Siehe, ich mache Neues, jetzt sprießt es auf, erkennt ihr es nicht?
Mit welchen Ohren hören Sie diese Jahreslosung für das kommende Jahr,
liebe Gemeinde?
Natürlich mit den Ohren, die sich an meinem Kopf befinden – werden Sie
mir im Stillen antworten und haben sehr Recht damit. Allerdings, dass
was wir hören, wirklich hören und aufnehmen, hängt sehr von unserer
Lebenssituation ab.
Wasser – z.B., wenn Sie gerade aus dem Regen hereinkommen werden sie das
Wort hören und denken, nicht noch mehr, davon hatte ich wirklich genug –
und es wird sie fast ärgern von Wasser zu hören.
Wasser – nach einem langen, heißen Sommertag werden Sie die Ohren
spitzen bei diesem Wort, denn Wasser dürfte das sein, wonach Sie sich
sehnen.
Wasser – der Küster zuckt vielleicht zusammen und fragt sich – habe ich
eine Taufe vergessen, versäumt, mich um Taufwasser zu kümmern?
Wasser? Habe ich die Blumen gegossen bevor ich verreist bin?
Wir hören Begriffe mit unterschiedlichen Ohren, je nach unseren
Erfahrungen, unserer Lebenssituation, unserer Befindlichkeit.
Ähnlich wenn wir das Wort „Neues“ hören.
Kommen Sie gerade aus der Stadt oder haben zu Hause die Werbeprospekte
gelesen, wird das Neue Sie nicht vom Hocker reißen: alles ist neu – die
Neue Frühjahrsmode, die Neuerscheinungen bei Büchern oder Musik, die
neuen Wunderpillen in den Apotheken, die neu-ste Technik. Na gut, dann
ist eben auch in der Bibel mal etwas neu, wie überall.
Siehe, ich mache Neues.
Neu – o nein, Gott, nicht auch noch bei dir, überall müssen wir uns
ständig auf Neues einstellen: neue Mehrwertsteuersätze, neue Regelungen,
neue Kirchen, Liturgien, neu, neu, neu – ich habe Angst, ich kann bei
dem ganzen Neuen nicht mithalten, mich nicht so schnell daran gewöhnen.
Neu – wer weiß, was das für mich heißt? Bei dem Alten fühle ich mich
sicher, auch wenn es nicht immer gut ist, aber ich weiß wenigstens,
woran ich bin.
Neu – endlich Neues. Unter dem wie es bisher war, leide ich doch schon
so lange.
Siehe, ich mache Neues, jetzt sprießt es auf, erkennt ihr es nicht?
Die Menschen, denen der Prophet, der sich in der Tradition des Propheten
Jesaja versteht, die Gottesrede ausrichtet, gehören wohl eher zur
letzten Gruppe. Sie leiden unter der Situation, in der sie leben müssen.
Im Exil in Babylon. Fremdbestimmt durch die Sieger. Inmitten einer
fremden Kultur und Sprache, fremden Lebensgewohnheiten. Die Eroberung
und Zerstörung Jerusalems haben sie als Strafe Gottes für ihren Hochmut
erlebt und nun sind sie verzweifelt, zweifeln auch daran, ob ihr Gott
sie auch im fremden Land, weit weg vom Haus Gottes, dem Tempel, noch als
sein Volk betrachten wird. Seit Jahren leben sie nun schon in Zweifel
und Ungewißheit, auch in Perspektivlosigkeit, wie soll es weiter gehen?
Werden sie sich irgendwann an die Sitten und Gebräuche, an Sprache und
Religion der Babylonier anpassen?
Siehe, ich mache Neues, jetzt sprießt es auf, erkennt ihr es nicht?
Und der Prophet erinnert daran, dass Gott schon einmal seine Menschen
aus der Gefangenschaft befreit hat. Damit sie aus Ägypten fliehen
konnten, hat er sogar einen Weg durch das ;Meer eröffnet. Vor diesem
Gott gelten nicht militärische Stärke und Überlegenheit. Dieser Gott
befreit von den belastenden Erfahrungen und Erinnerungen an eine böse
Vergangenheit.
Siehe, ich mache Neues, jetzt sprießt es auf, erkennt ihr es nicht?
Siehe ich mache Neues. Ganz schlicht dieses Wort. Was das sein wird? Der
Prophet malt uns keine Traumschlösser oder Schlaraffenlandszenen vor
Augen. Neues – Wege in der Wüste und Wasserströme in der Einöde:
Unvorstellbare Dinge geschehen, weil Gott es will. Wege in der
Ausweglosigkeit und Leben in der Leblosigkeit. Dinge, von denen wir
Menschen nicht einmal zu träumen wagen.
Und noch einmal werden wir verblüfft, enttäuscht, überrascht, je nach
dem: „jetzt sprießt es auf“. Kein rasanter Weltenumbruch geschieht.
Keine gewalttätige Revolution, kein Donnerschlag. Das Neue Gottes
sprießt, wächst, entfaltet sich. Leicht zu übersehen. Leicht zu
mißachten. Erkennt ihr es nicht? Gott wendet sich seinen Menschen zu,
ganz sanft und zart und klein. Gott schafft Neues und lädt uns zum
Mittun ein. Von etwas „Wirbelsturm, Pauken und Donner“-Neuem könnten wir
uns nur überwältigen lassen, das müßten wir über uns ergehen lassen. Das
Neue Gottes, das sprießt und wächst, dürfen wir mit hegen und pflegen,
wir können daran mitarbeiten, dass das Neue auch gute
Wachstumsbedingungen hat. Der große Gott nähert sich und leise und
klein. Und Gott verändert so alles Bisherige von Grund auf.
Ich schenke in der Wüste Wasser, Ströme in der Einöde, um mein Volk zu
tränken, meine Auserwählten.
Das Volk, das ich mir gebildet habe, wird meinen Ruhm verkünden.
Eine starke Verheißung, die Losung für das neue Jahr 2007, ich wünsche
uns allen, das sie uns Mut und Hoffnung gibt und offene Augen, Ohren und
Herzen, das wir das Aufsprießen des Neuen auch wahrnehmen können. Amen.
Siehe auch die
Gedanken zur Jahreslosung aus biblisch-exegetischer
Sicht von Pfarrer Schuchardt
Weitere Andachten zu Jahreslosungen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 30.11.11