
Müßte Gott nicht endlich mal wieder reden?
Predigt zum Sonntag Sexagesimä, 11. Februar 2007
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
V. Reihe: Jesaja 55, 10-12a
Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und läßt wachsen, daß sie gibt Samen, zu säen, und Brot, zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende. Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden.
„Müßte Gott, wenn es ihn denn gäbe, nicht endlich mal wieder reden und
aktiv werden angesichts dessen, was in dieser Welt alles geschieht an
Leid und Ungerechtigkeit!“ – eher zufällig kam dieses Gespräch zu
Stande in dessen Verlauf es so aus dem kritischen, kirchenfernen Mann
herausbrach.
Ich verstand ihn gut und ich glaube, man muss nicht einmal kirchenfern
sein, um so zu denken. Würde Gott ganz deutlich reden, wie zu Zeiten
der Bibel, dann würde doch sicher der Gottlose von seinem Wege lassen
und der Übeltäter von seinen Gedanken und sich bekehren zum HERRN.
So wie Regen und Schnee die Erde fruchtbar machen, so soll mein Wort
auch sein, sagt Gott durch den Mund des Propheten, den wir den zweiten
Jesaja nennen. Das Wort Gottes wird tun, was Gott gefällt und es wird
gelingen. Eine große und gute Verheißung, liebe Gemeinde, die da am
Ende des 2. Jesajabuches steht. Eine Vision vom Reich Gottes wird da
den Menschen in der Gefangenschaft des Exils vor Augen gezeichnet.
Gott, der weit entfernt schien, läßt sich finden, seine Worte sind
nicht nur Schall und Rauch, sondern spürbar am Werk.
Jesaja knüpft an die Erfahrungen der Menschen an: Wenn nach Monaten
der Trockenheit der erste Regen fällt, verändert sich das Land. Es ist
eine Wohltat, der Staub wird weggespült, die Farben werden intensiver,
nach dem Regen wird vieles klarer, Menschen können aufatmen.
Und dann kurze Zeit später ist überall die Wirkung des Regens zu
spüren: das gelbverbrannte wird grün, da wo vorher nur Staub und
Trockenheit war, sprießt neues Leben, das öde Land verwandelt sich in
einen lebendigen Blumenteppich.
Die Menschen, die dem zweiten Jesaja zuhören, wissen, wovon er redet,
sie erleben in jedem Jahr, was er beschreibt. So unwiderstehlich
mächtig also, soll Gottes Wort sein.
Wunderbar!
Aber mal ehrlich - wo haben Sie zuletzt Gottes Wort so unmittelbar
wirksam erfahren? Wo haben Sie es überhaupt hören können.
Die geübten KirchgängerInnen können natürlich jetzt sofort entgegnen,
na hier, im Gottesdienst! Welchen Sinn sollten Gottesdienste haben,
wenn nicht den, Gottes Wort zu hören, wie es die Lektorinnen und
Lektoren jeden Sonntag aus dem ersten und zweiten Testament vorlesen.
Oder zu Hause, wenn ich in der heiligen Schrift lese.
Viele von Ihnen besuchen regelmäßig die Versammlung Samstags und
Sonntags nachmittags, lesen die Bibel und hören die Auslegung der
heiligen Schrift. Auch da begegnet Ihnen Gottes Wort.
Stimmt!
Aber hatten Sie nie, wenigstens zeitweise den Eindruck, hier wird eine
Sprache gesprochen, die ich nicht kenne? Das sind uralte Worte, die
mir nichts mehr sagen und geben?
Für viele Menschen scheint Gott nicht mehr unsere Sprache zu reden.
Was bedeuten die Texte, die hier in der Kirche vorgelesen werden, die
in der Bibel zu finden sind? Und viele drückt die Frage: warum hat er
eigentlich vor fast 2000 Jahren, mit Abschluss des Neues Testaments,
aufgehört zu reden?
Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege nicht meine
Wege, spricht Gott, durch Jesaja. Heißt das, wir müssen Gottes Wort
nicht mehr verstehen? Wir sind als Menschen sowieso zu klein und
unbedeutend? Wir müssen nur hören und staunen?
Ich glaube, wenn das Gottes Wille gewesen wäre, hätte er sich nicht
die Mühe gemacht, Menschen zu schaffen.
Gottes Gedanken sind allerdings wirklich nicht unsere Gedanken, seine
Einfälle gehen uns oft nicht in den Kopf.
Anstatt sich mit den Herren der damaligen Welt zu verbünden, sucht er
sich dahergelaufene Sklaven aus, die ihn auch noch permanent
beschimpfen. (nachzulesen im zweiten Buch unserer Bibel.)
Um den Menschen ein Hoffnungszeichen in den Weg zu legen, sucht er
sich eine bettelarme Ausländerin und ihre moral-lose Schwiegermutter.
(das Buch Ruth)
Als Krönung dieser undurchsichtigen Ideen läßt er dann sein Wort
Fleisch werden, aber leider nicht so, wie von allen erwünscht und
erhofft, als Retter und Heilsbringer auf dem Königsthron, sondern als
Kind einer unbedeutenden Handwerkerfamilie in einer Stallhöhle.
Und Gottes Gedanken und Worte brechen nicht plötzlich im Jahr 120
unserer Zeitrechnung ab. Wir müssen nur die Übersetzung seiner
Gedanken und Wege leisten, wie wir ja auch Bibeltext immer wieder
übersetzen müssen in unsere Wirklichkeit und nicht für eins zu eins an
uns adressiert halten können.
Ich könnte mir vorstellen, jedes Kind, das geboren wird, ist einer
dieser Gedanken Gottes. Vielleicht um der Familie zu sagen: ich liebe
euch so sehr, dass ich euch neues Leben anvertraue.
Oder auch um uns als Gemeinde ein Zeichen zu geben: meine Geschichte
mit euch geht weiter. Aber vielleicht auch um uns zu erklären: sorgt
dafür, dass auch die in der Gemeinde ein Zuhause finden, die sich im
Gottesdienst, so wie er jetzt ist, fremd vorkommen. Kümmert euch
umeinander. Ich vertraue euch die Zukunft meiner Kirche an.
Gottes Wort: Für den Sterbenden ist das die Hand, die ihn streichelt
und sagt: du bist nicht allein.
Für die, die immer allein sind ist das vielleicht das freundliche
Lächeln der Nachbarn.
Wort Gottes: das hat mal jemand so beschrieben:
Jeden Morgen gießt du von neuem Sonne deiner Welt ins Angesicht sagst:
Du bist meine Schöpfung
Jeden Morgen weckst du von neuem, Leben deinen Städten in die Straßen,
sagst: ihr seid meine Wohnung.
Jeden Morgen gibst du von neuem Stimme deinen Spatzen in die Kehle,
sagst: Ihr seid meine Lieder.
Jeden Morgen hauchst du von neuem Atem deinen Menschen auf die Lippen,
sagst: ihr seid meine Bilder.
Jeden Morgen küßt du von neuem Farbe deinen Blumen in die Kelche,
sagst: Ihr seid meine Wunder.
Jeden Morgen streust du von neuem Hoffnung allen Wesen auf die Wege,
sagst: Ich bin euer Gott. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 17.02.07