinden, auch anderen nahe zu
kommen, deren Nähe wir außerhalb der Kirche nicht suchen? Vielleicht
mutet Jesus auch anderen Menschen etwas zu, vielleicht geht es ja gar
nicht darum, es allen recht zu machen, sondern den Mut zu bekommen,
das eigene Verhalten zu hinterfragen?
Jesus jedenfalls hat Grenzen zwischen Menschen gesprengt. Und das war
nicht immer einfach für sein Umfeld, ihm darin zu folgen.
Der Predigttext steht im Matthäus-Evangelium im 9.Kapitel:
„Jesus sah einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm.
Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? Als das Jesus hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Geht aber hin und lernt, was das heißt: „Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.“ Hosea 6,6
Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.“
Soweit unser Predigttext. Gott, segne dein Wort an uns allen. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
Der Zöllner Matthäus, der als Handlanger und Profiteur der Besatzer
und verhasster Eintreiber von ungerechten Steuer an einem Brennpunkt
von Gewalt und Macht saß, der hatte es zunächst leicht. Zu dem kam
nämlich Jesus und er sagte ihm: „Folge mir!“ Und weil es Jesus war,
der in diesem rücksichtslosen Funktionär den Menschen Matthäus sah,
der in Wahrheit, in seinem innersten Herzen gar nicht rücksichtslos
über Leichen gehen wollte, deshalb konnte er aufstehen und mit Jesus
den Weg der neuen Gerechtigkeit mitgehen.
Der Blick Jesu war es, der ihn so radikal veränderte. Der ihm Mut zum
freien Leben gab, der ihn zu sich selbst finden ließ.
Aber so einfach ist es nicht immer. Es sagt nicht immer einer: „Folge
mir“ und dann ist alles im Lot. Auch Matthäus brauchte seine Zeit,
sich in seinem neuen Leben einzurichten.
Unser Predigttext spricht ja auch von der Gemeinschaft, die Jesus mit
Zöllner und Sündern hält, an der sich die Pharisäer und
Schriftgelehrten so stören. Ohne diese Gemeinschaft gibt es auf Dauer
keine neue Gerechtigkeit, keine wirkliche Hoffnung für unsere Welt. Es
reicht eben nicht, privat ein bisschen Mitleid mit den Opfern,
vielleicht auch den Tätern von Unterdrückung, Egoismus und Fanatismus
zu haben. Es reicht nicht, Abend für Abend in der Tagesschau oder wo
auch immer die Auswüchse immer neuen Hasses in der weiten Welt oder zu
Hause zur Kenntnis zu nehmen und ansonsten weiterzuwursteln wie
bisher.
Jesus dreht den Spieß um. Er setzt sich zu den Ausgestoßenen, den
Unter-die-Räder-Gekommenen, den Opfern, er isst und trinkt mit ihnen,
er lebt mit ihnen. Es gibt die - so finde ich - durchaus
ernstzunehmende Theorie, dass es diese Tischgemeinschaften mit
Zöllnern und Sündern waren, die erst zum Sakrament des Abendmahls
geführt haben. Es gab sicher auch das letzte Passah-Mahl Jesu mit
seinen Jüngern, das prägend war für das Abendmahl der Christen. Doch
genauso wahrscheinlich ist es doch, dass man sich darüber hinaus an
die vielen Mahle erinnerte, die Jesus eben nicht mit den Auserwählten,
sondern den Ausgestoßenen, den Außenseitern hielt. Gerade deshalb fand
man zu dem großen Mut und der großen Freude, in der Fortsetzung der
Abendmahls-Gemeinschaft die Versöhnung zwischen Gott und den Menschen
und eben allen Menschen auch hier auf der Erde zu feiern.
Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Geht aber
hin und lernt, was das heißt: „Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit
und nicht am Opfer.“ Hosea 6,6
Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.“
Nicht die Gerechten werden angesprochen, sondern die Sünder. Dieser
Jesus ist unbequem. Er steht auf der roten Liste der Starken und
Selbstgerechten. Dieser Jesus lädt aber alle ein, die heute gegen die
Ellenbogen-Kultur der Geschäftemacher, Egoisten und skrupellosen
Politiker eine andere Kultur leben: Eine Kultur des
Nicht-immer-Stark-sein-Müssens, der Menschlichkeit und Achtsamkeit
gerade gegenüber dem Schwachen.
Mit solchen Menschen sucht Jesus die Gemeinschaft. Mit „Zöllnern und
Sündern“ - das sind heute die kranken Menschen, weil sie der Egoismus
anderer hat zerbrechen lassen, das sind die älteren Menschen, denen
das Reden von dem Rentnerberg einfach nur wehtut, das sind aber auch
die Jugendlichen, von denen wirklich viel verlangt wird, die sich oft
nach Schutz und einfach nur Liebe und Annahme sehnen, das sind heute
die Ausländer und Fremden, denen Hass und Vorurteile immer stärker ins
Gesicht blasen, das sind Aids-Kranke und Homosexuelle, Strafgefangene
und Obdachlose. Eine erfolgreiche Firma kann man damit nicht aufbauen,
aber das Reich Gottes. Wer mit solchen Menschen am Tisch sitzt,
bekommt von den ach so selbstgerechten Leuten ein entsetztes
Kopfschütteln. bei Jesus aber diesen Blick, der alles ändert: „Dich
meine ich. Komm mit mir, du, sei einfach: Mensch.“
Und Jesus legt die Hand auf den leeren Stuhl neben sich und lädt uns
ein: „Komm, setz dich zu uns an den Tisch. In dieser Gemeinschaft bist
du willkommen. Lass das Rennen um das Goldene Kalb, höre auf mit der
Dummheit der Leute mitzubrüllen, dass nur Stärke, nur Ellenbogen
zählten. Deine Schwachheit ist gefragt, dein Kranksein, dein Mitleiden
an der Not anderer. Dich wollen wir haben. Du bist uns wichtig. So wie
du bist. Iß und trink mit uns - und du wirst aufleben, glücklich sein.
Du bist nicht mehr allein, unsere Gemeinschaft wird dich tragen und
dir neuen Mut geben.“
Zum Anfang: Der Friedengruß beim Abendmahl. Leibhaftig erfahren wir
hier, wie Gott uns nahe kommt und uns so annimmt, wie wir sind. Und
Gott mutet uns zu, dass wir auch zumindest versuchen, einander
anzunehmen, wie wir sind. Versuchen wir es. Es ist manchmal auch eine
unendlich befreiende Erfahrung, Grenzen zueinander zu überschreiten.
Gott mutet uns sogar zu, über unseren Schatten zu springen. Und das
nicht nur beim Friedengruß im Abendmahl. Das ist erst der Anfang.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.
Gott, wir danken dir.
Für die Aufbrüche in unserem Leben. Für die Menschen, die uns auch zu
Ungewohntem Mut machen. Für Begegnungen, die uns aufblühen lassen. Für
die Schmetterlinge im Bauch. Für die Zuneigung, die wir spüren, für
die Liebe, die uns treibt. Wir danken dir für die Menschen, die etwas
von uns wollen, die uns wollen.
Wir bitten dich:
Öffne uns, mach uns weit, dass wir uns einlassen können, wo wir
gefragt und gefordert sind. Mach uns kritisch gegenüber festgefahrenen
Linien und Urteilen. Zeige uns das hinter dem Sichtbaren Verborgene,
stärke unser Gespür für die verschiedenen Seiten einer Sache oder
Angelegenheit. Hilf uns, zur Klarheit unsere Antworten Ja zu sagen
oder Nein. Warne uns, bevor wir uns verrennen.
Wir bitten dich heute besonders für die Menschen, die sich ausgelaugt
und abgekämpft fühlen.
Für die, die sich überfordert fühlen.
Für alle, die neue Anregungen brauchen und neuen Mut.
Für alle, die an einem Wendepunkt ihres Lebens stehen.
Für die, die weit greifende Entscheidungen zu treffen haben.
Für die, die sich mit dem Scheitern ihrer Lebensplanung ausgesetzt
sehen.
Für die, die deine Barmherzigkeit brauchen.
Für die, denen Recht und Gerechtigkeit nicht selbstverständlich
zustehen.
Wir bitten dich auch für die, die anderen Mut machen, die Neues wagen
und andere mitziehen.
Für die, die Entscheidungen treffen und sich auf dich verlassen.
Für alle, die für andere Menschen Verantwortung tragen.
Für die, die für Recht und Gerechtigkeit kämpfen.
Für die, in deren Liebe du uns begegnet.
Dies bitten wir durch Jesus Christus, deinen Sohn, der mit dir im
Heiligen Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 04.02.07